Der Bau-Turbo in Hemmingen ist beschlossen
Trotz Wohnungsnot: Stadt plant derzeit keine Satzung gegen Zweckentfremdung

Bau-Turbo: Kommunen können Wohnungsbauprojekte schneller genehmigen. Das ist der Kern des neuen Paragrafen 36a im Baugesetzbuch (BauGB).Fotomontage: Christian Ohde
Hemmingen. Wer in Hemmingen eine Wohnung oder ein Haus sucht, hat oft das Nachsehen. Denn in der Stadt herrscht akuter Wohnraummangel. Laut Wohnraumversorgungskonzept der Region Hannover von 2019 benötigte Hemmingen bis 2025 rund 400 neue Wohnungen. „Das Ziel ist bislang noch nicht vollständig erreicht“, sagt Stadtsprecherin Pia Henze. Denn bis 2024 sind nach Angaben des Landesamtes für Statistik nur 143 neue Wohnungen in Hemmingen entstanden.

Trotz des Wohnraummangels stehen offenbar etliche Wohnungen im Stadtgebiet leer. „Ich selbst lebe in einem Wohnblock mit 36 Eigentumswohnungen“, sagt eine Hemmingerin, die namentlich nicht genannt werden will. „Seit Jahren sind mindestens vier Wohnungen, also mehr als 10 Prozent, unbewohnt.“ Eine Wohnung stehe sogar bereits seit fünf Jahren leer. Von den Eigentümern bestehe wenig Interesse, diese Wohnungen zu vermieten. „Ich gehe davon aus, dass, wenn hier schon so viele Wohnungen leer stehen, es in anderen Mehrfamilienhäusern und anderen Gebieten in Hemmingen nicht viel anders ist.“ In Zeiten, in denen so viele Menschen dringend Wohnraum suchten, fände sie es sozial unverantwortlich, so zu handeln, sagt die 78-Jährige.

„Der Verwaltung sind vereinzelt Leerstände bekannt“, räumt Henze ein und ergänzt: „Es dürfte sich um eine sehr niedrige einstellige Prozentzahl handeln.“ Der Zentralverband der Deutschen Haus-, Wohnungs- und Grundeigentümer, Haus und Grund Hannover, bestätigt das. „Nach unserer Erkenntnis lassen unsere Mitglieder Wohnraum nicht leer stehen, da sie dadurch einen finanziellen Nachteil hätten“, sagt Pressesprecher Michael Nicolay. „Selbst wenn sie nur kostendeckend vermieten, ist es besser als ein Leerstand.“ Geldstrafen für ungenutzten Wohnraum wie in Hannover wird es vorerst in Hemmingen wohl nicht geben. Zwar gehört die Hemmingen zu den Kommunen mit angespanntem Wohnungsmarkt und könnte demnach mit Ordnungsgeld gegen Leerstände und die Zweckentfremdung von Wohnraum vorgehen. Doch bislang fehlt dazu eine entsprechende Satzung, wie sie die Landeshauptstadt im Sommer 2025 beschlossen hat. Seitdem sind Leerstände, die länger als sechs Monate dauern, in Hannover verboten, außer bei besonderen Umständen wie einer Sanierung. Diese muss aber „nachweislich zügig“ erfolgen.

Stadtsprecherin Henze sagt: „Nach Einschätzung der Verwaltung bestand bislang keine ausreichende Notwendigkeit für den Erlass einer entsprechenden Regelung.“ Die Stadt beobachte aber weiterhin den Wohnungsmarkt. „Sollte sich künftig ein entsprechender Handlungsbedarf ergeben, kann der Erlass einer Zweckentfremdungssatzung geprüft werden.“

Stattdessen plant die Stadt, mit dem Bau-Turbo des Bundes zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Die Hemminger Leitlinien für das Programm, das bis Ende 2030 gilt, hat der Rat der Stadt kürzlich einstimmig beschlossen. Demnach muss mindestens eine neue sogenannte Wohneinheit, also etwa eine Wohnung, geschaffen werden. Wohnraumerweiterungen erfüllen die Voraussetzungen nicht. Der Bau-Turbo solle nicht bei Vorhaben mit „hohen Konfliktpotenzialen“ gelten, also etwa bei Belangen von Nachbarn. Auch das Wohnen in Gewerbe- und Industriegebieten sowie Projekte außerhalb der Ortschaft sind vom Bau-Turbo ausgenommen. Die Stadtverwaltung betrachtet das Programm zurückhaltend: „Es bleibt abzuwarten, in welchem Umfang auf dieser Grundlage erteilte Baugenehmigungen tatsächlich zu Veränderungen des Ortsbildes führen und ob hierdurch zusätzlicher Wohnraum in Hemmingen geschaffen werden kann.“
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