Es folgte eine anderthalbjährige Pause für den Mann von der Box-Sport-Akademie Hannover, das Karriereende drohte. Schäfer bewies jedoch Nehmerqualitäten, er kam zurück. Und steigt im September für Deutschland bei der EM der Elite in den Ring - das ist ein Riesenerfolg. „Alle hatten mich vergessen, ich war nicht mehr auf dem Radar. Jetzt bin ich wieder guter Dinge“, sagt der 20-Jährige. Und Akhmed Dzhafarov, Coach am Box-Olympiastützpunkt Hannover und Landestrainer für den Nachwuchs, bekräftigt: „Ramil ist ein außergewöhnlicher Boxer. Ich traue ihm alles zu.“
Schäfer spürte den Schmerz damals schnell, mit dem vielen Adrenalin war es aber zu ertragen. Der Gelenkknochen war wieder zurückgesprungen - aber Bänder gerissen und Knorpel beschädigt. Der damalige Gymnasiast der KGS Hemmingen überstand den Kampf und gewann ihn sogar. „Dann ging nichts mehr“, erinnert sich der 1,91 Meter große und 82 Kilogramm schwere Athlet.
Nach der Operation „haben die Ärzte geraten, es mir zweimal zu überlegen, ob ich wieder boxen will. Es hieß, ich könnte vielleicht keine Leistung mehr bringen“, erzählt der freundliche und zugewandte Abiturient. „Es war eine sehr schwere Zeit. Aber ich habe beschlossen, ich will mein Talent nicht wegschmeißen. Ich hab mich da durchgeboxt“, sagt Schäfer, dessen älterer Bruder Roman ebenfalls ein guter Faustkämpfer war. Und dessen jüngerer Ramin (10 Jahre) dabei ist, ein guter zu werden.
Ramil Schäfer verbrachte viel Zeit mit einem Sportpsychologen, fand Rat und Hilfe. Es las und liest Motivationsbücher. Zudem schaute er sich Kämpfe von Kontrahenten an, „die erfolgreich wurden - die ich aber früher besiegt hatte“. Das gab einen weiteren Ansporn. „Und irgendwas hat mich gezogen, damit ich nicht aufhöre“, so beschreibt es der freundliche und zugewandte Athlet, der gern Hip-Hop hört und spazieren geht.
Er fand sich im Ring schnell wieder zurecht, als die Schulter wieder mitspielte. Bei seinem Comeback gewann er und holte im vergangenen Jahr Bronze bei der U23-Meisterschaft. Dann ging es Schlag auf Schlag. Schäfer gewann ein Turnier in Finnland und einen Kampf in Polen. Und schulterte später das Abitur - wegen des zweifachen Trainings in Hannover hatte er das Hölty-Gymnasium in Wunstorf verlassen. „Stressige Zeit“, so Schäfer. Der neue Bundestrainer Humberto Horta Domínguez aus Kuba am Olympiastützpunkt in Heidelberg nominierte den Rechtsausleger für die EM in Sofia (15. bis 26. September). „Ramil hat ein gutes Auge, ist klug und hat das Distanzgefühl. Er hat sich das verdient, das ist eine Auszeichnung“, sagt Dzhafarov.
Schäfer will in Sofia nicht nur dabei sein, er will eine Medaille. Das gilt auch für die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles. „Ich setze mir große Ziele.“ Deutschlands Schwergewichts-Weltmeister Agit Kabayel ist ein Vorbild.
„Meine Geschichte zeigt, dass sich alle Widerstände überwinden und alle Steine aus dem Weg räumen lassen“, sagt Ramil Schäfer, der viel in den sozialen Medien postet, mit seinen Erfolgen Mut machen möchte.
Nächste Etappe des Mannes, der davon träumt, Profi-Weltmeister zu werden, ist der Olympiastützpunkt Heidelberg. Ein Studium ist denkbar oder die Bundeswehr-Sportförderkompanie. Eins ist klar: Ein Haudrauf-Boxer ist er nicht. „Ich steige in den Ring, um zu treffen. Und um nicht getroffen zu werden.“ Dass er im Zweifel mit schmerzhaften Rückschlägen fertigzuwerden weiß, hat Ramil Schäfer bewiesen.