Es geht nicht um den nächsten Blockbuster, nicht um Science-Fiction oder Actionhelden: „Kino ist ein Ort der Begegnung“, findet Filmemacher und Autor Sascha Günther (50). Ein Ort für Musik, Geschichten, intime Momente. Dafür hat der Hannoveraner ein neues Format erfunden: Hauptdarsteller im ersten „Podcast-Konzert“ am 7. Februar im Astor ist Jupiter-Jones-Sänger Nicholas Müller (44).
Der wird das Publikum mitnehmen in seine Welt – und in sein Wohnzimmer. Günther zeigt vorab einige der Filmsequenzen, die später auf der großen Leinwand im Saal 2 zu sehen sein werden: Müller steht vor seiner Plattensammlung, an den Wänden Bücherregale, Bilder, Erinnerungen. Er zupft „Round here“ von den Counting Crows aus der Hülle, setzt den Tonarm auf die Platte.
Das wird beim Podcast-Konzert der Moment sein, in dem der Schwenk von der Leinwand auf die Bühne kommt: Auf der Akkustikgitarre wird der Jupiter-Jones-Sänger dann nicht nur die wichtigsten Hits der Band anstimmen, sondern auch ausgewählte Cover-Versionen spielen. Und erzählen.
„Musik und Geschichten, das sind meine großen Passionen“, sagt Müller. Für das Format, mit dem er und Günther in sieben Tagen in sechs Städten gastieren, hat er sogar eine Kurzgeschichte verfasst. Daneben gibt es „Splitter aus meinem Privatleben“. Und das hat einige Höhen und Tiefen zu bieten.
2012 wird Jupiter Jones mit einem Echo ausgezeichnet, „Still“ ist der meistgespielte Radiohit des Jahres. Und steht für Müllers Offenheit im Umgang mit schwierigen Themen – das Lied dreht sich um den frühen Krebstod seiner Mutter, das Chaos und die Leere in der Zeit danach. 2014 steigt Müller zwischenzeitlich aus der Band aus – eine Angststörung macht es ihm damals unmöglich, eine Tour zu überstehen.
Heute arbeitet er auch als Dozent für Popmusik, jungen Künstlerinnen und Künstlern rät er dazu, beim Songwriting auf Selbstschutz zu achten. „Man sollte nicht das Gefühl haben, sich auf der Bühne nackig zu machen“, sagt er. Und muss angesichts seiner eigenen Songs schmunzeln. „Ich spreche über meine seelische Gesundheit. Aber ich fühle mich damit wohl auf der Bühne.“
Seine eigene Geschichte offenbaren – damit hat auch Sascha Günther Erfahrung. 2013 war er nach einer beruflichen und privaten Krise nach Santiago de Compostela gepilgert, lief 800 Kilometer in 30 Tagen und justierte danach sein Leben neu. Zehn Jahre später hat er alte Weggefährten wiedergetroffen und den Dokumentarfilm „Almar“ über seine Erfahrungen auf dem Jakobsweg gedreht, damit tourte er durch 50 deutsche Städte.
Und traf offenbar einen Nerv. „In Braunschweig hat mich eine Frau in den Arm genommen und geweint“, erzählt der 50-Jährige. „Bei einer Vorstellung in Berlin haben sich Leute wiedergetroffen, die sich ein halbes Jahr zuvor auf dem Jakobsweg kennengelernt hatten.“ Nach „Almar“-Vorstellungen sei stets intensiv diskutiert worden. „Die Leute lieben solche Extras, die Begegnung mit einem Regisseur oder einer Schauspielerin. Es geht um bewusstes Wahrnehmen.“
Günther will die Leute raus aus der Isolation des dunklen Kinosaales holen, Emotionen wecken. „Nicholas Müller ist der Richtige für den Auftakt“, sagt er über den Sänger, der seine Panikattacken und depressiven Episoden in dem Buch „Ich bin dann mal wieder tot“ verarbeitet hat.
Wie kam der Kontakt zustande? „Jens Eckhoff hat die Brücke gebaut“, sagen sowohl Müller als auch Günther. Der frühere Keyboarder der Band Wir sind Helden, der in Hannover lebt, hat für den Jakobsweg-Film „Almar“ die Songs geschrieben. „Außerdem machen wir gemeinsam für Firmen Workshops, in denen ein Song mit der Botschaft des Unternehmens entwickelt wird“, erzählt Günther. Und mit Müller ist Eckhoff seit langer Zeit befreundet.
Der erste Kontakt zwischen Günther und Müller war ein einstündiges Telefonat, die Chemie habe gleich gestimmt. „Ich habe ihn zweimal in seiner Heimatstadt Münster besucht, er hat die Tür weit aufgemacht“, sagt der Filmemacher. Das war im Herbst, drei Monate später steht das gemeinsame Programm. Müller wird „eine bunte Tüte“ mit Songs aus 25 Jahren Bandgeschichte auf der Akustikgitarre spielen, Hintergründe zu Jupiter Jones erzählen. Dazwischen gibt es Gesprächssequenzen auf einem Sofa auf der Bühne. „Im Hintergrund laufen schöne Filme“, kündigt der Sänger an. Auf die ist Günther stolz, denn die Naturszenen seien mit Hollywoodtechnik und „den schärfsten Linsen der Welt“ entstanden. Hannover hat Nicholas Müller in bester Erinnerung. „Wir haben mit Jupiter Jones mal Krawall am Maschsee gemacht“, erzählt der 44-Jährige mit einem Schmunzeln. Auch im Béi Chéz Héinz ist die Band in den Anfangstagen oft aufgetreten. „Als ich hörte, dass der Klub einem Neubau weichen muss, hat ein Teil meines Herzens geblutet.“
Für den Abend am Samstag, 7. Februar, im Astor (Karten gibt es ab 29 Euro, das Format nennt sich „Viva Cultura“) hat Müller ein Ziel: „Das Publikum soll sich wohl und heimelig fühlen.“ Ein Vergleich fällt ihm dazu auch ein: „Es wird ein Lagerfeuer im Kino.“