Mit „Under the Milky Way“ versammelt der Kunstverein Hannover Positionen, die genau dort ansetzen, wo die klassische Ordnung der Kunst ins Rutschen gerät: im öffentlichen Raum, in der Nacht, im Moment der Aneignung. „Orte haben viele Besitzer“, heißt es programmatisch bei Künstler Bus126, und wer kommt, um sie sich zu nehmen, besitzt sie zumindest für einen Augenblick ebenso. Diese Ausstellung handelt von solchen Momenten. Von Eingriffen, die nicht gefragt haben, ob sie stattfinden dürfen. Und von dem, was daraus geworden ist.
Denn was einst als ungenehmigte Malerei begann, als Geste des Aufbegehrens, hat sich längst in eine vielgestaltige künstlerische Sprache verwandelt. Leinwand, Skulptur, Video, urbane Materialien – alles wird zum Träger einer Praxis, die sich selbst beschreibt mit drei Begriffen: Abstraktion, Autonomie, Post-Vandalismus. Das klingt nach Theorie, ist aber in Wahrheit eine sehr konkrete Erfahrung: die Verschiebung dessen, was als Kunst gilt – und wer darüber entscheidet.
Die Arbeiten dieser Ausstellung kreisen um Zugang. Um Zäune, Grenzen, Übergänge. Um die Frage, wer hinein darf und wer draußen bleibt. Mischa Leinkauf folgt mit der Kamera einem Körper durch die verborgenen Tunnel der Stadt, als würde man ein Endoskop in den urbanen Organismus einführen. Mathias Weinfurter untersucht den Siegeszug des Zauns, dieses allgegenwärtigen Instruments der Abgrenzung, das nicht nur Menschen fernhält, sondern ganze Landschaften formt. Was hier sichtbar wird, ist kein abstraktes Thema, sondern eine alltägliche Realität: die Organisation von Raum als Machtfrage.
Andere Arbeiten setzen dort an, wo diese Ordnung brüchig wird. Bei den sogenannten „Buffs“, jenen unbeholfenen Übermalungen von Graffiti, die entstehen, wenn etwas entfernt werden soll – und dabei ungewollt neue Bilder produziert. Rechtecke, Flecken, Farbfelder: eine unbeabsichtigte Malerei, geboren aus Kontrolle und deren Scheitern. Es sind diese Zwischenzustände, die „Under the Milky Way“ interessiert. Nicht das Original und nicht seine Tilgung, sondern das Dazwischen.
Dass diese Perspektive politisch ist, versteht sich fast von selbst. Das Duo MOSES & TAPS etwa erzählt von einem endlosen Kreislauf aus Bemalung, Reinigung und Wiederholung – und von einem Diskurs, der je nach Kontext entscheidet, ob Farbe als Kunst gefeiert oder als Sachbeschädigung verfolgt wird. Dieselbe Geste, zwei Bewertungen. Die Ausstellung legt diese Doppelbödigkeit offen, ohne sie aufzulösen.
Dabei bleibt es nicht bei der Stadt als Oberfläche. Immer wieder kippt der Blick ins Systemische: in Überwachung, Infrastruktur, Kapital. Ein Roboterhund, entwickelt im Kontext algorithmischer Kontrolle, wird hier zum Aussteiger, der sich der Logik seiner eigenen Programmierung entzieht. Skulpturen aus eingeschmolzenen Münzen fragen nach dem Wert von Kunst, gerade dort, wo sie sich institutionellen Rahmen entzieht. Es ist ein leises, aber hartnäckiges Nachdenken darüber, wer hier eigentlich wen beobachtet – und wer wen bewertet.
Und dann ist da noch die Stadt selbst, nicht als Kulisse, sondern als Material. Die Brüder Mügge sammeln Spuren Hannovers: Aufkleber, Objekte, Fragmente eines Alltags, der sich in Verdichtungen aus Humor und Dokumentation verwandelt. Geschichte taucht auf, aber nicht als Erzählung, sondern als Spur im Heute. Ebenso bei Daniel Laufer, dessen Wandarbeiten wie abgeschälte Plakatflächen wirken, in denen politische Parolen, Werbung und Sprachreste miteinander ringen – bis aus „Workers unite!“ ein bitteres „… in debt“ wird.
Was diese Ausstellung so unmittelbar macht, ist ihre Nähe zu etwas, das viele kennen, aber selten als Kunst lesen: die beiläufigen Spuren im Stadtraum. Schmierereien, Übermalungen, beschädigte Oberflächen, Zäune, Plakate. Dinge, an denen man sonst vorbeigeht. „Under the Milky Way“ dreht die Blickrichtung. Plötzlich sind es genau diese Phänomene, die eine ästhetische und politische Dringlichkeit entfalten.
Und vielleicht liegt darin die eigentliche Zumutung dieser Schau: dass sie keine sichere Distanz erlaubt. Wer hier schaut, schaut nicht nur auf Kunst, sondern auf die eigenen Maßstäbe. Auf die Frage, wann ein Eingriff legitim ist. Wann er stört. Und wann er notwendig wird.
Man könnte auch sagen: Diese Ausstellung geht einen etwas an, weil sie genau dort beginnt, wo man selbst Teil des Bildes ist – draußen, auf der Straße, unter demselben Himmel, unter derselben Milchstraße.
Die Ausstellung „Under the Milky Way. Abstraktion, Autonomie und post-vandalische Tendenzen in der Kunst der Gegenwart“ ist bis zum 19. Juli im Kunstverein Hannover, Sophienstraße 2, zu sehen. Geöffnet ist Dienstag bis Sonnabend von 12 bis 19 Uhr und an Sonn- und Feiertagen von 11 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet 6 Euro, ermäßigt 4 Euro. Vom 7. bis 10. Mai gibt es eine Kooperation mit dem Glocke-Festival (ehemals Urban Nature) für Kunst im urbanen Raum und die Förderung der Graffiti-Kultur in Hannover.kunstverein-hannover.de