Da ist etwas gekippt: Bundesweit hat der Einzelhandel die Hauptrolle bei der Versorgung mit Bargeld übernommen. Auf 10.000 Einwohner kommen mittlerweile durchschnittlich 3,8 Geschäfte, die einen sogenannten Cashback-Service beim Bezahlen mit Karte anbieten. Dem stehen aber nur noch 3,3 Geldautomaten gegenüber. Das hat die Deutsche Kreditbank (DKB) ermittelt.
„Unsere Analyse zeigt, dass der Einzelhandel beim Zugang zu Bargeld inzwischen eine sehr zentrale Rolle spielt“, sagte DKB-Sprecher Hauke Kramm. Bargeldversorgung verlagere sich zunehmend an Orte des täglichen Bedarfs. Geldautomaten gibt es hierzulande seit 1968. Für Banken sind die zum Problem geworden. Zur Wartung der grauen Kästen kommt die aufwendige Versorgung mit Scheinen. Zudem argumentieren viele Geldhäuser inzwischen mit sinkender Nachfrage nach Banknoten und machen zugleich auf Gefahren aufmerksam – wegen organisierter Banden, die Ausgabeautomaten in die Luft sprengen. Laut Bundesbank ist die Zahl der Geldautomaten hierzulande seit 2018 von rund 59.000 auf weniger als 50.000 im Jahr 2024 gesunken. Experten erwarten, dass sich dieser Trend seither verstärkt hat.
Zugleich setzen fast alle Betreiber von Supermärkten auf „Cashback“. Auch aus Kostengründen: Wenn ein größerer Teil der eingenommenen Scheine zügig die Kasse wieder verlässt, sinken die Kosten für den Abtransport des Gelds nach Ladenschluss. Zudem können Kundenfrequenz und Umsatz steigen, zumal die Händler Bares vielfach nur dann rausrücken, wenn im Laden auch eingekauft wird. Allerdings mit niedrigen Schwellen: Das Minimum von einem Cent Einkaufswert bei der Rewe-Gruppe macht Geldabheben an der Kasse praktisch kostenlos. In Edeka- und Marktkauf-Filialen gilt hingegen teilweise, dass erst ab einem Einkaufswert von 20 Euro das Auszahlen von Bargeld möglich ist. Für DKB-Sprecher Kramm ist indes klar: „Trotz der sinkenden Zahl an Geldautomaten bleibt die Bargeldversorgung insgesamt belastbar.“ Allerdings räumt er auch ein, dass sich „die regionale Versorgung sehr unterschiedlich entwickelt“. Die Erhebung der DKB zeigt, dass es sogar in den 30 größten Städten eine erhebliche Spannbreite bei der Dichte an Geldautomaten und Bankfilialen gibt. An erster Stelle liegt Aachen mit 4,74 Ausgabestellen je 10.000 Einwohner. In Duisburg sind es hingegen nur 1,43. Zugleich sind in der Stadt am Rhein auch die Geschäfte mit Bargeldservice nur sehr dünn gesät.
Duisburg trägt unter den großen Städten die rote Laterne bei der Bargeldversorgung. Auch in benachbarten Kommunen wie Gelsenkirchen oder Essen ist es nicht viel besser. Strukturschwäche und geringe Kaufkraft dürften dabei wichtige Faktoren sein. Eine weitere Auffälligkeit: „Im Bundesländervergleich weisen insbesondere mehrere ostdeutsche Länder eine höhere Bargeldverfügbarkeit auf“, heißt es. Das verwundert zunächst. Allerdings ist dort erkennbar, das die Dichte an Geldautomaten im Verhältnis zur Einwohnerzahl weitgehend nahe am Bundesdurchschnitt ist. Dafür kann aber der Einzelhandel mit hohen Werten punkten. Mecklenburg-Vorpommern liegt in der Länderwertung mit rechnerisch 5,53 Geschäften mit „Cashback“ pro 10.000 Einwohner weit vorn.
Ein Ungleichgewicht? Genau darauf machen Verbraucherschützer aufmerksam, und zwar vornehmlich in ländlichen Gebieten: Was, wenn es im Ort keinen Laden mehr gibt? In Brandenburg beispielsweise beträgt die Entfernung zum nächsten „Geldbezugspunkt“ inzwischen 2,1 Kilometer, im Bundesdurchschnitt sind es 1200 Meter. Brandenburgs Seniorenbeauftragte Sylvia Grande warnt: Ältere Menschen müssten immer häufiger lange Wege in Kauf nehmen. Ferner seien Bargeldabhebungen im Supermarkt nicht zuverlässig. „Oft steht dort gar nicht genug Bargeld zur Verfügung“, sagte Grande gegenüber dem RBB. Der Grund: Viele Kunden zahlen mit Karte, wodurch die Bargeldreserven in den Kassen schrumpfen.
Deutet sich da eine Bargeldkrise an? Die Bundesbank jedenfalls legt sich für Scheine und Münzen ins Zeug: Sie sollen „attraktiv, verfügbar und allgemein akzeptiert“ bleiben. Die Behörde hat das Nationale Bargeldforum gegründet, in dem Banken, Handel, Verbraucherverbände über den Bargeldkreislauf wachen. Denn geriete dieser ins Stocken, wäre auch die wichtige Krisenfunktion des Bargelds gefährdet: Es ist gegen technische Störungen, Stromausfälle oder Hackerangriffe immun. Deshalb unterstützt die Bundesbank die Bestrebungen der EU, den Zugang zu Bargeld und die Barzahlung rechtlich stärker abzusichern.
Der Dachverband der Verbraucherzentralen hat da konkrete Vorschläge. Gesetzlich soll der Zugang zu Bargeld „kostenfrei und barrierefrei in angemessener Nähe“ garantiert werden. Dabei könne man sich nicht auf „Cashback“ im Einzelhandel verlassen. In der Diskussion ist unter anderem, die kommunalen Sparkassen beim Betreiben von Geldausgabestellen stärker in die Pflicht zu nehmen. Denkbar sind auch Kooperationsmodelle wie in den Niederlanden: Dort betreiben mehrere Banken gemeinsam ein flächendeckendes Netz von gebührenfreien Geldautomaten.