Riesensprung für Rohr
Handball-Talent vom TV Hannover-Badenstedt vor Debütin der Frauen-Nationalmannschaft.

Im Anflug: Chiara Rohr vom TV Hannover-Badenstedt steht vor ihrem ersten Länderspiel für die A-Frauen des DHB.Foto: imago/Marco Wolf
Hannover. Immer wieder läuft Christopher Nordmeyer der Spielerin Chiara Rohr und den anderen Debütantinnen der Frauen-Nationalmannschaft über den Weg. „Die grinsen den ganzen Tag“, weiß der Bundestrainer der U20-Juniorinnen vom Parallel-Lehrgang aus Großwallstadt zu berichten. Beide Teams trainieren seit Wochenbeginn am selben Ort, jetzt trennen sich ihre Wege.

Am Dienstagabend hoben die Frauen von Frankfurt nach Skopje ab zum EM-Qualifikationsspiel in Nordmazedonien. Nordmeyers Juniorinnen fliegen am Mittwoch nach Ankara für zwei Testspiele gegen die Türkei. Dieses Mal nicht in Nordmeyers Team: Chiara Rohr. Die U19-Europameisterin vom TV Hannover-Badenstedt hat eine Einladung von Bundestrainer Markus Gaugisch für die Frauen bekommen. Die 18-jährige Hannoveranerin steht unmittelbar vor ihrem A-Debüt.

„Das ist schon eine Überraschung, sie ist ja noch Drittliga-Spielerin“, sagt Nordmeyer. „Ich freue mich riesig für sie. Es zeigt, dass sich ihre tolle Arbeit, die sie regelmäßig abliefert, auszahlt“, so der ehemalige Recken-Coach. „Für sie wird jetzt ein Traum wahr.“

Linksaußen Rohr gehörte beim EM-Triumph im vergangenen Jahr zu den Führungsspielerinnen, war beste Torschützin und wurde ins All-Star-Team gewählt. Das blieb auch Gaugisch nicht verborgen, der die EM live vor Ort verfolgte – und somit auch Rohrs herausragende Leistungen.

Schon zuvor hatte er sie in den erweiterten WM-Kader der A-Nationalmannschaft berufen. Da stand Rohr schon im DHB-Elitekader, der die größten Talente des Landes gezielt fördert. „Chiara ist eine super-spannende Spielerin und Persönlichkeit“, sagt Antje Althaus, Nationalmannschaftsmanagerin und Mentorin des weiblichen Elitekaders des DHB. „Mich erfüllt es mit stolz, sie zu begleiten. Und ich bin mir sicher, dass sie alles meistern wird.“

Auch Gaugisch ist voll des Lobes. „Chiara hat eine sehr, sehr hohe Qualität an Möglichkeiten. Sie ist eine sprunggewaltige Spielerin mit einem unheimlich harten Wurf. Sie verfügt über Skills, die sie schon im Juniorinnenbereich herausstechen lassen“, so der Bundestrainer. Für Rohr sei es jetzt „ein Riesensprung, letzte Woche noch DM-Viertelfinale mit Badenstedts A-Jugend, jetzt Frauen-Nationalmannschaft.“

Wie alle anderen Debütantinnen werde auch Rohr „mit Nervosität zu tun haben. Aber Chiara ist sehr aufnahmefähig, auch unter Druck. Deswegen mache ich mir bei ihr keine Sorgen. Sie wird alles reinhauen.“ Davon ist auch Nordmeyer überzeugt. Rohr sei auf Erfolg gepolt. „Sie will immer gewinnen. Entsprechend gibt sie immer Gas und lässt nichts aus.“

Drei Einheiten hat Rohr in Großwallstadt absolviert. Jetzt bei den Frauen dabei zu sein, „ist für mich natürlich sehr aufregend. Ich sammle gerade viele neue Eindrücke und merke, dass die Qualität und Intensität im Training nochmal höher ist“, erzählt die Rechtshänderin. „Es macht trotzdem viel Spaß, vor allem mit den erfahrenen Spielerinnen zusammenzuspielen, jeden Tag viel für mich mitzunehmen und Erfahrungen zu sammeln.“

Gesetzt auf ihrer Position ist Antje Döll, Nationalmannschaftskapitänin, 37 Jahre alt, mehr als 100 Länderspiele, auch am Kreis einsetzbar. Rohr wird von der Zusammenarbeit mit ihr profitieren – egal, wie viele Minuten sie tatsächlich spielen kann bei den zwei anstehenden Partien. Am Mittwoch (Ergebnis nach Redaktionschluss) in Nordmazedonien und am morgigen Sonntag in Hamm gegen Belgien (19 Uhr, live auf ProSieben MAXX) geht es sportlich um nichts mehr. Deutschland ist als feststehender Gruppensieger bereits für die EM 2026 in der Slowakei, Tschechien, Polen, Rumänien und der Türkei (3. bis 20. Dezember) qualifiziert. Der Grund, warum der Bundestrainer jetzt munter mit dem Nachwuchs experimentieren kann. „Die Vorfreude auf mögliche Einsätze ist natürlich groß, auch wenn Markus Gaugisch noch keine konkreten Einsatzzeiten genannt hat“, sagt Rohr. „Umso mehr versuche ich, mich im Training bestmöglich zu zeigen und meine Chance zu nutzen.“

Für ihre Karriere überlässt Rohr nichts dem Zufall. Neben den üblichen Trainingseinheiten mit dem Drittliga-Team des TV Hannover-Badenstedt und der A-Jugend schiebt sie zwei Extra-Schichten pro Woche. Einmal Krafttraining mit ihrer Personal-Trainerin und eine Wurfeinheit mit zwei ehemaligen Handball-Stars der TSV Hannover-Burgdorf. Linksaußen Lars Lehnhoff und Rechtsaußen Torge Johannsen, mittlerweile Trainer-Gespann bei den Drittliga-Männern vom TuS Vinnhorst, üben regelmäßig mit Rohr und geben wertvolle Tipps. „Sie nimmt das sehr gerne an“, weiß Nordmeyer.

Im Sommer wagt Hannovers Sportlerin des Jahres den fälligen Karriere-Schritt auf Vereinsebene und wechselt zur HSG Bensheim/Auerbach in die 1. Liga. Vorher will sie mit Badenstedts A-Jugend den Meistertitel holen und mit der deutschen U20 bei der WM in China (24. Juni bis 5. Juli) eine tragende Rolle spielen. Deutschland ist als Europameister einer der Favoriten.

Präsentiert sich Rohr weiter so gut, kann sie sich auch bei den deutschen Frauen etablieren. „Chiara ist auf alles vorbereitet“, sagt Nordmeyer und ist überzeugt: „Sie findet ihren Weg.“

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