„Es spricht überhaupt nichts gegen Bücher, die kindgerecht erklären, dass es verschiedene Formen von Liebe, Familie und Geschlechtsidentitäten gibt“, findet auch Nicole Wilke vom katholischen Caritasverband. Kinder nähmen diese Lebensrealitäten im Alltag wahr und wollten alles, was sie beobachteten, auch verstehen. Kinderbücher seien da ein guter Anlass, ins Gespräch zu kommen. „Vielfalt ist bei uns Normalität“, betont Wilke.
Auch Severine Bunzel vom evangelisch-lutherischen Kirchenkreis sagt: „Wir haben das Thema Queer im Blick und greifen es auf, wenn es sich bei den Teams und den Kindern abzeichnet.“ Das Konzept der evangelischen Kitas sehe vor, dass Kinder sich frei entwickeln sollen und nicht auf eine bestimmte Rolle festgelegt werden. Sie sollen sich ausprobieren können. Auch von wissenschaftlicher Seite kommt Lob. „Im Grunde sind queere Kinderbücher sehr förderlich, weil sie für Themen sensibilisieren, die bislang in keinen anderen oder nur in wenigen Kinderbüchern auftauchen“, erklärt Marina Granzow, Sozialwissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück. Kinderbücher seien wie andere Medienformate – also Serien, Filme und Werbung – in ihrer inhaltlichen Ausgestaltung oft heteronormativ. Das bedeutet, dass ein Gesellschaftsmodell mit Männern und Frauen in heterosexuellen Beziehungen als normal definiert wird und andere Lebensformen als abweichend gelten. „Wenn Vielfalt sichtbar werden kann, dann zuvorderst in Kita“, sagt die Sozialforscherin. Zu deren Bildungsauftrag gehörten auch altersangemessene Bücher rund um queere Themen.
Corina Lange, Kita-Expertin der SPD-Landtagsfraktion, unterstützt die queeren Bücherkisten ebenfalls. „Kinder wachsen heute in einer vielfältigen Gesellschaft auf – und sie erleben diese Vielfalt längst in ihren Kitas, Familien und Freundeskreisen“, sagt sie. „Altersgerechte Kinderbücher, in denen unterschiedliche Familienformen und Lebensrealitäten vorkommen, unterstützen pädagogische Fachkräfte dabei, wertschätzend darüber zu sprechen, Empathie zu fördern und Ausgrenzung früh vorzubeugen.“ Die Bücherkisten der Stadt Hannover seien deshalb eine sinnvolle Unterstützung für die tägliche Arbeit in den Einrichtungen.
Der Grünen-Landtagsabgeordnete Pascal Mennen nennt die Aktion der Stadt „großartig“. Sie spiegele unsere Gesellschaft wider. Kinder gingen mit dem Thema häufig viel entspannter um als Erwachsene, meint Mennen. Queere Kinderbücher könnten zu einer Liberalisierung der Sichtweisen beitragen.
Sabrina Kahmann von der CDU Hannover sagt, Regenbogenfamilien seien ein wichtiges Thema. Aber pädagogische Konzepte sollten am besten von Erzieherinnen und Erziehern der jeweiligen Einrichtungen entwickelt werden. Deshalb sei ein freies Budget, mit dem Kitas ihr eigenes Material kaufen könnten, hilfreicher als eine vorsortierte Bücherkiste.
Deutliche Kritik an der Bücherkiste kommt von der AfD: Kinder im Vorschulalter dürften nicht mit Inhalten überfordert werden, die sie verunsicherten. Die Kita-Träger halten dagegen. Sie betonen, die Praxis zeige, dass Kinder durch queere Bücher nicht verunsichert würden. Es sei ein „Irrglaube“, dass jemand queer werde, weil er zum Beispiel in einem Buch von einer Familie mit zwei Mamas lese.