Andreas Folkers verkleidet sich gern hübsch bunt. Als Frau. Der Marathonläufer ist eine Dragqueen – vielleicht die einzige Hannovers, so genau weiß man das nicht. Nur wenige wagen, ihr Anderssein ganz offen zu zeigen. Der Lister hat damit kein Problem. Er tritt sogar als Königin auf und will anderen Mut machen: zu laufen und sich zu trauen, Farbe zu bekennen. Ein Problem hat der 40-Jährige allerdings: „Die Schminke würde unweigerlich spätestens nach 500 Metern verlaufen. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.“
Im Herbst ist „Dr. Heidi Hoe“, so lautet sein Künstlername, in drei Wochen drei Marathons gelaufen. Berlin, Köln, München. Kein Thema normalerweise, doch der topfitte Diplom-Geograf war bei einer Einheit in Hannover umgeknickt. Inzwischen steht die Diagnose fest, mit einem dreifachen Bänderriss am Knöchel muss Folkers länger pausieren und wird den ADAC Marathon in Hannover (12. April) verpassen. „Das ist bitter, aber dann feuern wir eben an“, sagt er. Am Duve-Brunnen in der Calenberger Neustadt wird es einen Hotspot der queeren Community geben – und Folkers kann sich als Dragqueen herausputzen.
Sportlich war der gebürtige Emsländer schon immer. Und dass er anders ist, ließ man ihn früh wissen. „Das waren die üblichen dummen Sprüche, heute würde man es wohl Mobbing nennen“, so Folkers, „aber ich hab mein Ding gemacht.“ Folkers spielte Theater und wäre gern an die Schauspielschule gegangen, entschied sich jedoch für ein Studium der Bodenkunde und Archäologie. „Das bereue ich eigentlich“, sagt der Mann, dessen Marathon-Bestzeit bei ausgezeichneten 3:30,10 Stunden steht.
Folkers arbeitet in Jever am Schlosspark, er pendelt. Fürs Theater bleibt wenig Zeit, dennoch betritt er gelegentlich als „Dr. Heidi Hoe“ die Bühne. In der Schwulen Sau oder im Checkpoint Untenrum (Aidshilfe und Beratungsstelle) ist er beim Lipsynching zu erleben, der durchtrainierte Mann bewegt also die Lippen zur Musik. Gern zu Songs von Queen, deren „I want to break free“ bezeichnet er als Erweckung: „Das war die Geburt der Heidi.“
Folkers verehrt Heidi Klum, der englische Begriff Hoe lässt sich sehr frei mit Schlampe übersetzen – fertig war der Künstlername. An seiner Doktorarbeit (es geht um die Rekonstruktion eines kaiserzeitlichen Fundplatzes in der Wesermarsch) schreibt er noch.
Mit seinem Ehemann zog Folkers nach Hannover, inzwischen ist er geschieden. In der Großstadt sei er nach der Trennung aufgeblüht. Gelaufen ist er anfangs bei einer Gruppe des SLS Leinebagger, dem ersten schwul-lesbischen Sportverein Niedersachsens oder beim Park Run (immer samstags um 9 Uhr) im Georgengarten. „Das ist grandios, besonders für Anfänger. Man kann schließlich nicht sofort einen Marathon laufen, auch wenn das in sozialen Medien oft suggeriert wird“, sagt Folkers, der gerade seinen neuen Partner Daniel fürs Laufen begeistert. Sein Verein heißt „Gaymeinsam für Hannover“ und hat etwa 50 Mitglieder.
Künftig will sich Andreas alias Heidi an größeren Distanzen versuchen und seine Marathon-Bestzeit toppen. Kraftsport und Training für den Rumpf gehören dazu. Als Dragqueen (früher: Transvestit) auf die Strecke zu gehen, fände Folkers zwar toll. Wichtiger ist ihm jedoch, mit dieser Kunstfigur eine Botschaft für Vielfalt zu senden. „Drag zu sein, ist politisch. Wir sind eine wachsende Community“, betont Andreas Folkers. Dass der Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz noch weit ist, weiter sicher als jeder Marathon, ficht ihn nicht an: „Hass und Hetze nehmen leider wieder zu. Dagegen müssen wir alle etwas tun.“