Niko Nikolaidis gehört zu Hannovers bekanntesten Künstlern: Seit er vor zehn Jahren mit dem Malen begann, hat er seine Bilder auf zahlreichen internationalen Ausstellungen gezeigt, unter anderem in den USA und in China, wo eines seiner Bilder für 56.000 Euro verkauft worden ist. Um sich künstlerisch weiterzuentwickeln, zog der 35-Jährige 2022 nach Köln. Nun ist Nikolaidis zurück – und eröffnet mit seinem Bruder Theo und Künstler Sven Liesy im Leine-Center ein offenes Atelier.
Auf der von der Mall einsehbaren und frei zugänglichen Geschäftsfläche können Center-Besucher den Künstlern beim Malen zusehen. „Die Leute sollen uns über die Schulter schauen und einen Einblick in unsere Arbeit bekommen“, sagt Theo Nikolaidis, der sich ebenfalls in der Kunstszene einen Namen gemacht hat. Außerdem seien Workshops für Schulen und andere Gruppen geplant. Gerade für Kinder sei es wichtig, nicht nur vor dem Computer zu sitzen oder an der Spielekonsole zu zocken, sagt der 33-Jährige. Daher soll das Atelier den Namen DAS Atelier bekommen, wobei DAS für „Design Art Social“ stehen soll.
Für Niko Nikolaidis ist dabei auch der therapeutische Aspekt der Kunst wichtig. „Bei uns allen ist der Schmerz das Fundament der Kunst“, sagt der 35-Jährige. „Bevor die Kunst mich gefunden hat, bin ich ganz unten gewesen.“
Nach seinem Abitur habe er Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Marketingmanagement studiert, erzählt Niko, der mit seinem Bruder Theo und drei weiteren Geschwistern in Resse aufgewachsen ist, wo die Eltern ein griechisches Restaurant betrieben. „Aber das Studium war nicht meins“, sagt er. Durch falsche Freunde und Drogen habe er den Halt verloren. „Ich wusste nicht, wie es weitergehen und was ich glauben soll.“
In seiner Verzweiflung habe er seine Gedanken aufgeschrieben, um sie mit anderen zu teilen. „Durch Zufall landete meine E-Mail bei einer Hamburger Galerie“, erzählt Nikolaidis. „Die dachten, das sei das Bewerbungsschreiben eines Künstlers, und wollten meine Bilder sehen.“ Zu diesem Zeitpunkt habe er jedoch mit Kunst noch gar nichts am Hut gehabt. Dennoch besorgte er sich Malutensilien und fing an. Mit Erfolg: „Ich merkte, wie gut mir das tat.“
Auch die Galerie war von seinen Werken begeistert und zeigte sie bei einer Ausstellung in Miami. Dort verkaufte Nikolaidis sein erstes Bild. „Die Kunst hat mich geheilt“, sagt er. „Und das möchte ich anderen weitergeben.“
Sven Liesy hat eine ähnliche Geschichte. Der 38-Jährige stammt aus dem Rheinland, seine Mutter starb früh, als Jugendlicher lebte er auf der Straße, nahm Drogen. Doch er fing sich, machte eine Ausbildung bei der Post und ging arbeiten. 2017 zog er der Liebe wegen nach Hannover, bekam jedoch schwere Depressionen. Vor drei Jahren ging er in eine Tagesklinik der MHH. Dort sagte man ihm, er solle malen. Das, was er zunächst als „Gekritzel“ einstufte, stellte er auf das Drängen seiner Frau bei Instagram ein.
„Die ersten Bilder habe ich dann für 20 Euro verkauft“, sagt Liesy. Inzwischen erzielen seine Werke Preise ab 2000 Euro aufwärts und wurden bei internationalen Kunstausstellungen gezeigt. Inzwischen kann Liesy von der Malerei gut leben. „Meinen Job als Postbote habe ich nach 13 Jahren gekündigt“, erzählt der dreifache Vater, der gerade im Auftrag der Daimler Truck AG in Langenhagen-Godshorn einen Mercedes-Truck mit seiner neoexpressionistischen Kunst verziert hat. Das Besondere daran: Liesy ist farbenblind, seine oft knallbunten Werke kann er selbst nicht sehen.
Auch Theo Nikolaidis hat klein angefangen, hat Lederjacken bemalt und für knapp 100 Euro verkauft. Mittlerweile tragen Stars wie Jason Derulo, Farid Bang und Sido seine Unikate, die heute Preise von 1200 Euro aufwärts erzielen. Auch seine Bilder können sich sehen lassen: „Sie verwandeln sich unter Schwarzlicht, etwa vom Pfau zum Phönix“, sagt der 33-Jährige, der versucht, in seiner Kunst verschiedene Epochen zu verbinden. Sein teuerstes Bild hat einen Preis von 24.000 Euro erzielt.
In den vergangenen Wochen haben die Künstler, die alle in Langenhagen leben, rund 50 ihrer Bilder in ihr neues Atelier gebracht. Dabei sind etliche Werke des Trios noch in Ausstellungen auf der ganzen Welt verteilt.
Liesy und Theo Nikolaidis hatten bereits seit 2024 im früheren Hinterzimmer und Warenlager des ehemaligen KEF-Bekleidungsgeschäfts im Obergeschoss des Centers ein Atelier. Die Räume konnten sie gemeinsam mit der Glowart-Gallery als zeitlich begrenzten Pop-up-Store kostenlos nutzen. Nun haben die Künstler die leer stehende Fläche des früheren Ulla-Popken-Ladens schräg gegenüber gemietet.„Wir freuen uns sehr, dass sie jetzt zu dauerhaften Mietern geworden sind“, sagt Center-Managerin Anastasia Cealaia. „Das ist eine echte Erfolgsgeschichte.“ Die Förderung der Kunst liege dem Center-Management sehr am Herzen. So sei auch geplant, künftig Bilder der Künstler in der Mall auszustellen, kündigt ihre Kollegin Beyza Canalp an.
Feste Öffnungszeiten wird es im Atelier der Künstler nicht geben, allein schon wegen der Reisen zu ihren internationalen Ausstellungen. Liesy ist im April mit dem von ihm bemalten Mercedes-Truck auf Deutschlandtour und Niko Nikolaidis in Manhattan in New York City. Für den 35-Jährigen ist Laatzen nur eine Durchgangsstation: Er plant, nach Dubai zu ziehen, wo die Nachfrage nach seinen Live-Painting-Aktionen besonders groß sei. Diese seien mittlerweile zum zweiten Standbein geworden.
Aufgetreten ist er damit unter anderem schon auf Mallorca, den Malediven und in Ägypten. Im Juni 2025 zeigte er eine Live-Performance beim Musikfestival World Club Dome in Frankfurt vor rund 40.000 Zuschauern. In Hannover hat er 2024 auf der Maschseefest-Bühne beim NP-Sommerfestival gemalt. Sein Bruder Theo hat unter anderem im Herbst 2025 bei der internationalen Kunstausstellung „Night of Contemporary“ auf Kreta live gemalt, wo er auch als Künstler des Jahres ausgezeichnet wurde.