Oberbürgermeister Belit Onay beschreib beim Ortstermin den Anspruch, den Raschplatz nicht nur optisch zu verändern, sondern ihn als öffentlichen Raum neu zu öffnen: „Mit dem Projekt vereinen wir Kunst, Bewegung und Teilhabe und gestalten aus einem reinen Durchgangsort einen lebendigen Stadtraum. Hannover gewinnt eine einmalige Attraktion und wertet den öffentlichen Raum hinter dem Hauptbahnhof damit nachhaltig auf“, so Onay.
Gerade das ist ein wichtiger Punkt. Bei der Aufwertung des Raschplatzes hatte es zuvor Kritik gegeben, Menschen aus der Drogen- und Trinkerszene sowie Wohnungslose könnten durch neue Gestaltung und stärkere Nutzung verdrängt werden. Bei „Art Underground“ wurde dieser Konflikt nicht ausgeblendet. Menschen, die sich regelmäßig auf dem Raschplatz aufhalten und zum Teil von Wohnungslosigkeit betroffen sind, waren seit dem 15. Juni in die Arbeit eingebunden. Möglich wurde das durch die Zusammenarbeit mit der Straßensozialarbeit Sucht der Landeshauptstadt Hannover, dem Konsumraum Stellwerk und dem Kontaktladen Mecki.
Das Interesse war groß. Täglich meldeten sich bis zu 40 Menschen, um die Künstlerinnen und Künstler zu unterstützen. Weil mehr Menschen mitmachen wollten, als gleichzeitig eingesetzt werden konnten, wurde in Schichten gearbeitet. Von montags bis donnerstags halfen die Teilnehmenden unter anderem beim Reinigen der Fläche, bei der Grundierung und beim Farbauftrag mit Rollen. Freitags und an den Wochenenden arbeiteten die Künstlerinnen und Künstler an ihren Motiven weiter. So wurde aus einem Kunstprojekt auch ein Beteiligungsprojekt, das die soziale Wirklichkeit des Platzes nicht verdrängt, sondern sichtbar in den Entstehungsprozess einbezieht.Sozialdezernentin Sylvia Bruns sagte dazu: „Ich freue mich, dass wir gemeinsam diesen Platz gestalten; sei es durch eine finanzielle Unterstützung dieses Projektes, durch die tatkräftige Mitarbeit der suchtkranken Menschen, durch die Unterstützung der Straßensozialarbeit oder durch die Künstler*innen, die den Platz zu einem besonderen Hingucker machen. Dies ist zugleich ein starkes Zeichen gegen die Spaltung der Gesellschaft.“
Kuratiert wird „Art Underground“ vom hannoverschen Street-Art-Künstler Jascha Müller. Die künstlerische Umsetzung liegt zunächst bei drei international arbeitenden Graffiti- und Street-Art-Positionen: DELTA aus den Niederlanden, dendyden, der aus Russland stammt und heute in Berlin lebt, sowie IOTA aus Belgien. DELTA arbeitet mit geometrischen und architektonisch wirkenden Formen. Dendyden setzt auf perspektivische Effekte und 3D-Illusionen. IOTA, deren Teil ab Montag, 7. Juli, entstehen soll, bringt organische Formen und dynamische Linien in das Projekt ein. Später soll auch die hannoversche Street-Art-Szene über einen „Open Call“ beteiligt werden.
DELTA und dendyden haben ihre Arbeiten bereits auf den Platz gebracht. Besonders die 3D-Illusionen von dendyden sind nur von bestimmten Punkten aus vollständig zu erfassen. Diese Blickpunkte werden an den Haupttreppen zum Raschplatz und ungefähr vor dem Gebäude der Merkur Spielbanken markiert. Zusätzliche Informationen zum Bodenkunstwerk sollen auf Schildern und Bannern rund um den Platz zu finden sein. Dass das Werk vor Ort weitergewachsen ist, gehört zum Konzept. Der Prozess war von Beginn an flexibel angelegt, abhängig vom Wetter, von Trocknungszeiten und von den Eindrücken auf der Fläche. So fiel dendydens Beitrag farbintensiver aus als zunächst geplant – als deutlicher Gegenpol zum Grau, das den Raschplatz lange geprägt hat.
Auch die „CRASH PIPE“ von Florentina Holzinger ist Teil dieser neuen Platzgestaltung. Die Skulptur, die vom ersten Standort in der Sophienstraße auf den Raschplatz umgezogen ist, wurde in Zusammenarbeit mit raumlaborberlin entwickelt. Die Halfpipe besteht aus acht Tonnen Metall und wird von ausgemusterten Autos gestützt. Sie ist zugleich Kunstwerk, Bühne und nutzbares Sportgerät. Damit unterscheidet sie sich bewusst von Kunst im öffentlichen Raum, die nur betrachtet werden kann. Skaterinnen und Skater sollen die Halfpipe tatsächlich nutzen können. Bewegung, Rollen und körperliche Aktivität sind damit nicht Begleiterscheinung, sondern Bestandteil des künstlerischen Gedankens.
Auch das Bodenkunstwerk selbst ist als nutzbare Fläche angelegt. Für die Bemalung wurden dickflüssige, umweltverträgliche Farben verwendet, die nicht in das Grundwasser eindringen sollen. Die Fläche ist also nicht als abgesperrtes Schaustück gedacht, sondern als öffentlicher Bewegungsraum, der weiter benutzt werden kann. Das passt zur Grundidee des Projekts: Der Raschplatz soll nicht nur verschönert, sondern anders besetzt werden – durch Farbe, durch Bewegung, durch Kunst und durch Menschen, die den Ort bereits kennen oder neu kennenlernen möchten.
Die erste Arbeitsphase dauerte rund zwei Wochen. Weitergehen soll es nach der Anreise von IOTA, die nach aktuellem Stand von Montag, 7. Juli, bis voraussichtlich Mitte Juli vor Ort arbeiten wird. Die zweite Umsetzungsphase ist nach Ausschreibung und Vergabe des „Open Calls“ für die lokale Street-Art-Szene voraussichtlich im September geplant. Mit der Fertigstellung von „Art Underground“ wird Anfang Oktober gerechnet. In den Jahren 2027 und 2028 sind jährliche Auffrischungen vorgesehen.
Gefördert werden „Art Underground“, die geplanten Auffrischungen sowie der Ankauf und Umzug der „CRASH PIPE“ von der Sparkasse Hannover als Hauptsponsorin und Anliegerin am Raschplatz, der Ricarda und Udo Niedergerke Stiftung und den Merkur Spielbanken. Die „CRASH PIPE“ wurde vom Kunstverein Hannover initiiert und durch die Landeshauptstadt Hannover sowie die Sparkasse Hannover ermöglicht. Das Ergebnis ist ein Projekt, das mehr sein will als ein neuer Anstrich: Der Raschplatz bekommt Farbe, Funktion und Beteiligung – und damit eine Aufwertung, bei der auch diejenigen mitgedacht wurden, die den Platz schon vorher genutzt haben.