Heute behandelt Breitbart immer mehr Menschen wie ihn, die Hautkrebs entwickeln – insbesondere Ältere. „Ein 90-Jähriger, der mit Hautkrebs ins Krankenhaus kommt? Das war früher die Ausnahme. Inzwischen behandele ich 103-Jährige.“ Häufig seien es Tumorentfernungen am Kopf, die der Arzt durchführt.
Die Statistiken zeichnen ein eindeutiges Bild: Hautkrebs ist zu einer Volkskrankheit geworden. Die Zahl der Hautkrebsfälle in deutschen Kliniken hat sich innerhalb von 20 Jahren nahezu verdoppelt, meldete das Statistische Bundesamt Mitte Mai. Gleichzeitig sei der Anteil der Menschen, die im Zusammenhang mit Hautkrebs versterben, um 60,8 Prozent gestiegen.
Doch woran liegt das? Sind wir leichtsinniger im Umgang mit der Sonne geworden? Oder ist die Sonne vielleicht selbst das Problem? Ist sie aggressiver geworden?
„Die Sonne ist nicht aggressiver geworden“, stellt Sebastian Lorenz vom Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) unmittelbar klar. „Die Sonne strahlt auch nicht mehr oder weniger intensiv als früher. Nur die Parameter, die die Sonnenstrahlen auf dem Weg zur Erdoberfläche beeinflussen, verändern sich.“ Gemeint sind damit etwa die Bewölkung und das Ozon.
Die UV-Strahlung ist die Hauptursache für Hautkrebs. Es gibt drei verschiedene Arten von UV-Strahlung, die sich durch ihre Wellenlängen unterscheiden: UV-A-, UV-B- und UV-C-Strahlung. UV-C-Strahlung, die am energiereichsten und damit am gefährlichsten ist, wird von der Erdatmosphäre blockiert. UV-A- und UV-B-Strahlen können zur Erdoberfläche gelangen, das Erbgut von Hautzellen schädigen und so Tumore verursachen.
Erst in den 1960er-Jahren stellten Forscher fest, dass UV-Strahlung DNA-Schäden hervorrufen kann. In den folgenden Jahrzehnten wurden die Zusammenhänge zwischen UV-Strahlung und Hautkrebs weiter aufgeklärt. Später stufte die International Agency for Research on Cancer (IARC) der Weltgesundheitsorganisation UV-Strahlung als krebserregend für den Menschen ein. „Die Gefährlichkeit der UV-Strahlung ist sehr lange negiert worden“, sagt Breitbart.
Heute ist die UV-Strahlung ein wichtiger meteorologischer und klimatischer Parameter. Mehr als eine Million Messdaten haben Lorenz und seine Kolleginnen und Kollegen genutzt, um die Veränderungen der Strahlung in den vergangenen Jahrzehnten nachzuvollziehen. Dabei stellten sie einen eindeutigen Trend fest: „Wir sehen eine signifikante Zunahme der UV-Strahlung am Boden“, so der Forscher. Demnach hat die UV-Strahlung in den vergangenen 30 Jahren um 10 bis 20 Prozent in Mitteleuropa zugenommen – und damit auch das Risiko für gesundheitliche Schäden.
Als Hauptgrund dafür nennt Lorenz die abnehmende Bewölkung. Ohne die Wolken dringt mehr Sonnenlicht zur Erdoberfläche. Einfluss auf die geringere Wolkendichte nimmt unter anderem der Klimawandel. „Es gibt Studien, die zeigen, dass er dazu beiträgt, dass die Bewölkung an Land abnimmt.“ Womöglich werde die Klimakrise sogar „in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen, weil andere Faktoren dafür an Einfluss verlieren“, sagt der Experte.
Gleichzeitig sorgt der Klimawandel für länger anhaltende Hitzewellen und eine zunehmende Sonnenscheindauer. Dadurch erhöht sich die Zeit, in der Menschen der UV-Strahlung ausgesetzt sind. Das BfS verweist auf Modellrechnungen, wonach ein globaler Anstieg der Umgebungstemperatur um zwei Grad Celsius die Hautkrebsinzidenz bis 2050 um 11 Prozent erhöhen könnte.
Wer argumentiert, dass es früher auch schon sonnige Tage mit weniger Wolken gegeben habe, unterliege einem Denkfehler, so Lorenz. „Denn früher war die Ozonschicht noch dicker.“ Durch den Einsatz von Chemikalien wie FCKW (Fluorchlorkohlenwasserstoffe) in den 1970er-Jahren ist die Ozonschicht zunehmend dünner geworden. Inzwischen sind FCKWs verboten, sodass sich die Schicht langsam erholt.
Die Ozonschicht unterliegt zudem kurzfristig natürlichen Schwankungen. Im Frühling erreicht das Ozon in der Atmosphäre für gewöhnlich seinen Höchststand, im Herbst seinen Tiefpunkt. „Es gibt erste Hinweise, dass sich dieser Ozonverlauf im Jahr möglicherweise ungünstig verschiebt“, sagt Lorenz. Dann könnte es im Sommer weniger atmosphärisches Ozon geben, sodass mehr UV-Strahlung am Erdboden ankommt. Um diese Hinweise zu prüfen, brauche es noch mehr wissenschaftliche Untersuchungen.
In diesem Frühjahr sei die Ozonschicht in der Arktis beispielsweise erheblich dünner als sonst gewesen, teilt das Deutsche Krebsforschungszentrum mit. „Ausläufer dieses Nordpol-Phänomens führen dazu, dass auch die Luftmassen über Europa ozonärmer sind und daher mehr Strahlung die Erde erreicht.“ Schätzungen, die davon ausgehen, dass keine FCKWs mehr eingesetzt werden, und die den Hauttyp berücksichtigen, ergaben: Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts könnte es in Westeuropa 30 bis 40 zusätzliche Hautkrebsfälle pro eine Million Einwohnerinnen und Einwohner aufgrund des stratosphärischen Ozonverlusts geben.
Für Deutschland würde das 2500 bis 3300 zusätzliche Hautkrebsfälle pro Jahr bedeuten, erklärt das BfS.
Neben diesen Umweltfaktoren gibt es noch andere Gründe, die die steigenden Hautkrebsfälle erklären. Hautarzt Breitbart nennt etwa die demografische Entwicklung der Gesellschaft. „Früher hat man weniger Hautkrebsfälle gesehen, weil die Menschen nicht so alt geworden sind“, sagt er. „Jetzt werden wir 80 Jahre und älter. Das heißt: Wir kommen als Dermatologinnen und Dermatologen gegen diese Flut an alten Menschen, die regelmäßig Hautkrebs entwickeln, gar nicht an. Eines Tages wird das ein echtes Versorgungsproblem.“
Ein anderer Grund ist die bessere Früherkennung. Screening-Angebote machen es möglich, Hautkrebs frühzeitig zu erkennen. Derzeit haben gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle zwei Jahre Anspruch auf ein kostenfreies Hautkrebsscreening. Das kürzlich beschlossene Gesundheits-Sparpaket sieht nun vor, diesen Hautkrebs-Check auf Risikopatientinnen und -patienten zu beschränken.
Auf das Hautkrebsrisiko kann auch jeder und jede selbst Einfluss nehmen. Lorenz wünscht sich vor allem mehr Achtsamkeit im Umgang mit der Sonne. „Es gilt: meiden, kleiden, eincremen. In dieser Reihenfolge.“ Gerade die Mittagssonne, wenn die UV-Strahlung besonders hoch ist, sollte man möglichst nicht draußen genießen.
Wer rausgehen muss, sollte den UV-Index beachten. Ab einem Wert von 3 sollte man Schutzmaßnahmen treffen. Das bedeutet: sich am besten im Schatten aufhalten; sonnengerechte Kleidung mit Sonnenbrille, Hut und Schuhen, die den Fußrücken bedecken, tragen; und Sonnencreme auftragen. „Alle Körperteile, die nicht von Stoff bedeckt sind, sollten mit einem guten Sonnenschutzmittel eingecremt werden“, rät Hautarzt Breitbart. So kann man auch das Risiko für Sonnenbrände reduzieren, die Hautkrebs begünstigen.