Das Ziel ist, die biologische Vielfalt in der Stadt zu fördern. Gerade Wildbienen, Schmetterlinge und viele andere Insektenarten finden in urbanen Räumen zunehmend wichtige Rückzugsorte. Damit sie Nahrung finden und sich vermehren können, müssen Pflanzen blühen und Samen bilden dürfen. Genau deshalb greift die Stadt auf vielen Flächen deutlich seltener zum Rasenmäher.
Dabei setzt Hannover auf zwei unterschiedliche Wege. Auf einem Großteil der Flächen wird die Natur einfach machen gelassen. Die Vegetation entwickelt sich dort möglichst ungestört, Eingriffe beschränken sich auf das Notwendige. An anderen Standorten wird gezielt nachgeholfen: Dort entfernt die Stadt zunächst den vorhandenen Bewuchs und bringt anschließend die sogenannte Hannovermischung aus – regiozertifiziertes Saatgut mit Pflanzenarten, die besonders gut an die hiesigen Bedingungen angepasst sind und heimischen Insekten als Nahrungsquelle dienen.
Wie groß diese Flächen inzwischen sind, zeigt ein Blick auf das Stadtgebiet. Im Stadtteilpark Sahlkamp wurden rund 19.400 Quadratmeter entsprechend entwickelt, vor dem Stadion von Hannover 96 weitere 17.000 Quadratmeter. Hinzu kommen unter anderem die Grünverbindung an der Culemannstraße mit 1.630 Quadratmetern, die Grünfläche vor der Ludwig-Windthorst-Schule in der Südstadt mit 170 Quadratmetern sowie die Blühfläche am Theodor-Heuss-Platz vor dem Hannover Congress Centrum mit 2.890 Quadratmetern.
Wer allerdings erwartet, dass solche Blühflächen den ganzen Sommer über wie bunte Blumenbeete aussehen, wird oft überrascht. Damit möglichst viele Tierarten geeignete Lebensbedingungen finden, werden die Flächen unterschiedlich gepflegt. Teilbereiche mäht die Stadt mosaikartig und höchstens zweimal im Jahr. Andere bleiben über den Winter vollständig stehen. Vertrocknete Halme und Samenstände sind für viele Insekten weit mehr als Pflanzenreste – sie dienen als Winterquartier oder als Ort für die Eiablage.
Deshalb wirken manche Flächen im Hochsommer oder Herbst eher braun als bunt. Auch Bereiche mit wenigen Blüten gehören zum Konzept. Was aus menschlicher Sicht manchmal unordentlich erscheint, erfüllt aus ökologischer Sicht einen wichtigen Zweck. Gerade die Vielfalt aus hohen und niedrigen Pflanzen, offenen Bereichen und stehen gebliebenen Beständen schafft unterschiedliche Lebensräume.Das bedeutet allerdings nicht, dass Hannover seine Parks und Grünanlagen grundsätzlich verwildern lässt. Intensiv genutzte Rasenflächen für Sport, Spiel und Erholung werden weiterhin regelmäßig gepflegt. Die naturnahe Bewirtschaftung betrifft vor allem jene Bereiche, die sich als Lebensraum für Pflanzen und Tiere eignen. So entstehen innerhalb derselben Grünanlage oft unterschiedliche Zonen mit verschiedenen Aufgaben.
Neben dem Beitrag zum Artenschutz haben die naturnahen Flächen noch einen weiteren Effekt: Sie sorgen für mehr Struktur im Stadtbild und können das Mikroklima verbessern. Vor allem aber machen sie deutlich, dass gepflegte Grünflächen heute nicht überall gleich aussehen müssen. Ein hoher Bewuchs oder verblühte Pflanzen sind deshalb in vielen Fällen kein Zeichen mangelnder Pflege, sondern Ausdruck eines bewusst veränderten Umgangs mit der Stadtnatur.