Salzmann ist Theaterautorin, Essayistin und Dramaturgin. Die international aufgeführten Theaterstücke wurden vielfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Kunstpreis Berlin 2020 und dem Kleist-Preis 2024. Auch als Romanautorin hat Salzmann große Aufmerksamkeit erfahren: Das Debüt „Außer sich“ wurde 2017 mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung und dem Mara-Cassens-Preis ausgezeichnet, stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises und wurde in 16 Sprachen übersetzt. Der zweite Roman „Im Menschen muss alles herrlich sein“ war ebenfalls für den Deutschen Buchpreis nominiert und erhielt den Preis der Literaturhäuser 2022 sowie den Hermann-Hesse-Preis 2022.
Warum ist das mehr als eine Personalie aus dem Literaturbetrieb? Weil es bei dieser Dozentur um eine Frage geht, die weit über Bücherregale und Seminarräume hinausreicht: Wer erzählt eigentlich von diesem Land, und mit welchen Worten? Die Poetikdozentur „Neue Deutsche Literatur“ möchte gesellschaftliche Veränderung sichtbar machen, nicht als Randnotiz, sondern als Teil der literarischen Gegenwart. Entscheidend ist dabei nicht die Herkunft oder Identität von Autorinnen und Autoren, sondern ob ihr Schreiben die Realität einer postmigrantischen Gesellschaft aufnimmt. „Neue Deutsche“ meint hier ein verändertes Verständnis von Zugehörigkeit: Menschen, die hier leben und schreiben, unabhängig von Staatsbürgerschaft oder alten Schubladen.
Gerade Salzmanns Werk scheint für diese Fragen wie geschaffen. Das Auswahlgremium würdigt Texte, Dramen und Essays als „genaue Beobachtungen der Gegenwart“. Salzmann schreibe über Diversität und Genderfluidität, Migration, gesellschaftliche Krisen und das Fortwirken der Vergangenheit. Diese Vergangenheit, so die Begründung, reiche tief in Familienstrukturen, Biografien und geographische Räume hinein. Zugleich verweigere sich das Werk eindeutigen Zuschreibungen. Seine Kraft liege in Vielstimmigkeit, sprachlicher Hybridität und der Unvorhersehbarkeit des ästhetischen Ausdrucks. Erinnerung erscheint darin nicht abgeschlossen, Identität nicht starr, sondern in Bewegung. Diese Dozentur verhandelt nicht nur, was Literatur kann, sondern auch, wie wir miteinander sprechen. Kathrin Dittmer, Leiterin des Literaturhauses Hannover, nennt die Qualität der Debattenkultur einen zentralen Punkt der Arbeit. Professor Dr. Matthias Lorenz von der Leibniz Universität beschreibt die Poetikdozentur als Labor, in dem Schreibweisen der Gegenwart in einer „Gesellschaft der Vielen“ untersucht werden können.
Die Poetikdozentur wurde vom Lehrstuhl für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Komparatistik am Deutschen Seminar der Leibniz Universität Hannover und dem Literaturhaus Hannover eingerichtet. Sie verbindet eine öffentliche Poetikvorlesung, universitäre Lehre und eine weitere Veranstaltung im folgenden Sommersemester. Studierende des Fachmasters Neuere Deutsche Literaturwissenschaft werden in das Projekt eingebunden.
Die Antrittsvorlesung ist für Donnerstag, 3. Dezember, um 19 Uhr im Literaturhaus Hannover geplant. Sie trägt den Titel „Im Dunkeln schreiben“. Es folgt ein Blockseminar für Studierende des Deutschen Seminars der Leibniz Universität Hannover unter dem Titel „Blicktraining – das Auge als Muskel“. Für das Frühjahr 2027 ist zudem eine Lesung mit Gespräch im Literaturhaus vorgesehen.
Dass die Poetikvorlesungen nicht im Moment verpuffen, zeigt auch die begleitende Buchreihe im Verbrecher Verlag. Gerade ist dort der zweite Band erschienen: Ann Cottens Poetikvorlesung „Text Fur Aliens“. So wird aus einem Hannoverschen Projekt ein Archiv gegenwärtiger Schreibweisen. Mit Sasha Marianna Salzmann kommt nun eine Autorin hinzu, deren Werk die Gegenwart nicht erklärt wie eine Gebrauchsanweisung, sondern sie in all ihren widersprüchlichen Stimmen hörbar macht. Genau deshalb geht das auch Menschen etwas an, die nicht täglich Literaturdebatten verfolgen: Es geht um Sprache für das, was längst Wirklichkeit ist.