Der Krieg als Ware
Nikita Teryoshin zeigt in der GAF mit „Nothing Personal. The Back Office of War“ Einblicke in die Welt der Rüstungsindustrie

Der Mensch verschwindet hinter der Militärtechnik: Nach der Präsentation des finnischen Radpanzers Patria 6x6 beugt sich ein Mann im Anzug unter das gewaltige Fahrzeug auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris, 2018.Foto: Nikita Teryoshin
Hannover. Panzer glänzen im Scheinwerferlicht, Raketen werden vor großformatigen Werbebildern präsentiert, zwischen schwerem Kriegsgerät stehen Häppchen für die Gäste bereit. Was wie eine groteske Inszenierung wirkt, gehört zum Alltag internationaler Rüstungsmessen. Der Fotograf Nikita Teryoshin hat diese Welt über Jahre hinweg dokumentiert. Seine Bilder zeigen eine Branche, in der Waffen als technische Spitzenprodukte vermarktet werden und die Folgen ihres Einsatzes ausgeblendet bleiben. Unter dem Titel „Nothing Personal. The Back Office of War“ präsentiert die Galerie für Fotografie (GAF) in der hannoverschen Eisfabrik seine Arbeiten bis zum 22. November.

Es sind Fotografien voller Widersprüche. Auf einer Aufnahme verschwindet ein Mann im grauen Geschäftsanzug unter einem gewaltigen Militärfahrzeug. Seine blank geputzten Schuhe ragen unter der Maschine hervor. Das Bild besitzt die Komik eines Slapsticks, doch zugleich kehrt es die gewohnten Größenverhältnisse um: Nicht die Technik dient hier als bloßes Werkzeug des Menschen. Der Mensch selbst wird zur Randerscheinung neben einer Maschine, die ihn um ein Vielfaches überragt. Anderswo greifen Gäste an einem Buffet zu, während hinter ihnen eine Waffe präsentiert wird. Eine Bushaltestelle trägt Bilder startender Raketen. Teryoshin hält Situationen fest, in denen die Vermarktung militärischer Gewalt auf die Routinen gewöhnlicher Geschäftsveranstaltungen trifft. Gerade weil seine Aufnahmen auf dramatische Kriegsszenen verzichten, entfalten sie eine eigentümliche Wirkung.

Zwischen 2016 und 2025 besuchte der in Berlin lebende Fotograf 22 Veranstaltungsorte in 19 Ländern auf fünf Kontinenten. Seine Kamera richtete er nicht auf Schlachtfelder, sondern auf jene Schauplätze, an denen militärische Ausrüstung beworben, begutachtet und verkauft wird. Die Aufnahmen eröffnen Einblicke in eine Branche, deren wirtschaftliche Interessen hinter der öffentlichen Debatte über Krieg und Sicherheit häufig verborgen bleiben.

Auffällig ist dabei, was Teryoshin konsequent ausspart: menschliche Gesichter. Waffenhändler, Militärangehörige und andere Messegäste erscheinen als angeschnittene Körper, Rückenfiguren oder Personen, deren Köpfe außerhalb des Bildausschnitts liegen. Die Anonymität ist Teil des fotografischen Konzepts. Nicht einzelne Akteure stehen im Mittelpunkt, sondern die Strukturen eines Geschäfts, das sich mit den Mitteln gewöhnlicher Produktwerbung präsentiert.

Auch die Bildsprache verweigert sich den vertrauten Mustern der Kriegsfotografie. Teryoshin arbeitet mit hartem Blitzlicht, kräftigen Farben und ungewöhnlichen Perspektiven. Seine Aufnahmen wirken bisweilen wie Momentaufnahmen einer absurden Komödie. Doch hinter der visuellen Ironie steht ein ernster Gegenstand. Wo die Kriegsfotografie sonst zerbombte Städte, getötete Zivilisten und verstümmelte Körper zeigt, erscheinen hier makellose Oberflächen, gepflegte Geschäftskleidung und sorgfältig arrangierte Verkaufsräume.

Besonders makaber verdichtet sich diese Bildsprache in einer Aufnahme von der Rüstungsmesse Defexpo 2020 im indischen Lucknow. An einem Fotostand der indischen Armee steht ein Soldatenaufsteller mit russischer Uniform und Kalaschnikow vor einer gewaltigen Atompilzwolke. Die Szenerie erinnert an jene Fotokulissen auf Jahrmärkten, bei denen Besucher für einen Schnappschuss in eine fremde Rolle schlüpfen können. Hier allerdings wird die atomare Vernichtung zum Hintergrund eines vermeintlichen Vergnügens. Das Geschäft mit Kriegswaffen präsentiert sich als Spiel mit dem Krieg.

Diese Verschiebung des Blickwinkels macht die Serie bemerkenswert. Teryoshin dokumentiert eine Wirklichkeit, in der militärische Gewalt zugleich als Geschäft, technologische Leistungsschau und beinahe spielerisches Spektakel erscheint. Panzer und Raketen werden zu Ausstellungsstücken, ihre technischen Eigenschaften zu Verkaufsargumenten. Die Distanz zwischen dem präsentierten Produkt und seiner tatsächlichen Verwendung bildet den gedanklichen Kern der Arbeiten.

Dass die Ausstellung gerade in Hannover zu sehen ist, verleiht ihr eine zusätzliche Aktualität. Im März 2027 soll das Messegelände der Stadt selbst zum Schauplatz einer Waffenmesse werden. Die GAF setzt diesem bevorstehenden Ereignis keine klassische Dokumentation bewaffneter Konflikte entgegen, sondern einen fotografischen Blick auf deren wirtschaftliches Umfeld. Die Bilder werfen damit auch die Frage auf, wie selbstverständlich die Rüstungsindustrie ihre Produkte in den öffentlichen Raum trägt.

Der in St. Petersburg geborene Teryoshin beschäftigt sich in seinen Arbeiten immer wieder mit gesellschaftlichen Gegensätzen und den Absurditäten alltäglicher Abläufe. Seine Fotografien wurden international gezeigt und mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem World Press Photo Award 2020. Die Langzeitserie „Nothing Personal“ erschien 2024 auch als Fotobuch im britischen Verlag GOST Books.

Die besondere Qualität dieser Fotografien liegt darin, dass sie den Krieg nicht als Ausnahmezustand zeigen, sondern als Gegenstand professioneller Vermarktung. Die Gewalt bleibt außerhalb des Bildes, ihre Voraussetzungen dagegen werden umso deutlicher sichtbar. HRDie Ausstellung „Nothing Personal. The Back Office of War“ ist noch bis zum 22. November in der Galerie für Fotografie (GAF) in der Eisfabrik, Seilerstraße 15d, zu sehen. Geöffnet ist die Galerie donnerstags bis sonntags jeweils von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen gibt es unter gafeisfabrik.de.



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