Eskalation am Frühstückstisch
Das Museum Wilhelm Busch feiert „103 Jahre Loriot“ mit einer Ausstellung und einem Begleitprogramm von Familienkino bis Jazz-Konzert

Loriot, „Das Frühstücksei“, 1977© Studio Loriot, Frankfurt/Main
Hannover. Man kann einen Geburtstag verpassen, ihn nachfeiern oder, sehr loriotisch, einfach den 103. begehen. Das Museum Wilhelm Busch zeigt bis zum 14. März 2027 die Ausstellung „ACH WAS. 103 Jahre Loriot“ und entscheidet sich damit gegen die feierliche Rundung und für jene kleine Verschiebung ins Absurde, die Vicco von Bülows Werk so gut bekommt. Hundert ist vorbei, 103 ist jetzt. Der Rest wäre eine Frage der Etikette, und gerade die hat bei Loriot ihre Tücken.

Man muss nur an ein Frühstücksei denken, an ein schief hängendes Bild oder an eine Nudel, die partout nicht dort bleiben will, wo sie hingehört – schon ist man mitten in Loriots Welt. Kaum ein deutscher Künstler hat die Tücken des Alltags so präzise beobachtet wie Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow. Seine Figuren scheitern nicht an großen Tragödien, sondern an Höflichkeit, Missverständnissen und dem verzweifelten Versuch, alles richtig zu machen. Gerade darin liegt bis heute die Faszination seines Werks.

Es ist nicht das erste Mal, dass Loriot im Museum im Georgengarten zu Gast ist. Bereits zu seinem 50., 65. und 80. Geburtstag wurden dort umfangreiche Ausstellungen gezeigt. Die neue Schau knüpft daran an, geht aber zugleich weiter. Sie versteht sich weniger als klassische Werkschau denn als Einladung, einen Künstler neu kennenzulernen, dessen Schaffen weit über Fernsehsketche und Kinofilme hinausreicht.

Entstanden ist die Ausstellung gemeinsam mit dem Caricatura Museum Frankfurt. Auf großzügiger Fläche spannt sie den Bogen über nahezu das gesamte künstlerische Leben Loriots. Zu sehen sind frühe Kinderzeichnungen ebenso wie Cartoons, Fotografien, Filmausschnitte, Originalentwürfe, Dokumente, Bühnenbildmodelle und Arbeiten aus seinem späten malerischen Schaffen. Statt die Stationen seines Lebens streng chronologisch abzuhandeln, führt die Präsentation durch Themenwelten, die den Blick auf unterschiedliche Facetten des Künstlers lenken.

Natürlich begegnen Besucher den Klassikern. Das berühmte Frühstücksei fehlt ebenso wenig wie die Steinlaus, Wum und Wendelin oder jene legendäre Nudel, an der sich eine ganze Beziehung entzündet. Doch die Ausstellung will mehr sein als eine nostalgische Reise zu bekannten Pointen. Sie zeigt vor allem den Zeichner, dessen genaue Beobachtungsgabe den Grundstein für alles legte, was später folgte.

Lange bevor Loriot zum Fernsehstar wurde, analysierte er mit Feder und Tusche die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft. Seine Cartoons handeln von Menschen, die in den Regeln des guten Benehmens gefangen sind, die sich in Floskeln verheddern oder aus Kleinigkeiten Grundsatzfragen machen. Seine Komik entsteht nicht aus Schadenfreude, sondern aus Wiedererkennen. Wer heute seine Zeichnungen betrachtet, entdeckt darin noch immer Nachbarn, Kollegen oder Familienmitglieder – und mitunter sich selbst. Dass diese Arbeiten auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung funktionieren, liegt gerade daran, dass Loriot nie auf modische Zeitkritik setzte. Er beobachtete menschliches Verhalten, und das verändert sich weit weniger als technische Errungenschaften oder politische Debatten.

Ein weiterer Schwerpunkt gilt einem Werkbereich, der vielen Besuchern unbekannt sein dürfte. Loriot war nicht nur Zeichner, Autor, Regisseur und Schauspieler, sondern beschäftigte sich intensiv mit der Oper. Kostümentwürfe und Bühnenbildmodelle seiner Inszenierungen von „Martha“, „Der Freischütz“ und „Der Ring in einer Nacht“ zeigen einen Künstler, der auch auf der Opernbühne ein ausgeprägtes Gespür für Gestaltung und Dramaturgie entwickelte. Gerade diese Arbeiten erweitern den Blick auf einen Künstler, der sich nie auf ein Medium beschränken ließ.

Auch Hannover spielt in der Ausstellung eine besondere Rolle. Unter dem Titel „Loriot als Gastgeber, Laudator und Redner“ erinnert das Museum an zwei Auftritte des Künstlers in der Landeshauptstadt. 1978 sprach er in der Kestner Gesellschaft über die Karikatur als Außenseiter der Kunst, 1991 hielt er im Museum Wilhelm Busch eine Rede, in der er mit stoischer Ernsthaftigkeit Kunstgeschichte, Goethe und den Unterschied zwischen bildenden Künstlern und Karikaturisten humorvoll auseinandernahm. Diese Aufzeichnungen machen deutlich, dass Loriot selbst feierliche Anlässe mit trockenem Witz in kurzweilige Ereignisse verwandeln konnte.

Interessant ist auch der Blick, den die Ausstellung auf Loriots Frauen- und Männerfiguren wirft. Viele seiner bekanntesten Sketche kreisen um Beziehungen, Rollenbilder und Machtverhältnisse. Die Präsentation lädt dazu ein, diese Arbeiten aus heutiger Perspektive zu betrachten. Dabei zeigt sich, dass Loriot seine Figuren erstaunlich ausgewogen behandelt. Weder Männer noch Frauen werden geschont, oft sind es sogar die Frauen, die in seinen Geschichten den größeren Durchsetzungswillen entwickeln.

Ergänzt wird die Ausstellung durch zahlreiche selten gezeigte Vorzeichnungen, Fotografien und Dokumente. Außerdem begegnen Besucher dem Zeichner Manfred Schmidt, dem Erfinder von Nick Knatterton und langjährigen Freund Loriots. So entsteht das Bild eines Künstlers, dessen Werk weit verzweigt ist und dessen Einfluss die deutsche Humor- und Zeichenkultur bis heute prägt.

Über die Ausstellung hinaus bietet das Museum gemeinsam mit dem Kulturzentrum Faust ein umfangreiches Begleitprogramm. Mehrfach werden Doppelführungen unter dem Titel „Vom Busch in die Faust“ angeboten, die an Sonntag, 9. August, Sonntag, 20. September und Sonntag, 18. Oktober, jeweils ab 14 Uhr beide Häuser miteinander verbinden.

Im Palaisgarten folgt am 28. August um 19 Uhr die Outdoor-Lesung „Janssen & Grimm: Zu Tisch!“. Uwe Janssen und Imre Grimm servieren dort ein satirisches Mehrgang-Menü mit Loriot-Bezug. Eine der Fragen, die sich mit zunehmendem zeitlichen Abstand besonders nachdrücklich stellt, lautet: Wie zeitgemäß ist Loriots Blick auf die Geschlechter? Die „Ladies Night“ am 10. September um 18 Uhr macht daraus ihre zentrale Versuchsanordnung. Unter der Überschrift „War Loriot ein Feminist?“ soll diskutiert werden, ob seine Sketche eher konservative Rollenbilder bewahren oder gerade deren Absurdität sichtbar machen.

Das Konzert „60 Jahre Jazz Club Hannover x Loriot“ steht am 9. Oktober um 19 Uhr auf dem Programm; Tickets sind über den Jazz Club Hannover erhältlich.

Bei der „Date Night“ am 30. Oktober und 4. Dezember, jeweils um 18 Uhr, improvisieren die Improkokken ein Blind Date, dessen Verlauf das Publikum mitbestimmt.

Auch das Kino darf in einer umfassenden Loriot-Schau nicht fehlen.Zwei Filmabende führen in die Warenannahme des Kulturzentrums Faust: Dort läuft am 22. November 2026 um 18 Uhr „Pappa ante Portas“, am 14. Februar 2027 zur gleichen Zeit „Ödipussi“. Familien sind am 29. November von 11 bis 17 Uhr zu „Weihnachten mit Loriot“ eingeladen.

Am 29. Januar 2027 um 19 Uhr untersuchen Monika Mertens und Kersten Flenter in „Mann und Frau im Bad… der Gefühle“ hartnäckige Klischees und Rollenbilder. Am 26. Februar um 18 Uhr liest Johann von Bülow aus „LORIOT – Der ganz offene Brief“ und erinnert damit an Loriots QUICK-Kolumne aus den Jahren 1957 bis 1961.In diesen Briefen zeichnete Loriot ein Sittengemälde der jungen Bundesrepublik. R/HR

Die Ausstellung ist im Museum Wilhelm Busch, Georgengarten, dienstags bis sonntags sowie an Feiertagen von 11 bis 17 Uhr zu sehen, donnerstags im Sommer bis 20 Uhr. Informationen zum Begleitprogramm sowie Reservierungsmöglichkeiten stehen online auf karikatur-museum.de/programm/veranstaltungen; für das Jazzkonzert gibt es Eintrittskarten über jazz-club.de.



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