Mehr als 100 Millionen Posts gibt es auf TikTok zum Thema #homesteading – also dem Trend zur Selbstversorgung. Wer sich durch die Clips scrollt, taucht ab in ein harmonisches Landleben: Ein junger Mann baut ein Rankgitter für seine Zucchini, es wird Sauerkraut gestampft, und eine Frau sammelt frisch gelegte Eier in ihrer Schürze.
Der Trend stammt ursprünglich aus den USA, die sozialen Medien haben ihn groß gemacht, und längst ist er auch in Deutschland angekommen. Begünstigt durch Krisen wie Corona oder steigende Preise wächst der Wunsch, eigene Lebensmittel herzustellen.
Selbst angebautes Gemüse und Obst gehören für viele Gartenbesitzerinnen und -besitzer inzwischen zum Standard. Wer etwas Zeit und Fürsorge mitbringt, kann im Garten sogar eigene Hühner halten. Bis zu 20 Hennen und ein Hahn sind für Privathaushalte erlaubt. Und sie schenken ihren Haltern weit mehr als nur frische Eier, weiß Melissa Caughey.
Die US-Amerikanerin erfreut sich seit 2010 an einer eigenen Hühnerschar und hat dem Federvieh zwei Bücher gewidmet, das jüngste, „How to read a chicken’s mind“, erschien Anfang 2025 im Haupt Verlag. Für die Autorin war von Anfang an klar: Hühner sind Individuen mit ganz eigenen Persönlichkeiten.
Die Beziehung zwischen Mensch und Huhn reicht Tausende Jahre zurück – als Nutztier lernten die Menschen das Huhn vermutlich in Südostasien kennen. Der Reisanbau auf den Feldern lockte das Federvieh aus dem Wald in menschliche Siedlungen. Über die Seefahrt gelangten Hühner nach Europa – und wurden dort zunächst gar nicht als Nahrungsmittel betrachtet.
Heute hat sich das radikal verändert. „Obwohl der Wert dieser Vögel überwiegend ökonomisch erfasst wird, bin ich der Meinung, dass diese Sichtweise sich oft ändert, sobald Menschen mit Hühnern leben“, schreibt Caughey in ihrem Buch.
Eine Henne, die entspannt zu Füßen sitzt oder bei der Gartenarbeit Gesellschaft leistet – laut der Autorin sind dies Zeichen dafür, dass Hühner echte Zuneigung bekunden. Und die lässt sich auch bewusst fördern. Wer Vertrauen zu den eigenen Tieren aufbauen möchte, dem empfiehlt Caughey, viel Zeit mit der Schar zu verbringen, sich langsam zu bewegen und aus der Hand zu füttern. Besonders einfach sei das mit Eintagsküken, die sich an ihre „Bezugsperson“ von Anfang an gewöhnen.
Je mehr Zeit man mit den Tieren verbringt, desto stärker nimmt man die einzelnen Tiere als Individuen wahr. Einige von Caugheys Hennen erkennen sogar ihre jeweiligen Namen und kommen angeflitzt, wenn sie gerufen werden. Und die Tiere können sich auch äußern. In ihrem Buch fasst die Autorin in einer „Vokabelliste“ Hühner-Laute und deren Bedeutung zusammen. So machten brütende Hennen etwa zischende Geräusche, die an Katzen oder Schlangen erinnern, um Eindringlinge fernzuhalten. Wenn sie entspannt sind, schnurrten sie zufrieden.
Wer Lust auf gefiederte Mitbewohner hat, braucht dafür nicht viel. Laut Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung genügt ein eigenes Haus mit Garten. Es empfiehlt sich, vor dem Einzug des Federviehs mit den Nachbarn zu sprechen, denn gänzlich schweigsam ist die Hühnerschar nicht. Hühner sind soziale Tiere und brauchen Artgenossen, daher sollte die „Hühner-WG“ aus mindestens drei Tieren bestehen.
Was viele nicht wissen: Auch ohne Hahn legen Hennen Eier – auf das morgendliche „Kikeriki“ kann man also auch verzichten. Je nach Rasse und Alter der Hennen legen sie bei mittlerer Legeleistung bis zu 150 Eier pro Jahr.
Eine Frühstücksei-Garantie gibt es allerdings nicht: In den dunklen Wintermonaten sinkt die Legeleistung, weil das Tageslicht den Hormonhaushalt der Tiere beeinflusst. Ältere Hühner legen grundsätzlich weniger, und auch auf die Rasse kommt es an. Ihrer Erfahrung nach sind Mitglieder derselben Rasse auch häufiger zusammen unterwegs. Daher rät sie dazu, immer mindestens zwei Hennen einer Rasse zu halten.
Glückliche Hühner brauchen einen kleinen, gut belüfteten Stall, der vor Nässe, Wind und Räubern schützt. Darin befinden sich erhöhte Sitzstangen zum Schlafen, ein Futter- und Trinkbereich sowie Legenester. Ein geschützter Auslauf gehört ebenfalls dazu. Hier scharren die Tiere, genießen Staubbäder und halten Ausschau nach Leckerbissen. Sträucher oder Bäume im Auslauf spenden Schatten und vermitteln Sicherheit. Beim Futter gilt: Körner, Grünfutter und Obst- oder Gemüsereste sorgen für Abwechslung. Wichtig ist regelmäßig frisches Wasser.
Hühner sind pflegeleicht, aber nicht anspruchslos. Rund 15 bis 20 Minuten täglich sollten Halter für grundlegende Aufgaben einkalkulieren: Stall öffnen, füttern, Tränke kontrollieren. Zusätzlich muss der Stall regelmäßig ausgemistet werden. Zeit, die man unbedingt einplanen – und über die man sich schon vor der Anschaffung der Tiere bewusst sein sollte.
Denn Fakt ist: Hühner sind keine Deko für den Selbstversorger-Feed, sondern echte Lebewesen, für die man Verantwortung trägt. Tierheime berichten regelmäßig von ausgesetzten Tieren, oft weil Aufwand oder Verantwortung unterschätzt wurden.