Mit ihrer Idee ist sie in guter Gesellschaft: Mittlerweile laden an unterschiedlichen Orten in der Region Hannover und deutschlandweit die charmanten Häuschen zum Staunen und Stöbern ein. An der Straße aufgestellt, funktionieren sie auf Vertrauensbasis und sehen meistens aus wie umfunktionierte Gartenschuppen. Viele haben täglich bis abends geöffnet, manche sogar rund um die Uhr. Bezahlt wird in der Regel bar in einer bereit gestellten Kasse oder per Paypal.
Eröffnet hat Mahlke ihr Lädchen im Januar 2023. „Ich war schon immer sehr kreativ“, erzählt sie. „Irgendwann bin ich über Pinterest auf das Raysin-Gießen gestoßen, später habe ich über Instagram das Aufkommen dieser Selbstbedienungshäuschen mitverfolgt. Und dann gedacht: Das kann ich auch mal versuchen.“ Ende 2022 meldete sie ein Kleingewerbe an, installierte einen kleinen Holzschrank auf dem Hof ihres Hauses und füllte ihn mit den ersten selbst gemachten Produkten. Seit Kurzem wirken zudem zwei befreundete Mütter mit, die Gestricktes und selbst genähte Kinderkleidung beisteuern.
Dass derzeit so viele Lädchen eröffnen, dürfte verschiedene Gründe haben. So liegt Selbstbedienung im Trend: In vielen Supermärkten stehen Self-Checkout-Systeme, bei denen Kunden ihre Ware selbst scannen und bezahlen. Seit Jahren nehmen Smart Stores zu, unbemannte Läden, die rund um die Uhr geöffnet sind und in denen bargeldlos gezahlt wird. Und natürlich gibt es Automaten inzwischen nicht mehr nur für Snacks und Getränke, sondern auch solche, die heiße Pizza, Milch, Blumen oder regionale Lebensmittel ausgeben.
Dazu kommt: „Der Anblick eines Schranklädchens erzeugt bei vielen Menschen ein Wohlgefühl, ähnlich wie öffentliche Bücherschränke oder eine umfunktionierte Telefonzelle“, sagt Ulrich Jürgens. Er forscht am Geographischen Institut der Christian-Albrechts-Universität in Kiel zu unbemannten Läden und Automatenshops.
Nicht zuletzt trägt auch die Professionalisierung des Bastelns dazu bei, dass sich Schranklädchen etablieren. Inzwischen finden sich auf dem Markt unzählige Spezialwerkzeuge und Spezialmaterialien, um Produkte herzustellen, die so perfekt aussehen wie industriell Gefertigtes – und dennoch den Charme von Handgemachtem besitzen. Bei den Schrankbesitzern lockt die Aussicht auf einen Nebenverdienst. „Ich fand es ganz gut, einen kleinen Nebenverdienst neben Familie und Beruf zu haben“, sagt auch Julia Mahlke. Als vor einem knappen Jahr die Elternzeit ihres jüngsten Kindes endete, entschied sich die 41-Jährige, nicht wieder in ihren Job einzusteigen. Stattdessen arbeitet sie nun 9,5 Wochenstunden in einem Minijob, weitere 20 bis 30 Stunden pro Woche investiert sie in selbst gemachte Produkte, entweder für das Schranklädchen oder für Kundenanfragen. Wenn es gut läuft, erwirtschafte sie so auch mal 1200 Euro im Monat, sagt Mahlke. „Im Schnitt komme ich aber nur auf etwa 450 Euro monatlich.“
Das deckt sich mit der Einschätzung von Forscher Jürgens. „Für mich sehen diese Lädchen aus wie ein erweitertes Hobby“, sagt er. Somit entfielen Analysen zu Zielgruppen, Standort und Sortiment. „Stattdessen legt die Betonung von Do-it-yourself und damit der eigenen Kreativität nahe, dass Spaß an der Sache und Selbstverwirklichung eine wichtige Rolle spielen.“ Tatsächlich scheinen hinter den Lädchen mehrheitlich Frauen mit kreativer Ader zu stecken – dieser Eindruck entsteht, wenn man Instagram-Profile oder Medienberichte studiert.
Neben den schönen Seiten bringt ein solches Lädchen auch Herausforderungen mit sich. Wer eines besitzt, muss sich auch um Praktisches wie Beleuchtung, Baugenehmigung und Witterungsschutz kümmern. Dann ist da noch die Zielgruppe. „In den Lädchen stehen Dinge, die kein Mensch zwingenderweise benötigt, anders als in einem Lebensmittelautomaten“, sagt Jürgens. „Und um ein Häuschen zu entdecken, muss man erst einmal dort vorbeikommen.“ Auch Mahlke sagt: „Dass Menschen vorbeischlendern und etwas mitnehmen, ist selten. Was mir zugutekommt, ist, dass ich im Stadtteil gut vernetzt bin.“ Viele Nerven gekostet hat sie die ab Ende 2024 gültige Produktsicherheitsverordnung. „Seitdem muss jedes Produkt eine Artikelnummer und einen Sicherheitshinweis haben, was das Ganze bürokratisch macht. So was war nie meins, sodass ich mich da durchbeißen musste“, sagt Mahlke. Einmal wurde auch etwas gestohlen. „Wir haben eine Kamera im Lädchen, und ich konnte über einige Ecken herausfinden, wer das war.“
Kunden und Kundinnen wissen das Angebot zu schätzen. Zum Beispiel Marianna Gabert, die immer wieder gern bei Mahlke kauft. „Zuletzt habe ich mir für ein Wochenende mit meinen Freundinnen Thermosflaschen personalisieren lassen, sodass jede von uns Mädels eine Flasche mit dem eigenen Namen hatte“, erzählt sie. „Auch beim Schränkchen bin ich echt gern, gerade zu konkreten Anlässen wie Weihnachten oder Ostern. Wenn man etwas Schönes braucht, ist immer etwas da.“
Für Charleen Promrak, eine andere Kundin, die nur wenige Straßen weiter wohnt, sind Nähe und Verfügbarkeit ein Pluspunkt. „Es ist super, dass das Lädchen sonntags geöffnet hat. Wenn wir zu Kaffee und Kuchen eingeladen sind, kaufe ich manchmal vorher schnell eine Kleinigkeit als Mitbringsel.“ Insgesamt gebe sie sicher 20 bis 30 Euro im Monat für Geschenke und Deko aus dem Schränkchen aus. Was sie besonders schätzt: „Man sieht, dass die Sachen mit Liebe gemacht sind.“