Er fährt bis nach ganz oben
Hanno Stetefeld (18) strampelt 4020 Kilometer von Italien ans Nordkap – und landet in den Top 15

Vor dem Globus am Nordkap: Hanno Stetefeld hat es geschafft.Foto: privat

Für normale Sportler übersteigt das die Vorstellungskraft: 4020 Kilometer mit dem Rad, in zwölf Tagen und drei Stunden. Von Rovereto in Norditalien bis zum Nordkap am nördlichen Ende Norwegens. Dazu 30.000 Höhenmeter. Das ist das Northcape4000: ein Ultra-Event – und für Hanno Stetefeld ein Traum.

Der 18-jährige Triathlet vom TSV Anderten hat ihn sich erfüllt. Er kam sogar unter den ersten 15 Teilnehmern ins Ziel, die die Mindestzeit erreichten. Denn das Northcape4000 ist kein klassischer Wettkampf, sondern eher ein Abenteuer. Die Veranstalter haben eine Mindest- und eine Maximalzeit festgelegt. Frühestens nach zwölf, spätestens nach 26 Tagen müssen die Teilnehmer angekommen sein.

Regeln gibt es nur wenige. „Nur die Strecke ist exakt vorgegeben, per GPS wird jeder Teilnehmer erfasst“, sagt Stetefeld. Tempo, Übernachtungen, Pausen und Verpflegung liegen dagegen vollständig in der Verantwortung der Fahrer. Alles muss selbst organisiert werden. Unterstützung durch den Veranstalter gibt es nicht, Hilfe von Dritten oder Begleitern ist sogar strengstens verboten.

Auch Umwege sind tabu. Wer die Strecke etwa für einen Supermarkt, ein Hotel oder eine erlaubte Werkstatt verlässt, muss anschließend exakt an der gleichen Stelle wieder auf die Route zurückkehren. Sonst droht die Disqualifikation. Zudem müssen die Kontrollpunkte in München, Berlin, Gränna und Rovaniemi angefahren werden.

Die Liebe zum Rad wurde Stetefeld in die Wiege gelegt. „Unsere Familienurlaube waren immer Radtouren. Hanno war mit fünf Jahren zum ersten Mal dabei“, erinnert sich Mutter Angelika Stetefeld. Zu Beginn natürlich noch auf dem Nachläufer, einem einrädrigen Anhänger. Die Eltern Holger und Angelika, Opa Helge und Bruder Arne fuhren stets gemeinsam – nach Fehmarn, in den Westen oder in die polnische Heimat des Opas. Bei den Stetefelds gab es vor allem eines: das Rad.

„Meine erste Tour allein habe ich mit 14 gemacht. Mit Freunden in vorgebuchten Jugendherbergen nach Holland.“ Es wurde immer mehr und immer länger. Touren nach Paris, Budapest und zuletzt nach Marseille folgten. „Das waren aber Urlaubsfahrten. Ohne Zeitdruck.“ Die Idee vom Northcape4000 entstand trotzdem dabei. „Ich wollte ausprobieren, was alles möglich ist.“

Ein Winter mit vielen Trainingsfahrten, auch auf der Rolle, und viel praktische Vorbereitung folgten. „Räder reparieren hatte ich längst von meinem Vater gelernt. Aber die Ausrüstung zusammenzustellen, war ebenso wichtig.“ Rad, funktionale und haltbare Radtaschen – und das alles bei möglichst geringem Gewicht. Nur bei den Powerbanks wurde nicht gespart. Drei mussten es sein, damit Stetefeld jederzeit Kontakt halten konnte.

Körperliches und mentales Training, Ernährung, Schlaf und natürlich auch die Schule des Zwölftklässlers bestimmten sein Jahr. Viel Zeit für anderes blieb nicht.

Dann endlich der Start: minimales Gepäck, aber maximale Motivation. „Aus Kostengründen bin ich mit dem Flixbus nach Italien gefahren.“ Mit 500 Gleichgesinnten – 200 weitere kamen beim Zweitstart in Berlin dazu – ging es über die Alpen. „Das waren schon sehr beeindruckende Naturerlebnisse.“

Gleichzeitig begann das Austesten der eigenen Grenzen. „Ich hatte meine erste Unterkunft nach 280 Kilometern gebucht, war aber schon um 16 Uhr da. Da bin ich noch etwas weiter gefahren.“ Der Ehrgeiz war geweckt. Die Naturspektakel, die Stimmung unter den Mitstreitern, aber auch die Anfeuerung von Anwohnern in den entlegensten Dörfern trugen ihn weiter.

Doch die Euphorie blieb nicht konstant. In Tschechien kamen Regen, ein Platten und wenig Schlaf zusammen. „Da habe ich mich schon gefragt: Alter, was machst du hier eigentlich? Aber ans Aufgeben habe ich nie gedacht.“

Im Gegenteil: Der Ehrgeiz wuchs. Auch die Fähre von Polen nach Schweden musste in die Planung passen. „Die fuhr zweimal am Tag. Ich wollte unbedingt eine Abendfähre erreichen, damit ich nicht Tageszeit zum Fahren verliere.“

In Skandinavien begann für Stetefeld die emotionalste Phase. „Die Sonnenauf- und -untergänge und die Natur waren da wirklich einmalige Erlebnisse.“ Dazu kamen die Weite und Einsamkeit. Einmal hatte er sich allerdings verkalkuliert. Über 130 Kilometer kam kein Supermarkt, seine Vorräte gingen zur Neige. Stetefeld schaffte es trotzdem.

Wenn er einkaufen konnte, wurde vieles sofort gegessen, denn Platz war auf dem Rad kaum vorhanden. „Gesundes Essen war das nicht. Ein paar Äpfel, viele Kohlenhydrate und Weingummi.“ Irgendwie mussten schließlich rund 6000 Kilokalorien pro Tag zusammenkommen.

Auch die Nächte im Zelt wurden immer kürzer. Manchmal nutzte Stetefeld ein Hotel zumindest zum Waschen seiner Trikots. Die mögliche Fahrtzeit wurde dagegen immer länger. „Am Ende bin ich auch 25 Stunden am Stück gefahren.“

Denn inzwischen wollte Stetefeld das Ziel unbedingt in der Mindestzeit erreichen. Das gelang ihm. Dafür wartete bereits das nächste Problem: „Ich hatte so gut wie keine Klamotten mit und meinen Rückflug erst nach 20 Tagen gebucht.“

Stetefeld schaffte es, den Flug umzubuchen und früher nach Hause zu kommen. Nur zwei Tage mit jeweils elf Stunden Schlaf blieben ihm, dann saß er schon wieder im Sattel. Dieses Mal allerdings nicht für die nächste Ultra-Tour: Sein Triathlon-Oberliga-Team wollte er nicht hängen lassen und für das Rennen am Altwarmbüchener See zur Verfügung stehen.

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