Meine Eltern haben einen Garten. Ein kleines Stück Erde im Nordwesten von Dresden, nahe der Elbe. Hier habe ich zwischen Brombeerernte, Grashüpferjagd und Lagerfeuer die Wochenenden meiner Kindheit verbracht. Mittlerweile lebe ich in Berlin, und im Garten meiner Eltern bin ich schon lange nicht mehr gewesen.
Das soll sich jetzt ändern: Es sind Semesterferien, und ich will eine Woche in der alten Gartenhütte verbringen. Die vergangenen Monate habe ich mein Geld mit Artikeln über Gartenthemen verdient. Wie schneidet man seinen Obstbaum richtig? Welche Blumen können Sie jetzt schon pflanzen? Wussten Sie schon, dass man Blattläuse auch mit x, y oder z bekämpfen kann? Gelernt habe ich eine Menge; ich habe mit Gartenfacharbeitern, Biologen, Naturschützerinnen gesprochen, sogar mit einem Pflanzenarchäologen und einer Untergrundgärtnerin. Und das, ohne je einen Garten zu besitzen, in dem ich das Gelernte hätte umsetzen können – bis jetzt. Es ist heiß, als ich gegen das rostige Gartentor trete, um es zu öffnen. Von den knapp 1000 Quadratmetern Fläche, die sich dahinter erstrecken, ist etwas mehr als die Hälfte genutzt, der Rest gehört den Waldameisen und der Brennnessel. Einiges hat sich verändert, seit ich zum letzten Mal hier war: Die Brombeeren am Rand lassen sich nur noch mit sehr gutem Willen als Hecke bezeichnen, der Rasen besteht schon lange nicht mehr aus Gras, sondern zu gleichen Teilen aus Moos, Spitzwegerich und Schafgarbe.
Viele Bäume meiner Kindheit leben nicht mehr. Von dem großen Apfelbaum, an dem früher eine Schaukel hing, ist nur noch ein toter hohler Stamm geblieben. An eine Fichte, die irgendwann gefällt werden musste, erinnert noch der Stumpf. Ein ordentlich gepflegtes Gartenparadies sieht anders aus.
In meinen Texten ging es immer auch um Nachhaltigkeit. Mehr als 80 Prozent der Fluginsekten sind in den vergangenen 30 Jahren verschwunden – und die „Krefelder Studie“, die das belegte, gibt nur einen kleinen Einblick in das beispiellose Artensterben, das die Menschheit bereits verschuldet hat. Wer ein Stück Erde bewirtschaften kann, sollte das nutzen, um so viel wie nur irgend möglich für unsere geschädigte Natur zu tun, ist meine feste Überzeugung. Jeden meiner Gesprächspartner habe ich auch gefragt: Wie wirkt sich das auf unseren Planeten aus? Nutzt das den Insekten?
Ein Zitat ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Christiane Habermalz, Fachjournalistin und Umweltaktivistin im praktischen Sinne, verbessert mit Gartenschere und Samenbomben in ihrem Berliner Kiez die Bedingungen für gefährdete Insekten, wo sie nur kann. Ihr Buch „Anstiftung zum gärtnerischen Ungehorsam“ ist ein Manifest gegen die Ordnung, die in den modernen Stadtgärten vorherrscht. Im Interview hat sie mir gesagt: „Früher wurden Gärten ganz anders angelegt, mit Obstbäumen und Buchenhecken, mit Komposthaufen, Wein an der Fassade und Gemüse. Es ist diese alte Gartenkultur, die es jetzt wieder bräuchte.“ Ich musste damals sofort an den Garten denken, in dem ich jetzt stehe.
Mit einem dicken Naturführer und einem naturbegeisterten Freund als Begleitung watschele ich in Hockstellung über die Wiese und renne Schmetterlingen hinterher. Letztere machen mir das Ausmaß des fortgeschrittenen Insektensterbens schmerzhaft bewusst: Als ich in der Grundschule war, gab es auf dem Schulhof einen Flieder, der im Sommer so voll von Schmetterlingen war, dass man die Blüten nicht mehr sehen konnte.
Jetzt entdecke ich etwa fünf Tiere, abgesehen von den vielen Kohlweißlingen. Die zählen zu den Generalisten unter den Insekten, sind also weit besser gegen schwindenden Lebensraum gewappnet. Das gilt auch für die Holzbiene. Am Lavendel tummeln sich Wiesen- und Feldhummeln, eine Familie der freundlichen Hausfeldwespen lässt sich blicken, ich erhasche einen Blick auf eine Dolchwespe – stark gefährdet! Im unansehnlichen Fichtenstumpf krabbeln die ebenfalls gefährdeten roten Waldameisen, aus der Hainbuchenhecke kommen nachts die Weinbergschnecken und Blindschleichen gekrochen. Es ist genau, wie Habermalz sagt: Wo am wenigsten Ordnung herrscht, gibt es die größte Artenvielfalt.
Ich denke an eine weitere Expertenstimme: Corinna Hölzel, Garten- und Pestizidexpertin beim Bund für Naturschutz Deutschland (BUND), riet im Interview von Stiefmütterchen, Primeln und anderen gezüchteten Blühpflanzen ab. Deren gefüllte Blüten stellten für Insekten eine „bunte Wüste“ dar. Mit Natur hat das nicht viel zu tun. Lange galt diese sterile Ordnung als Statussymbol, rasengrün, petunienpink, alles immer genau, wo es sein soll – aber sollte mittlerweile nicht Statussymbol sein, sich mit echtem, wildem Leben umgeben zu können?
Der Garten meiner Eltern liegt in einer sehr trockenen Gegend. Ein „Sandarium“ für Wildbienen und andere Insekten anzulegen, ist in den vergangenen Jahren zu einem Öko-Trend geworden – im Garten meiner Eltern gibt es so etwas ganz ohne menschliches Zutun: eine sandige Stelle in einem Beet, die tagsüber die volle Sonne abbekommt, deshalb stets staubtrocken ist und von Insekten nur so wimmelt.
Hier leben Rollwespen, daneben schwarz-rote Sandwespen, die wunderschön schillernde Feuergoldwespe und der Bienenwolf. Für die Tiere ideal, kann die Trockenheit für gärtnerische Ambitionen fatal sein. Die Versuche, Himbeeren, Rittersporn oder Goldmelisse anzupflanzen, sind zum Frust meiner Mutter stets gescheitert. Trockenheitsliebende Pflanzen müssten her – aber im August ist es viel zu spät zum Pflanzen.
Am zweiten Tag meines Aufenthalts gibt es einen Wolkenguss, Dresdens Straßen werden zu Bächen. Als ich zu einem Termin radle, komme ich durchnässt bis auf die Haut zurück. Wieder ein unnatürlich heftiger Regensturm, wieder ein Sommer, in dem sich der Klimawandel auch in Deutschland bemerkbar macht – ja, er ist da, auch im Garten meiner Eltern. Leidet auch er unter den wechselhaften Wetterbedingungen? Ja, sagt Landschaftsgärtner und Gartenfachberater Sven Wachtmann am Telefon. Es gebe Pflanzen, die an trockene oder feuchte Standorte gewöhnt sind – beide gehen an so einem unnatürlichen Wechselspiel zugrunde. „Der am besten Angepasste setzt sich durch, das ist in der Natur immer so, beim Klimawandel ist es genau das gleiche.“ Das Schlimme am Klimawandel ist, dass man nicht wissen kann, was er bringt.
Die nächsten Tage vergehen faul, wenn man von der reichen Mirabellen- und Brombeerernte absieht. Ich tröste mich mit den Worten des Biologen Martin Rümmler, der mir über Zugvögel sagte: „Alles, was zu mehr Kenntnis über unsere Naturbestände führt, ist wichtig und gut.” Was man kennt, das liebt man, und was man liebt, das schützt man, dieses Mantra teilen Naturschutzexperten schon lange. Für Punkt eins und zwei habe ich nur wenige Tage gebraucht – Punkt drei ist eine Lebensaufgabe. Sich an die Gärten unserer Eltern und Großeltern zu halten, könnte ein erster Schritt sein.
Als ich das Gartentor nach einer Woche quietschend hinter mir schließe, nehme ich mir fest vor, bald wiederzukommen. Mit einem Plan diesmal, und mit umso größerer Dankbarkeit für den Schatz, den ich besitze.