Briefe, die Geschichten erzählen
Ausstellungsreihe „Busch meets“: Comiczeichnerin eggy trifft im Museum Wilhelm Busch auf den berühmten Humoristen

Künstlerin eggy alias Dr. Barbara M. Eggert stellt im Wilhelm-Busch-Kabinett aus.Foto: Anja Weber
Hannover. Wilhelm Busch ist für seine spitzen Pointen und seine Bildergeschichten bekannt. Doch er schrieb auch Briefe über Moral, Religion und Philosophie. Genau dort setzt die Comiczeichnerin eggy an. In der Ausstellung „BUSCH MEETS eggy“ im Museum Wilhelm Busch in Hannover wird das handgeschriebene Wort zum Ausgangspunkt einer Begegnung über mehr als ein Jahrhundert hinweg.

Es ist die dritte Ausgabe der Reihe „BUSCH MEETS…“, für die eine zeitgenössische künstlerische Position das Wilhelm-Busch-Kabinett übernimmt und mit dem Werk des Namensgebers in Dialog tritt. Diesmal geht es um etwas, das im Alltag zwischen Messenger-Nachrichten und E-Mails beinahe aus der Zeit gefallen scheint: den Brief. Für Barbara M. Eggert, die als eggy zeichnet, ist er mehr als ein nostalgisches Objekt. Sie verbindet wissenschaftliche Neugier mit der Lust am Erzählen.

Den historischen Anknüpfungspunkt liefert Buschs Gedichtsammlung „Kritik des Herzens“ von 1874. Der Titel spielt auf Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ an. Busch hoffte, mit dem Band auch als Literat Anerkennung zu finden. Das Publikum, das vor allem seine humoristischen Zeichnungen schätzte, reagierte jedoch mit Unverständnis. Eine Leserin allerdings wurde aufmerksam: die niederländische Frauenrechtlerin Marie Anderson. Zwischen ihr und Busch entwickelte sich eine Brieffreundschaft. In mehr als 70 Briefen tauschten sie sich über Philosophie, Religion und moralische Fragen aus.

Diese Korrespondenz bildet einen Kern der Ausstellung. eggy greift die Gedanken und Beziehungen auf, die in den Briefen sichtbar werden, und führt sie mit eigenen biografischen Motiven zusammen. In Comicstrips, handgezeichneten Notizen, Collagen und Infografiken entsteht so keine klassische Rückschau auf den berühmten Humoristen. Vielmehr wird sein Werk befragt, kommentiert und aus einer heutigen Perspektive betrachtet. Dass Briefe bei Busch nicht allein außerhalb seiner Kunst eine Rolle spielen, zeigt ein weiterer Blickwinkel der Ausstellung. Auch in seinen Bildergeschichten kommen Briefschreiberinnen und Briefschreiber vor. Nachrichten können Handlungen in Gang setzen. eggy spürt solchen Momenten nach und macht sichtbar, wie eng das Schreiben und das Erzählen in Bildern miteinander verbunden sind.

Für diesen Zugang bringt die 1974 in Freiburg geborene Künstlerin ungewöhnlich viele Perspektiven mit. Eggert ist nicht nur Zeichnerin, sondern auch Kunsthistorikerin, Comicwissenschaftlerin und Kuratorin. Sie promovierte 2009 in Hamburg und studierte später auch Rechtswissenschaften. Seit 2023 ist sie Rektorin der Merz Akademie in Stuttgart. Ihre Forschung gilt Comics und narrativen Textilien. Dass sie als Kind Briefträger werden wollte, erscheint angesichts ihres jetzigen Ausstellungsthemas fast wie eine kleine Pointe.

Der Reiz von „BUSCH MEETS eggy“ liegt gerade in diesem Wechsel der Perspektiven: Hier schaut eine Comiczeichnerin auf einen Künstler, dessen Bildergeschichten selbst zu den Vorläufern des modernen Comics gezählt werden. Dabei geht es auch darum, was zwischen Menschen geschieht, wenn sie einander schreiben. Ein Brief trägt eine Handschrift und verlangt Zeit. Die Ausstellung stellt damit eine Frage, die weit über das 19. Jahrhundert hinausreicht: Was erzählen persönliche Nachrichten nicht nur über ihre Inhalte, sondern auch über die Menschen, die sie verfassen?

Zum Umfeld der Ausstellung gehört ein Abend, der die Vielfalt der heutigen Comicszene zeigt. Am Freitag, 6. November, um 18 Uhr ist die Zeichnerin Josephine Mark beim „Comic Salon“ zu Gast. Gemeinsam mit der Comicexpertin Katinka Kornacker stellt sie ihren 2026 erschienenen Comic „Red“ in einer Lesung mit Gespräch vor.

Darin nimmt ein struppiger Streuner während eines Gewitters Zuflucht bei Rosa. Der ungebetene Gast bringt ihren Alltag durcheinander, entdeckt aber auch eine Blutspur im Schrank – und könnte bei der Aufklärung eines Jahrzehnte zurückliegenden Todesfalls helfen. Rosa ist überzeugt, dass ihr Mann Red, der vor 30 Jahren tot im Wald gefunden wurde, keineswegs durch einen Unfall ums Leben kam. Verdächtig erscheint ihr die halbe Nachbarschaft. Der schräge Krimi ist auch für ältere Kinder geeignet.

Mark veröffentlicht seit 2004 Comics und Cartoons. Ihr Debütcomic „Murr“ erhielt 2022 den ICOM Independent Comic Preis; mit „Trip mit Tropf“ und ihren „Bärbeiß“-Adaptionen erreichte sie ein breites Publikum. Der Comic Salon dauert etwa zwei Stunden, der Eintritt kostet 12, ermäßigt 8 Euro.
R/HR

„BUSCH MEETS eggy“ ist noch bis zum 7. März 2027 im Museum Wilhelm Busch, Georgengarten 1 in Hannover, zu sehen. Das Museum öffnet dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr. Zur Ausstellung erscheint ein 40-seitiger Katalog im Göttinger Verlag der Kunst. Weitere Informationen gibt es unter karikatur-museum.de.



Druckansicht