Reformationstag: Was heute ausfällt
Geschlossene Geschäfte, eingeschränkter Nahverkehr und ein Feiertag, der Fragen aufwirft: Was feiern wir eigentlich?

Zwei Gesichter des 31. Oktober: Während Halloween mit Gruselgestalten aufwartet, hat auch die Reformationsgeschichte ihre dunklen Seiten.Grafik: KI-generiert
Hannover. Wer heute in Hannover seinen gewohnten Samstagseinkauf erledigen möchte, hat schlechte Karten. Denn ausgerechnet am Wochenende gönnt sich Niedersachsen eine zusätzliche Portion Feiertagsruhe. Grund dafür ist der Reformationstag, der seit 2018 als gesetzlicher Feiertag im Kalender steht. Und der macht sich nicht nur beim Einkaufen bemerkbar.

Wie die Stadt Hannover mitgeteilt hat, finden am heutigen Sonnabend gleich fünf Wochenmärkte nicht statt. Betroffen sind die Märkte am Moltkeplatz in der List, an der Rimpaustraße in der Bult, am Klagesmarkt in Mitte, Hinter der Alten Burg in Misburg sowie am Pfarrlandplatz in Linden. Ersatztermine gibt es für diese Märkte nicht. Auch auf dem Lindener Marktplatz und an der Meldaustraße in Herrenhausen sucht man heute vergeblich nach den gewohnten Marktständen. Diese beiden Märkte wurden wegen des Feiertags bereits auf Freitag vorgezogen. Wer seinen Wocheneinkauf also für heute eingeplant hatte, muss sich anderweitig beschäftigen.

Auch der übrige Einzelhandel legt am Reformationstag weitgehend eine Pause ein. Supermärkte, Einkaufszentren und die meisten Geschäfte in der Innenstadt bleiben geschlossen. Für den spontanen Einkauf gibt es allerdings die üblichen gesetzlichen Ausnahmen, etwa für bestimmte Verkaufsstellen an Bahnhöfen, Tankstellen und Bäckereien.

Leseratten stehen ebenfalls vor verschlossenen Türen: Sämtliche Standorte der Stadtbibliothek Hannover bleiben an gesetzlichen Feiertagen geschlossen. Das gilt ausdrücklich auch für die sonst teilweise personalfrei zugänglichen BibliothekPlus-Angebote.

Wer stattdessen den freien Samstag nutzen wollte, um Keller oder Garage auszumisten, hat ebenfalls Pech. Die Wertstoffhöfe und Deponien des Zweckverbands Abfallwirtschaft Region Hannover (aha) bleiben an gesetzlichen Feiertagen geschlossen.

Auch im öffentlichen Nahverkehr ist der Reformationstag zu spüren. Wie die ÜSTRA mitgeteilt hat, fahren heute sämtliche ÜSTRA-Linien nach dem Sonntagsfahrplan. Fahrgäste müssen deshalb insbesondere bei ihren gewohnten Samstagsverbindungen mit anderen Abfahrtszeiten und längeren Takten rechnen. Der reguläre Nachtverkehr wird sowohl in der Nacht zum Reformationstag als auch in der darauffolgenden Nacht angeboten. Beim On-Demand-Angebot sprinti gelten ebenfalls angepasste Bedienzeiten: In Sehnde fährt sprinti von 5 Uhr morgens bis 4 Uhr nachts, in den übrigen bedienten Kommunen von 8 Uhr morgens bis 4 Uhr nachts.

Ein bisschen Kultur geht trotzdem. Das Museum August Kestner ist am Reformationstag von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Auch das ZeitZentrum Zivilcourage am Theodor-Lessing-Platz öffnet heute von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt dort ist kostenlos. Wer den Feiertag mit einem Museumsbesuch verbringen möchte, hat also durchaus Möglichkeiten. Und vielleicht ist ein wenig Beschäftigung mit Geschichte an diesem Datum ohnehin keine schlechte Idee.

Der Reformationstag erinnert an ein Ereignis, das sich am 31. Oktober 1517 in Wittenberg zugetragen haben soll. Damals verbreitete der Theologe Martin Luther seine berühmten 95 Thesen, mit denen er Missstände innerhalb der katholischen Kirche kritisierte. Besonders störte ihn der sogenannte Ablasshandel. Vereinfacht gesagt konnten Gläubige durch den Erwerb von Ablassbriefen eine Verringerung zeitlicher Sündenstrafen erlangen. Luther hielt diese Praxis für einen Ausdruck grundlegender theologischer Fehlentwicklungen.

Der Überlieferung zufolge schlug er seine Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche. Ob das tatsächlich mit Hammer und Nägeln geschah, ist historisch umstritten. Dass Luther seine Thesen verbreitete und damit eine weitreichende religiöse Bewegung anstieß, steht dagegen außer Frage.

Aus der Reformation entwickelten sich schließlich verschiedene evangelische Kirchen. Das westliche Christentum spaltete sich dauerhaft in unterschiedliche Konfessionen. Die Folgen reichten weit über religiöse Fragen hinaus und beeinflussten Politik, Bildung, Kultur und Gesellschaft in Europa.

In Niedersachsen ist der Reformationstag übrigens erst seit 2018 ein dauerhaft gesetzlicher Feiertag. Wer zuvor an diesem Datum frei haben wollte, musste dafür in der Regel Urlaub nehmen.

Eine gewisse Ironie bringt der Feiertag in Hannover allerdings mit sich: Die evangelische Kirche, deren Entstehung hier gewürdigt wird, repräsentiert längst keine Bevölkerungsmehrheit mehr. Nach Zahlen der Region Hannover, über die der Evangelische Pressedienst im April 2025 berichtete, gehörten in der Landeshauptstadt rund 127.000 von etwa 558.000 Menschen der evangelischen Kirche an. Das entspricht gerade einmal 23 Prozent. Mehr als drei Viertel der Menschen in Hannover gehören demnach nicht der evangelischen Kirche an. Dabei erfasst diese Statistik ohnehin die Kirchenmitgliedschaft und nicht, wer seinen Glauben tatsächlich praktiziert.

Das macht den Reformationstag nicht automatisch überflüssig. Schließlich profitieren auch Nichtchristen von Weihnachten und Ostern als arbeitsfreien Tagen. Dennoch darf man sich fragen, welche Bedeutung ein ausdrücklich evangelischer Gedenktag für eine zunehmend religiös vielfältige und säkular geprägte Stadt noch hat.

Dass Luther die europäische Geschichte entscheidend geprägt hat, steht außer Frage. Dass er deshalb vorbehaltlos als Vorbild taugt, ist eine ganz andere Geschichte. Denn wer sich näher mit den überlieferten Aussagen des Reformators beschäftigt, stößt auf Ansichten, die aus heutiger Sicht erschreckend sind.

Besonders deutlich wird das bei seinem Verhältnis zu Juden. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ aus dem Jahr 1543 forderte Luther unter anderem, jüdische Gotteshäuser niederzubrennen und jüdische Menschen zu vertreiben. Es handelt sich dabei keineswegs um harmlose theologische Meinungsverschiedenheiten, sondern um ausdrückliche Aufrufe zu Ausgrenzung und Gewalt. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich inzwischen entschieden von Luthers judenfeindlichen Aussagen distanziert. Seine Positionen werden heute ausdrücklich als Teil einer problematischen und gefährlichen Tradition des christlichen Antijudaismus eingeordnet.

Und auch beim Frauenbild des Reformators dürfte so manche moderne Leserin schlucken. In seiner Schrift „Vom ehelichen Leben“ äußerte sich Luther über Frauen, die bei häufigen Schwangerschaften sogar ihr Leben riskieren: „Ob sie sich aber auch müde und zuletzt tottragen, das schadet nicht, lass sie sich nur tottragen, sie sind drum da.“ Eine Formulierung, die wohl kaum als frühes Plädoyer für weibliche Selbstbestimmung durchgeht.

Natürlich muss man historische Persönlichkeiten im Kontext ihrer Zeit betrachten. Luther war ein Mensch des 16. Jahrhunderts, nicht des 21. Jahrhunderts. Allerdings entbindet das nicht davon, seine menschenfeindlichen Positionen klar zu benennen. Und es zeigt, wie schwierig es ist, historische Verdienste und persönliche Überzeugungen voneinander zu trennen.

Die Reformation brachte wichtige Veränderungen mit sich. Ihr prominentester Vertreter war deshalb aber noch lange kein moralisch unfehlbarer Held.

Und damit wären wir bei dem anderen großen Ereignis am 31. Oktober: Halloween (siehe Seite 7 dieser Ausgabe).

Während die evangelische Kirche an die Reformation erinnert, ziehen andernorts kleine Hexen, Vampire und Gespenster durch die Straßen und verlangen Süßigkeiten. Auch Halloween hat eine lange, komplexe Geschichte, in der sich ältere Bräuche, vorchristliche Traditionen und moderne Popkultur vermischen. Ob man den Abend also mit einem Gottesdienst, einer Geschichtsdokumentation oder verkleidet auf einer Halloweenparty verbringt, bleibt letztlich jedem selbst überlassen.

Immerhin hat Halloween einen gewissen Vorteil: Die historische Bewertung von Martin Luther spielt beim Kürbisschnitzen gewöhnlich keine Rolle. Und wer angesichts seiner überlieferten Aussagen lieber Gespenster als den Reformator feiern möchte, hat dafür durchaus nachvollziehbare Gründe. Während Halloween von gruseligen Gestalten lebt, hält auch die Reformationsgeschichte bei näherem Hinsehen einige erschreckende Überraschungen bereit.

Für alle, die lieber das eine oder andere feiern möchten, gilt allerdings dieselbe praktische Einschränkung: Die Supermärkte bleiben heute geschlossen. Und die ÜSTRA fährt nach Sonntagsfahrplan.
R/HR
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