Der Gewässer- und Landschaftspflegeverband Mittlere Leine (GLV 52) habe die Situation mittlerweile entschärft, sagt die ÖSML‑Vertreterin. Im März und im September habe der Gewässerverband Drainagerohre in zwei Biberdämme eingesetzt. Die Vorrichtungen verhinderten, dass sich Wasser zu hoch aufstaut. Die Untere Naturschutzbehörde hatte den Eingriff in die Biberbauten, die ebenso wie die Tiere selbst streng geschützt sind, zuvor genehmigt.
„Der Biber ist eine Schlüsselart“, sagt die Biologin Kristine Gilster von der Ökologischen Station Mittleres Leinetal (ÖSML) – denn er trage zu Umweltschutz und Biodiversität bei. „Biber modifizieren eintönige Landschaften und schaffen Lebensräume.“ Durch die Aktivitäten der Nagetiere entstünden Mikrostandorte für Pflanzen sowie Raum für Amphibien und Gastvögel. Zudem regulierten Biber den Grundwasserstand. So bildeten sich Feuchtgebiete, die der Insektenvielfalt dienten. „Libellen profitieren von den Dämmen zum Beispiel ganz großartig.“ Solche Lebensräume würden benötigt: Die Biologin weist auf den rückläufigen Bestand vieler Arten hin. „Im Endeffekt profitieren wir selbst davon.“
Seit sieben Jahren lebten Biber in der Bruchriede, erklärte Gilster, die dort weiterhin von einer Familie mit fünf bis sechs Tieren ausgeht – „Biber sind reviertreu.“ Bei ihrem Ortstermin mit zwei Praktikanten der ökologischen Station, den Studierenden Lucia Stiebler und Hannes Enge, vermaß die Diplom-Biologin die Wassertiefe vor den bekannten Bauten: rund 50 Zentimeter. Das liege im Normalbereich, so Gilster.
Mithilfe der bei den Bauten eingebrachten Drainagen solle der Wasserstand künftig konstant gehalten werden. „Biber legen die Eingänge zu ihren Burgen so an, dass sie unter der Wasseroberfläche liegen“, erläuterte die Biologin. Sie benötigten Wassertiefen von mindestens 40 bis 60 Zentimetern. „Durch die Drainage gesteht man dem Biber in Rethen etwa 70 Zentimeter zu.“ Gibt es mehr Wasser, läuft es durch die Rohre ab.
Was problematisch ist: Wiederholt machten sich Unbefugte an den Dämmen zu schaffen. Immer wieder entfernten sie vom Biber aufgestapelte Gehölzteile. So fließt das Wasser an der Drainage vorbei und der Pegel hinter den Dämmen sinkt.
„Das ist maximal schlecht“, sagt Gilster, denn der Biber suche bei niedrigen Wasserständen umgehend nach Lösungen. „Er verschwindet nicht, wenn man die Dämme beseitigt.“ Stattdessen baue er umgehend neue, und das führe zu einem weiteren Problem.
Wenn Biber Dämme erneuern oder verlegen, benötigen sie zusätzliches Material, sagt Gilster. „ Also fällen sie weitere Bäume.“ Zu befürchten sei in Rethen zudem, dass die Nager unter die Brücke des Heiseder Entwässerungsgrabens ausweichen könnten, der nur wenige Meter vom zerstörten Damm entfernt in die Bruchriede mündet. „Da käme man wesentlich schlechter dran.“ Pflegearbeiten würden aufwendiger und teurer.Ungenehmigte Eingriffe sind strafbar. „Es wurden in der Region Hannover schon hohe Geldstrafen in fünfstelliger Höhe verhängt“, betont Gilster. Die ÖSML könnte Anzeige erstatten, sieht davon aber noch ab und hofft stattdessen auf Einsicht.
Inzwischen habe der Biber bachabwärts Richtung Leinemündung einen dritten, rund sechs Meter breiten Damm angelegt. „Dies ist mittlerweile sein Hauptdamm“, sagt Gilster. Das Problem: Für Pflegearbeiten sei dieser schlechter zu erreichen, zudem laufe das Wasser auf eine bisher wenig betroffene Wiese ab.
„Je mehr Material an den Drainagerohren entnommen wird, desto höher staut der Biber das Wasser an anderer Stelle auf“, mahnt die Vertreterin der ökologischen Station. Der Unterhaltungsverband setze den Damm künftig ein- bis zweimal im Jahr herab, sodass die Wiese abtrocknen könne. Auch wenn es naturschutzrechtlich möglich wäre, den Biber ganz zu entnehmen, sei dies keine Lösung. „Er wäre in der nächsten Saison sofort wieder da“, erläutert die Biberexpertin. „Wir müssen uns auf ein Zusammenleben einstellen und die dafür erforderlichen Maßnahmen treffen.“ Es sei wichtig, dass Bürgerinnen und Bürger mithelfen, sagt Gilster. So solle man die Stadt Laatzen oder den GLV informieren, falls die Drainage verstopft ist. Der Unterhaltungsverband würde dann die Rohre reinigen.
Dass auf den umliegenden Wiesen Wasser steht, sei ganz normal. „Das sind ausgewiesene Überschwemmungswiesen der Leine“, so die ÖSML-Vertreterin. Nicht umsonst heiße das dazugehörige Flurstück „Faule Wiese“. Zu den Überschwemmungen im Jahr 2024 habe der Biber nur bedingt beigetragen. „Das Wasser stand hier so hoch, weil wir viel Regen hatten und auch der Grundwasserspiegel angestiegen war.“