Als Computer noch ganze Räume füllten
In Laatzen trafen sich Menschen, die in Hannover an den frühen Großrechnern gearbeitet haben.
Mit Lochkarten, Magnetbändern und Supercomputern prägten sie eine Zeit, in der digitale Zukunft noch nach Maschinenraum klang

Im Jahr 1975: Die Operateure Daphne Kohlrausch und Hans-Gebhard von Lenthe im Bedienbereich der drei Rechner CYBER 76/73/73. Im Vordergrund die Bedienkonsolen für die beiden CYBER 73-Vorrechner, über die auch die CYBER 76 gesteuert wurde. Dahinter moderne Wechselplatteneinheiten mit je 118 und 236 Mbyte Kapazität – für die damalige Zeit einegroße Kapazität, heute ist ein Vielfaches auf einem USB-Stick speicherbar. Die Rechnerselbst sind nicht im Bild.Fotos (2): RRZN / Noack
Region Hannover. Bevor Computer auf Schreibtischen standen, standen sie in Maschinenräumen. Sie hatten Bedienkonsolen, Magnetbandlaufwerke, Lochkartenleser, Schnelldrucker und Schränke voller Technik. Wer mit ihnen arbeiten wollte, setzte sich nicht einfach vor einen Bildschirm und tippte los. Der Weg vom Gedanken zum Ergebnis führte durch Papier, Maschinenlärm und Menschen, die wussten, wie man diese großen Anlagen bediente.

In Hannover saßen solche Menschen im Rechenzentrum der damaligen Technischen Hochschule und später im Regionalen Rechenzentrum für Niedersachsen, kurz RRZN. Manche kamen als Studenten in den Maschinenraum, andere blieben über Jahrzehnte. Sie bedienten Rechner, unterstützten Wissenschaftler, entwickelten Software, halfen bei Schulungen und arbeiteten mit Technik, die damals nach Zukunft klang. Aus dem ersten Zugang zu Großrechnern wurden Berufswege, Forschungsprojekte, Firmen, Professuren und Leitungspositionen.

Anfang Juli trafen sich 47 dieser Ehemaligen wieder in Laatzen. Organisiert wurde das Wiedersehen von Wilhelm Noack, Diplom-Mathematiker, früherer Akademischer Oberrat und selbst lange mit dem RRZN verbunden. Er nennt sich mit einem Augenzwinkern den „Wiedersehens-Manager“ der Gruppe. Warum das Treffen in Laatzen stattfindet, erklärt Noack so: „Hier kenne ich mich aus, hier kann ich einfacher organisieren UND ein Biergarten an der Leinemasch oder ein Café im Park der Sinne – das sind doch wundervolle, ideale Plätzchen!“

Das Ehemaligen-Treffen findet alle zwei Jahre statt. 2026 kam die Runde zum sechsten Mal zusammen. Ihre ältesten Teilnehmer sind 89 und 88 Jahre alt, die weitesten Anreisen führten unter anderem aus Hamburg, Ratingen und aus Polling südlich von München nach Laatzen. Was sie verbindet, war nie nur ein gemeinsamer Arbeitgeber. Es ist die Erinnerung an eine Zeit, in der elektronische Datenverarbeitung noch ein Spezialgebiet für Neugierige, Tüftler und technisch Begeisterte war.

Die frühen Spuren führen zum Rechenzentrum der damaligen TH Hannover. 1963 wurde dort eine Control Data CDC 1604-A/8090 installiert. Die Maschine war einer der frühen Transistorrechner und eines der ersten in Europa installierten Exemplare dieses Rechnertyps. Ein Foto aus dem Jahr 1965 zeigt die Zentraleinheit, davor die Bedienungskonsole mit Schreibmaschine. Links steht ein Lochkartenleser, rechts ein mechanischer Schnelldrucker, im Hintergrund sind Magnetbandlaufwerke zu sehen. Die Szene wirkt heute beinahe wie ein Blick in eine Kommandozentrale: Menschen im Maschinenraum, konzentriert zwischen Schränken, Schreibmaschine, Laufwerken und Papier.

Lochkarten waren damals das zentrale Medium. Benutzer des Rechenzentrums lochten ihre Programme in Karten und gaben die Stapel im RZ ab. Studentische Hilfskräfte und später festangestellte Mitarbeiter holten sie in den Maschinensaal, lasen sie ein und ließen den Rechner arbeiten. Die Ergebnisse wurden auf Listen ausgedruckt und ausgelegt oder mit dem Fahrdienst verteilt, etwa zur Medizinischen Hochschule, zur damaligen Bundesanstalt für Bodenforschung oder zur Tierärztlichen Hochschule. Rechnen war ein organisierter Ablauf, fast eine kleine Logistik.

In den Erinnerungen der Ehemaligen lebt diese Welt sehr plastisch weiter. Bänder bewegten sich, der Arbeitsspeicher gab Töne von sich, Maschinen mussten gefüttert und überwacht werden. Es war Technik, die man sehen und hören konnte. Zugleich war es eine Zeit des Aufbruchs. Junge Leute, die etwas bewegen wollten, fanden im Rechenzentrum Zugang zu einer neuen Welt. Die elektronische Datenverarbeitung war noch nicht allgegenwärtig, sondern ein Feld, in dem vieles ausprobiert, gelernt und entwickelt wurde.

1971 entstand das Regionale Rechenzentrum für Niedersachsen. Es war für den Spitzenbedarf an Rechenkapazität aller niedersächsischen Hochschulen und Universitäten gedacht. 1974 wurde das ältere lokale Rechenzentrum in das RRZN integriert. Für die Beteiligten bedeutete der Schritt zu den Regionalrechnern Anfang der 70er-Jahre einen gewaltigen Sprung. Die Rechenleistung des RRZN lag deutlich über der des vorherigen lokalen Rechenzentrums, hinzu kamen neue Software, Fernschreiber, Bildschirmarbeitsplätze und später Vorläufer des Personal Computers.

Besonders in Erinnerung geblieben ist die CDC CYBER 76. Sie war von 1973 an 14 Jahre lang im RRZN im Einsatz. Bei ihrem Namen schwang damals Ehrfurcht mit. Ein Foto von 1975 zeigt den Bedienbereich der Rechner CYBER 76/73/73. Im Vordergrund stehen die Konsolen der beiden CYBER-73-Vorrechner, über die auch die CYBER 76 gesteuert wurde. Dahinter sind Wechselplatteneinheiten mit 118 beziehungsweise 236 Megabyte Kapazität zu sehen. Damals war das beeindruckend viel Speicher. Heute reicht dieser eine Vergleich, um den Abstand zu ermessen: Ein einziges Smartphone verfügt inzwischen über ein Vielfaches davon.

Für viele frühere Hilfskräfte war das RRZN weit mehr als ein Nebenjob. Sie bekamen Zugang zu Rechnern, als das noch ein Privileg war. Sie übernahmen Verantwortung, lernten Programmiersprachen, Operating, Nutzerberatung und die Arbeitsweise wissenschaftlicher Rechenzentren kennen. Die dort erworbenen Kenntnisse waren später bei Bewerbungen oft ein starkes Argument. Für manche wurde die Arbeit im RRZN sogar zum Wendepunkt: weg von einem begonnenen Fach, hin zur Informatik, Mathematik oder zu einer beruflichen Laufbahn in der IT.

Dabei blieb die Atmosphäre offenbar vielen besonders im Gedächtnis. In den Erinnerungen ist von Vertrauen, Freiräumen und einer ungewöhnlich lebendigen Arbeitswelt die Rede. Mehrfach fällt der Name Helmut Pralle, der das Rechenzentrum der TH und später das RRZN prägte. Er gilt vielen aus der Gruppe als fachlicher Pionier und als Mensch, der gute Arbeitsbedingungen schuf. Noch beim Treffen 2024 nahm Pralle teil, obwohl er gesundheitlich bereits angeschlagen war. Zwei Monate später starb er im Alter von 89 Jahren.

Der Alltag im Rechenzentrum hatte aber auch seine komischen Momente. Als die studentischen Operateure im Maschinenraum nach und nach durch festangestellte Mitarbeiter ersetzt wurden, mussten Quereinsteiger hausintern geschult werden. Eine Unterrichtsstunde endete mit der Ankündigung, beim nächsten Mal gehe es um „Steuerkarten“. Einer der Teilnehmer berichtete daraufhin begeistert zu Hause: „Demnächst kann ich meine Steuererklärung selbst machen!“ Gemeint waren natürlich keine Finanzformulare, sondern Steuerkarten für Computer-Betriebssysteme.

Zur Wirkung des RRZN gehörten nicht nur die großen Maschinen. Das Rechenzentrum wurde auch über seine Handbücher bekannt. Seit 1982 koordinierte es eine Kooperation staatlicher Hochschulen, um Studierenden und Mitarbeitern gute und preisgünstige IT-Einführungsschriften anzubieten. Mehr als 180 Hochschulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz beteiligten sich. Die Gesamtauflage überschritt die Marke von drei Millionen Exemplaren. Aus Hannover kamen damit nicht nur Rechenkapazitäten, sondern auch praxisnahe und aktuelle gedruckte Wegweiser durch die digitale Welt.

Auch beruflich führten die Wege vieler Ehemaliger weit über Hannover hinaus. Stephan Olbrich, heute Professor im Ruhestand, beschreibt die Zeit am RRZN als Grundlage seines späteren Berufswegs. Er besuchte dort die Programmiervorlesung, arbeitete als Hilfskraft in der Betreuung von Vorlesungen, Übungen und Prüfungen, später als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit Serviceaufgaben sowie in Forschung und Entwicklung. Er promovierte bei RRZN-Direktor Professor Helmut Pralle und leitete später Rechenzentren an den Universitäten Düsseldorf und Hamburg.

Dass sich die Gruppe bis heute trifft, begann mit Noacks eigener Abschiedsfeier. Im Hotel Haase in Laatzen-Grasdorf zeigte er historische Dokumente aus der RRZN-Zeit. Die Resonanz war so groß, dass daraus die Idee für ein größeres Wiedersehen entstand: locker, tagsüber, am besten im Biergarten. 2014 kamen zunächst 30 ehemalige Festangestellte nach Grasdorf. Beim ersten Treffen fehlten die früheren studentischen Hilfsassistenten noch, weil ihre Kontaktdaten nicht vorlagen. Zwei Jahre später hatte Noack viele von ihnen aufgespürt, manche nach Jahrzehnten ohne Kontakt zum früheren Rechenzentrum und zur Universität.

Aus dieser Spurensuche ist auch eine digitale Sammlung geworden. Auf seiner privaten Internetpräsenz noack-grasdorf.de dokumentiert Noack die Geschichte des RRZN mit Erinnerungen, Fotos und historischen Unterlagen. Eine wichtige Quelle war das Niedersächsische Landesarchiv. Vieles, was in Akten, Bildern und privaten Erinnerungen verstreut war, ist auf Noacks Webseiten inzwischen wieder zugänglich. Die Seite ist damit selbst ein kleines Denkmal für eine Computergeschichte, die sonst leicht hinter den glänzenden Geräten der Gegenwart verschwinden würde.

A ls die Runde nun in Laatzen zusammensaß, begegnen sich nicht nur frühere Kollegen. Es trafen sich Menschen, die in Hannover an einer frühen Phase der digitalen Wissenschaft mitgearbeitet haben. Die Lochkarten sind verschwunden, die Großrechner von damals stehen nicht mehr im Maschinenraum, viele Berufswege sind abgeschlossen. Geblieben ist die Verbindung aus gemeinsamer Arbeit, Technikbegeisterung und Erinnerung. Nun bekam sie in Laatzen wieder einen Tisch . HR





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