Wo Hannover durchstartet
Nirgendwo im Land entstehen so viele Start-ups wie in Hannover.
Der Medieninformatiker Nico Schulz leitet gleich drei Unternehmen – und erzählt, was er an dem Standort schätzt.

Schätzt die Nähe zu Hochschulen und Kunden:Der 37-jährige Medieninformatiker Nico Schulz leitet als Geschäftsführer gleich drei Start-ups.Foto: Katrin Kutter
Hannover. Eine Festanstellung mit eigenem Team, monatlichem Fixum und einer begrenzten Wochenarbeitszeit?

Bei diesem Angebot lehnt Nico Schulz rundweg ab: Der 37-jährige Medieninformatiker leitet als Geschäftsführer gleich drei Start-ups in Hannover, und wer ihn in den Firmenräumen an der Kleinen Düwelstraße besucht, findet sich inmitten hochmoderner Technik wieder.

Natürlich fehlt auch der berühmte Krökeltisch nicht, an dem die IT-Spezialisten ihre Ideen entwickeln dürfen.

Diese drehen sich um den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI), um Simulationen von Fahrzeugverkehr oder schattigen Plätzen auf einem detailgetreuen 3D-Modell der Stadt Hannover und um die Beratung von Firmen, die in der digitalen Welt externe Unterstützung benötigen. Schulz und seine drei Unternehmen Neovator, Kubitus und Ventr Solutions verkörpern für Ulf-Birger Franz, Wirtschaftsdezernent der Region Hannover, die Zukunft der Arbeitswelt in Hannover.

„Die Start-ups gewinnen an Bedeutung“, sagt Franz und verweist auf eine Studie, nach der mehr als die Hälfte der Grundschüler in der Region später in einem Unternehmen arbeiten wird, das es heute noch nicht gibt. „Wir erleben einen Umbruch, bei dem sich Wirtschaftsstrukturen grundlegend erneuern“, sagt der Dezernent. Die Transformation laufe bereits: Denn obwohl die Zahl der Arbeitsplätze beispielsweise in der Automobilindustrie oder im Maschinenbau sinke, steige zugleich die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen in der Region – auch dank der Gründer.Ein Treiber dabei: die künstliche Intelligenz. Die Technologie diente auch Schulz vor zwei Jahren als Kern für sein Unternehmen Neovator. „Für viele Menschen ist der Zugang zu KI schwierig, das wollte ich ändern“, sagt der Jungunternehmer. Er entwickelt seitdem Avatare mit einem menschlichen Zug, die als Gesprächspartner per Klick in unterschiedlichen Sprachen zur Verfügung stehen. Die Einsatzmöglichkeiten, sagt Schulz, seien beinahe unbegrenzt. Ob als Helfer in einer Verwaltung, als erster Ansprechpartner bei Messen oder als Ratgeber im Arbeitsamt: Der Avatar beantwortet geduldig die Fragen.Für Schulz liegen die Vorteile seiner Arbeit auf der Hand: „Während meiner Festanstellung habe ich ein Team mit Softwareentwicklern geleitet, konnte aber meine Ideen nicht selbst verwirklichen.“ Das gelingt nun mit der Selbstständigkeit und flachen Hierarchien. Zudem gebe es einen engen Kontakt zu den Kunden. Dass er mit seinem Start-up in der Kleinen Düwelstraße letztlich auf Ventr Solution und Kubitur als weitere Firmen traf, sieht Schulz als Glücksfall an. „Die Mischung ermö glicht einfach vieles“, sagt er.So liege der Fokus von Ventr Solutions auf bereits laufenden Start-ups und der Frage, ob die digitalen Konzepte funktionieren. Kubitur wiederum entwirft weltweit 3D-Modelle für Bauprojekte oder Städte, um Veränderungen, etwa einer neuen Verkehrsführung, zu visualisieren. Da kann es dann unter anderem darum gehen, zu zeigen, welche Route die Autofahrer bei der Sperrung der Culemannstraße fahren würden. „Wir arbeiten dabei mit anderen hannoverschen Unternehmen wie Graphmasters zusammen“, sagt Schulz.

In der engen Vernetzung von Start-ups untereinander und mit den Hochschulen sieht er einen wesentlichen Standortvorteil für Hannover, zugleich wünscht er sich mehr Unterstützung bei Rechtsfragen oder Finanzbuchhaltung unmittelbar nach der Gründung. Das größte Hemmnis aus seiner Sicht: die überbordende Bürokratie. Doch: Was kann die Politik leisten?

Das sind die Fakten: Laut Niedersächsischem „Start up Monitor“ gründeten sich seit 2019 289 Start-ups in der Region Hannover, das ist ein landesweiter Spitzenwert. Zum Vergleich: Auf Platz zwei folgt der Landkreis Göttingen mit 73 Gründungen. Lag noch bis 2023 in Hannover der Schwerpunkt auf der Medizinbranche, siedeln sich die meisten Start-ups mittlerweile im Softwarebereich an. Etwa die Hälfte aller niedersächsischen Gründer hat den Abschluss an einer Hochschule in Niedersachsen gemacht. Hier hat die Leibniz Universität die TU Braunschweig vom ersten Platz abgelöst. „Die Nähe zu einer guten Universität ist der wichtigste Standortfaktor“, sagt Dezernent Franz.Das kann die Politik tun: Weder Stadt noch Region Hannover haben einen Einfluss auf die Finanzierung der Hochschulen, dafür ist das Land zuständig. Allerdings kann die Lokalpolitik die Wirtschaftsförderung mit Geld ausstatten, um Projekte zu realisieren. So entwickelt die Region mit politisch beschlossener Finanzierung die Techfactory in Garbsen und auf einem Teil des Geländes des Nordstadt-Krankenhauses. Ein Reallabor entsteht an der Hüttenstraße, in dem sich Start-ups ausprobieren können. Außerdem stellt die Leibniz Universität auch Räume für junge Gründer zur Verfügung, die bei Bedarf auf die Unterstützung der Wissenschaftler setzen können.
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