Der Drachenbaum wirft seine langen Blätter ab, die Grünlilie verfärbt sich unnatürlich blassgelb, und die Orchidee hat seit dem Kauf vor Jahren kein einziges Mal geblüht? Ein klarer Fall von grauem Daumen – oder?
Nicht, wenn man Antonia Hartwich fragt. Die gelernte Gärtnerin ist überzeugt: Ein grüner Daumen – also ein glückliches Händchen bei der Gartenarbeit –lässt sich erlernen. „Es kommt vor allem auf Aufmerksamkeit an und darauf, die Pflanzen kennenzulernen. Das kann jeder. Je mehr man sich mit ihnen beschäftigt, desto grüner wird der Daumen“, sagt sie.
In ihrem Buch „Zimmerpflanzenliebe“, das Anfang des Jahres im Kosmos-Verlag erschienen ist, vermittelt Hartwich Grundlagen für ein erfolgreiches Zusammenleben mit den grünen Mitbewohnern – von Erster Hilfe über Standortwechsel bis zur richtigen Wurzelpflege. Doch wie gelingt der Weg vom grauen zum grünen Daumen?
Hartwich rät dazu, sich zunächst etwas Wissen anzueignen – und dann einfach anzufangen. Ihr Motto: „Trial and Error“ – Versuch und Irrtum. Denn je nach Standortbedingungen in der Wohnung trifft jede Pflanze in jedem Haushalt auf eine ganz eigene Umgebung, sodass man kaum alle Pflanzen vergleichen kann. Deshalb empfiehlt die Autorin vielmehr, genau zu beobachten, wie sich Pflanzen im eigenen Zuhause entwickeln.
Viele Probleme lassen sich bereits vermeiden, wenn man sich vor dem Kauf kurz Gedanken macht. Niemand muss alle Pflanzen perfekt pflegen oder jede Art mögen, meint Hartwich. Entscheidend sei vielmehr, ehrlich auf die eigenen Gewohnheiten zu schauen: Gieße ich zu häufig oder vergesse ich das Wässern regelmäßig? Habe ich Zeit für Pflege – oder soll die Pflanze nebenbei funktionieren? „Ich selbst trenne mich auch mal von Pflanzen mit hohen Ansprüchen, etwa Anthurien”, sagt die Expertin. Einige Arten reagierten sehr sensibel auf Wasserhärte und Luftfeuchtigkeit. Das sei für sie dauerhaft einfach zu zeitaufwändig – „im Umkehrschluss aber gar nicht dramatisch, wenn ich diese Pflanzen nicht zuhause habe“. Laut Hartwich kann man den Spieß nämlich auch umdrehen und sagen: Für die Bedingungen, zu denen das eigene Gieß- und Pflegeverhalten gehören, ist beispielsweise die Anthurie einfach die falsche Pflanze.
Was dann noch fehlt? Überlegungen zum künftigen Standort der neuen Pflanze. Oft kauft man eine Pflanze und überlegt dann, wo sie ihren Platz findet, dabei sollte es umgekehrt sein. Wer bereits weiß, dass im Badezimmer, mehrere Meter vom Fenster entfernt, eine Pflanze stehen soll und das Gießen gelegentlich vergessen wird, kann gezielt nach passenden Gattungen suchen.
Viele klassische Büropflanzen zeigen, wie gut das funktionieren kann: Sie stehen oft unbeachtet in dunkleren Ecken und wuchern trotzdem zuverlässig. Hartwich empfiehlt deshalb, sich mit der selbst geschriebenen Liste direkt an das Fachpersonal im Handel zu wenden. Eine passende Beratung erhöht die Chancen, dass sich die Pflanze langfristig wohlfühlt und der grüne Daumen so quasi von selbst entsteht.
Und was, wenn man sich bereits in ein besonders schickes Exemplar verliebt hat? Hartwich lacht. „Das kenne ich selbst. Oft sehe ich auf Instagram Pflanzen, die ich unbedingt haben möchte“ sagt die Gärtnerin, „wenn ich dann merke, dass ich die Pflegebedingungen nicht erfüllen kann, lasse ich es lieber.“ Denn überlebe eine Pflanze nur kurz, sorge das für Frust statt Freude.
Neben der passgenauen Auswahl der Pflanze gibt es noch ein paar allgemeine Hinweise zur Pflege. Zu den häufigsten Todesursachen für Zimmerpflanzen gehört übermäßiges Gießen. Viele Pflanzen kommen besser mit kurzen Trockenphasen zurecht als mit dauerhaft nasser Erde. Auch die Raumtemperatur ist ausschlaggebend, stehen Pflanzen doch oft zu kühl.
Für Pflanzen-Faulpelze hat die Autorin abschließend noch einen praktischen Tipp: „Sehr kleine Pflanzen müssen öfter umgetopft werden. Wer sich diese Arbeit sparen möchte, greift besser gleich zu größeren Exemplaren – die wachsen langsamer, und man hat oft ein bis zwei Jahre Ruhe.“ Was es vor allem braucht, damit die Wohngemeinschaft mit den Zimmerpflanzen funktioniert? Gelassenheit. Nicht jede Pflanze fühle sich überall wohl, und ein welkes Blatt gehöre auch mal dazu, betont Hartwich.
Wer trotzdem weitermacht, merkt schnell: Mit jeder Pflanze wächst auch die eigene Sicherheit – und der grüne Daumen. Bis jetzt habe sie noch niemanden getroffen, versichert die Gärtnerin lachend, „der nach den ersten Zimmerpflanzen jemals wieder aufgehört hat“.