Ein kreatives Stück Linden in der Wüste NevadasEin kreatives Kollektiv
Ein in Hannover konstruiertes Future-Mobil ist auf der Reise in den US-Bundesstaat. Dort soll es beim Burning Man Festival glänzen

Ben schraubt bis zur letzten Minute: Das futuristische Gefährt „Disorient-Express“ des hannoverschen Kollektivs Wanderzirkus wird in der Wüste von Nevada seinen großen Auftritt haben.Foto: Wanderzirkus
Hannover. Das Projekt ist schräg – und beeindruckend. In einem Lindener Hinterhof ist in den vergangenen Wochen in mühevoller Kleinarbeit ein Fahrzeug entstanden, das aussieht wie ein Relikt aus einem Science-Fiction-Film. Das Metallmonster, Art Car genannt, hat jetzt eine lange Reise angetreten – als „Disorient-Express“ ist es auf dem Weg in den Hamburger Containerhafen, wo es verschifft wird. Ziel ist die Wüste Nevadas – genauer gesagt das Burning Man Festival, ein Kunst- und Kulturhappening der besonderen Art.

Hinter dem ungewöhnlichen Projekt steht der hannoversche Verein Wanderzirkus. Mittlerweile gehören ihm rund 300 Menschen aus mehr als 30 Ländern an, die als Kollektiv umherziehen und weltweit Konzepte für Festivals konzipieren, bauen und gestalten. „Der Auftrag kam kurzfristig über einen langjährigen Kunden, mit dem der Wanderzirkus bereits 2016 ein gemeinsames Projekt in Griechenland umgesetzt hat“, erklärt Projektkoordinator Patrick Buß. Dabei war der Kunde auf die Bühnenbauten des Vereins aufmerksam geworden.

Er besuchte auch öfter das Burning Man Festival im US-Bundesstaat Nevada, wo alljährlich eine temporäre Metropole errichtet wird, in der unter anderem sogenannte Art Cars verkehren. Auf dem weitläufigen Festivalgelände wollte der Auftraggeber nun auch einmal mit einem eigenen Art Car Präsenz zeigen. Und für ihn stand fest: Der Wanderzirkus sollte das Projekt realisieren.

Das „Rohmaterial“ für das rollende Kunstwerk ist ein Mercedes 614 Vario Pritsche. Die Verwandlung in das Future-Mobil verlief nicht intuitiv, sondern nach striktem Plan. Für die Projektleitung ist Tom Ferdyn zuständig, die Designs kommen von Dennis Gruppe, technischer Leiter ist Marius Alwan – ein eingespieltes Profi-Team aus Hannover. „Die Animationen von unserem Art Car sind mit einer LED-Lichttechnik gestaltet, die wir selbst konzipiert und programmiert haben“, betont Buß. Die Kosten für das Projekt liegen nach seinen Angaben bei einer mittleren fünfstelligen Summe – ohne Arbeitsstunden, die werden ehrenamtlich geleistet. Kein Problem bei einem solchen Premiumauftrag für das legendäre Wüstenfestival. Und was genau passiert beim Burning Man Festival? Das Festival findet jedes Jahr in Nevadas Wüste Black Rock Desert statt, etwa 150 Kilometer nordöstlich von der Stadt Reno entfernt. Das Event dauert neun Tage, es endet traditionell am ersten Montag im September, dem US-amerikanischen Labor Day. Höhepunkt der Veranstaltung, die dieses Jahr vom 30. August bis 7. September läuft, ist das Verbrennen einer sich jährlich verändernden überdimensionalen Statue – des Burning Man.

Im Zentrum des Festivals steht der Aufbau einer temporären, nachhaltigen Metropole samt Krankenhaus und Flughafen, in der Gemeinschaft, Selbstentfaltung, Kunst, Kultur sowie strikte Konsum- und Müllfreiheit gefeiert werden. Auf dem Gelände sind nur noch Fußgänger und Fahrradfahrer zugelassen – und die Art Cars. Für diese besonders fantasievollen und skurrilen Gefährte, auch Mutant Vehicles genannt, ist das Festival berühmt. Und in diesem Jahr gehört das Art Car „Disorient-Express“ aus Hannover-Linden dazu.

„Die größte Herausforderung war der Zeitdruck“, sagt Projektkoordinator Buß. „Weil der Seetransport in die Vereinigten Staaten mehrere Wochen in Anspruch nimmt und erheblichen logistischen Vorlauf braucht, hatten wir für Design, Fahrzeugkauf, Umbau und technische Ausführung gerade einmal zwei Monate.“

Trotzdem ist ein vollständig umgebautes, fahrbares Kunstwerk entstanden – geprägt von Individualität, interaktiven Elementen und der völligen Abkehr vom ursprünglichen Fahrzeugdesign. „Ein Kernteam von sechs bis acht Personen, unterstützt von weiteren Helferinnen und Helfern, hat täglich an dem Fahrzeug gebaut – in vielen Stunden freiwilliger Arbeit“, betont Buß. Für die Schiffsreise musste der „Disorient Express“ allerdings wieder auseinandergebaut werden – bevor er am Festivalort erneut zusammengesetzt wird und dort glänzen kann. Als kreatives Stück Linden in der Wüste Nevadas.

Das Kollektiv Wanderzirkus wurde 2014 von hannoverschen Freunden als Verein gegründet. Der Sitz ist in Hannover und Berlin, gearbeitet wird an Projekten weltweit. Verwurzelt in der Szene für elektronische Musik, Kunst und Festivals, bringt das Kollektiv Menschen zusammen, um Gemeinschaftserlebnisse zu schaffen, oft in immersiven, interaktiven Umgebungen. Schwerpunkt ist die Konzeption von Events, samt Logistik, Infrastruktur und Organisation. Hinzu kommen Design und Bau von Clubs, Bars und kompletten Locations inklusive Bühnen- und Setdesign, Beleuchtung, Kunstinstallationen sowie Chill-out-Bereichen. Oft entstehen temporäre Strukturen, die vor Ort mit Teams von zwei bis 100 Personen errichtet werden. Ein weiteres aktuelles Projekt ist die Palapa-Bühne auf dem Fusion Festival 2026 – eine modulare, interaktive Kunstinstallation, die jährlich neu aufgebaut wird.

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