Die Erde bebt –
und keiner merkt’s
Karfreitag gab es bei Pattensen
Erschütterungen. Mit einer Stärke
von 0,8 waren sie
für Menschen
nicht spürbar.

Am Karfreitag gab es im Bereich um Pattensen seismische Aktivitäten.Foto (Archiv): Oliver Berg/dpa
Pattensen. Ein Erdbeben bei Pattensen? Anders als in Süddeutschland oder im Westen entlang des Rheingrabens gilt Niedersachsen eigentlich nicht als klassische Erdbebenregion. Doch Karfreitag hatte es am Nachmittag eine kleinere Erschütterung in der Region gegeben. 0,8 soll die Stärke des Bebens betragen haben. Bislang lässt sich das Epizentrum nur grob zwischen Hannover und Hildesheim verorten – also möglicherweise bei Pattensen oder Sarstedt.

Was hat es mit diesem Beben auf sich? Ist es für Menschen spürbar gewesen? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was war passiert?

Das Erdbeben mit einer Stärke von 0,8 hat sich am Karfreitag gegen 16.40 Uhr ereignet. Laut der Internetseite Erdbebenews.de könnte sich das Epizentrum zwischen Hannover und Hildesheim bei Sarstedt – also in der Nähe von Pattensens Ortsteil Schulenburg mit dem Schloss Marienburg – befunden haben. Der Betreiber der Internetseite, Jens Skapski, schreibt dazu: „Aufgrund der wenigen seismologischen Stationen in der Region ist die Lage des Epizentrums aber nur mit recht großer Unsicherheit bestimmt.“ Ebenso ist unklar, in welcher Tiefe sich das Beben ereignet hat. Skapski betreibt die Internetseite privat. Er ist beruflich als Erdbebenauswerter beim Thüringer Seismologischen Netz an der Universität Jena tätig.

War das Beben für Menschen spürbar oder sogar gefährlich?

Nein. „Zu spürbaren Erschütterungen kommt es bei Erdbeben dieser Stärke nicht“, berichtet Skapski. Eike Bruns, Sprecher beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG), erklärt auf Nachfrage, dass die automatischen Detektoren des LBEG bei diesem geringen Beben gar nicht reagiert hätten. „Dieses Beben hat kein Mensch gespürt“, sagt er und ergänzt: „Das wäre erst ab einer Stärke von 1,9 oder 2,0 der Fall.“ Somit sei von der seismischen Aktivität auch keine Gefahr für Menschen oder Gebäude – das Schloss Marienburg befindet sich in der Nähe – ausgegangen. „Jedes Straßenfahrzeug verursacht in unmittelbarer Nähe stärkere Erschütterungen“, sagt Skapski.

Was war die Ursache für das Erdbeben?

Das ist nicht klar. Skapski und Bruns sagen beide, dass es Spekulation wäre, eine Ursache zu nennen. Womöglich könne das Beben mit Arbeiten am Kaliberg in Giesen zusammenhängen. Doch am Karfreitag scheint dies eher unwahrscheinlich. LBEG-Sprecher Bruns hält es für möglich, mit weiteren internen Messdaten der Ursache noch näher auf den Grund gehen zu können. Aber sicher ist dies nicht. Fest steht für ihn, dass es sich bei Erschütterungen im Raum Hannover stets um „induzierte Erdbeben“ handele. Das bedeutet, dass sie jeweils durch menschliche Aktivitäten verursacht wurden. „Natürliche Erdbeben gibt es hier nicht.“ Gewöhnlich sind es Verschiebungen in der Erde nach Erdgasbohrungen. Das hängt mit der Plattentektonik zusammen.

Gibt es einen Zusammenhang mit kürzlich vorgenommenen Bohrungen bei Schulenburg?

Es ist nicht einmal ein halbes Jahr her, da wurde bei Schulenburg an der Bundesstraße 3 etwa 350 Meter tief in die Erde gebohrt. Das LBEG wollte damit bis zu 200 Millionen Jahre alte Gesteinsschichten ans Tageslicht bringen. Ortsansässige befürchteten schon damals, dass dies im Anschluss Probleme bedeuten könnte. „Das Erdbeben hat mit der Kernbohrung nichts zu tun“, betont Bruns. Um Spekulationen vorzubeugen, schließt er zudem einen Zusammenhang mit der Lithium-Sucherlaubnis für Esso aus. Es habe noch gar keine Bohrungen diesbezüglich gegeben.

Niedersachsen gilt als erdbebensicher. Ist es das aber gar nicht?

Erdbeben sind in Niedersachsen gar nicht so selten. Allerdings erreichen diese nur selten eine bedeutende Magnitude. Laut Bruns ist der Bereich südlich von Hannover in Bezug auf Erdbeben „ein blinder Fleck“. Das heißt: Dort kommt es nahezu gar nicht zu Schwingungen der Erde. Entsprechend dürftig sind dort die Messstationen. Häufiger kommt es zu Beben in nördlichen Regionen des Bundeslandes. Im März 2024 ereignete sich ein Erdbeben der Stärke 3,6 bei Syke im Landkreis Diepholz. Bei Wardenburg im Landkreis Oldenburg hatte das LBEG im Februar ein Beben der Stärke 3,2 gemessen, im Februar 2026 gab es an einem Tag bei Visselhövede im Landkreis Rotenburg zwei Beben der Stärke 2,1 und 2,6.

Ab wann wird ein Erdbeben gefährlich?

Die Magnitudenskala ist logarithmisch aufgebaut, nicht linear. Ein Erdbeben der Magnitude 4,0 setzt eine 30-mal höhere Energie frei als ein Beben der Magnitude 3,0. Beben ab 3,0 bis 4,0 sind in der Regel spürbar, verursachen aber selten Schäden. Bis 5,0 sind Erschütterungsgeräusche wahrnehmbar. Bei stärkeren Beben sind Gebäudeschäden wahrscheinlich. Laut LBEG ereignete sich das stärkste bekannte Erdbeben in Niedersachsen am 3. September 1770 bei Alfhausen nördlich von Osnabrück. „Nach historischen Quellen führte es zu wenigen leichten Gebäudeschäden und wurde mit einer Intensität von 6 bewertet.“ Zum Vergleich: Das verheerende Erdbeben in der Grenzregion zwischen Syrien und der Türkei im Februar 2023 mit der Stärke 7,8 hatte fast 60.000 Tote und gut 280.000 eingestürzte oder beschädigte Gebäude zur Folge.



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