Der neuerliche Neustart ist, den Publikumsreaktionen nach zu urteilen, gelungen. In sehr kurzer Vorbereitungszeit haben der neue künstlerische Leiter Detlef Simon alias Desimo und sein Team ein Programm organisiert, das glückliche Gesichter hinterlässt. Er folgte im Herbst Knall auf Fall dem zwei Jahre lang glücklosen Casper de Vries. Zuvor hatte Harald Böhlmann 37 Jahre lang das von ihm erfundene Fest verantwortet. Desimo fühlt sich erkennbar dem Erbe beider verpflichtet, ohne auf eigene Akzente zu verzichten. „Schön hier!“ hat er als Motto ausgegeben. Er löst es ein. Desimo ist Zauberer und Entertainer und hat selbst sehr oft auf dem Kleinen Fest gespielt. Er ist Veranstalter mit seinem Spezial-Club im Lindener Apollo-Kino. Er kennt beide Seiten. Seine Stärken sind es, verbindende Momente zu schaffen, und das Beste zu machen aus dem, was schon da und gut ist.
Das zeigt sich besonders im furiosen Finale, ein Sorgenkind in den vergangenen zwei Jahren, nachdem Stadt und Gartenleitung ein Abschlussfeuerwerk verboten hatten. Desimo stellt an der Großen Fontäne noch einmal voller Wertschätzung die mehr als 100 Künstlerinnen und Künstler des Abends vor. Von ihnen ausgehend schwappt eine „La Ola“ durchs Publikumsrund.
Liedermacherin Marie Diot beginnt, „Always look on the bright side of life“ zu singen. Andere Acts fallen ein. Das Publikum tut es auch. Es gibt nichts Einigenderes, als gemeinsam zu singen. Comedian und Sopranistin Fee Brembeck im Kunstkleid auf einer Hebebühne schraubt sich in die Höhe, auch stimmlich. Und dann wird die Fontäne selbst zum Highlight.
Man hat sie, wenn man den Großen Garten kennt, schon gesehen. Man hat sie noch nicht so gesehen. Kunstvoll in immer neuen Lichtstimmungen illuminiert, steigt sie auf, umringt von kleineren Fontänen, die zu feuchten Fackeln werden. Ein Feuerwerk aus Wasser, das ist magisch. Und dazu erklingt eine überwältigende Version von „Sweet dreams are made of this“.
Die süßen Träume sind aus Comedy, Kabarett, Artistik und Clownerie gemacht, dargeboten im Halbstundentakt und im Wechsel. Alte Bekannte sind da wie Klappmaulpuppe Werner Momsen, Kartenzauberer Jan Logemann oder Claudia Schnürer in ihrem Vorlesezimmer. Alte Bekannte in neuem Gewand sind da wie Frans Custers, der sich vom scheuen Clown Frans zur ziemlich lautstarken Wahrsagerin Mathilda gewandelt hat.
24 Acts waren noch nie da. Die spektakulärsten Neuzugänge sind der zauberische Cirque Bouffon, für den in der linken Sternenfontäne eine Drehbühne entstanden ist, und die Hochtrapezartisten der Berliner Gruppe The GoGo Home Project. Sie sind die lohnenswerten Ausnahmen von der üblichen 20-Minuten-Taktung und haben ganze Abendprogramme auf kompakte 40 Minuten Laufzeit kondensiert.
Stärker als seine Vorgänger nutzt Desimo Synergien mit der hannoverschen Kulturszene. So bespielen die Poetry-Slam-Spezialisten Macht Worte, das Hidden Kollektiv als Repräsentant der Unesco City of Music Hannover oder die Gruppe Candid Comedy eigene Bühnen. Auch Lokalmatador Brodowy ist nach zwei Jahren Pause wieder engagiert und schaut sich zwischen seinen Auftritten die Kollegen auf der sturmumtosten Comedybühne an der linken Graft an. „Ich bin richtig gerührt“, sagt er, selbst nah am Wasser gebaut. „Der Spirit, der Zauber ist wieder da.“
Der Zauber ist wieder da, das ist ein Satz, den man an diesem Abend oft hört. Man betritt wieder ein Wunderland, wenn man durch den Eingang am Prinzentor schreitet, vorbei an sprechenden Statuen, mähenden Fahrrädern und allerlei Musikanten, in Empfang genommen von Stelzenläufern. Hannovers niedrigschwelligste Kulturveranstaltung, zugänglich für Menschen jedes Alters und Bildungsniveaus, rollt den Teppich aus. Der kurfürstliche Lustgarten ist wieder ein Lust-und-Laune-Garten. Platz ist für stille Poesie und laute Lacher, über und unter Niveau, immer herzlich.
Das Wetter am Premierentag ist ein Querschnitt durch vier Jahreszeiten: Es beginnt mit leichtem Regen und starkem Wind, klart auf zu schönstem Sonnenschein und endet mit äußerer Kälte und innerer Herzenswärme.
Harald Böhlmann ist als Privatier da und nicht wie in 37 Jahren als Mann mit dem Zylinder. Immerhin: Ein Chapeau Claque prangt als Bild auf seiner Mütze. Er findet, dass allein der Cirque Bouffon den Besuch lohnt. Seine Partnerin Ghita Cleri ist voll des Lobes: „Desimo hat das richtige Motto gewählt: Es ist wirklich schön hier.“