„Jedem von uns wohnt etwas Düsteres inne“
Studentin Katharina Raab begeistert auf Instagram und Tiktok ein Millionenpublikum mit Bastel-Videos ihrer fantastischen Miniaturuniversen

Abgründe: In der Schublade des Miniatur-Schminktisches haust das Monster von Loch Ness. Natürlich ein sehr kleines Exemplar.
hannover. „Hallo, ich heiße Katharina. Ich bin Miniaturkünstlerin.“ So unprätentiös beginnen die meisten Social-Videos von Katharina Raab, 27 Jahre alt, Bühnenbild-Studentin in Hannover.

In der hektischen Welt der Tiktok-Filmschnipsel und Instagram-Posts ist sie ein fast provokant entschleunigter Ruhepol. Wo andere sich im Immer-Schneller und Immer-Größer zu übertrumpfen versuchen, da nimmt sie ihre Online-Gäste mit auf die Reise in winzige, wirklich winzigkleine Miniaturwelten.

Millionen Menschen haben Katharina Raabs Filmchen gesehen, die eine Mischung aus Bastel-Werkstattbericht und Geschichtenerzählen sind. Einzelne Beiträge kommen auf mehr als 100.000 Herzchen-Likes. In Zigtausenden Kommentaren nehmen Zuschauerinnen und Zuschauer Anteil an ihren Mini-Geschichten.

Und sie? Sie sitzt in ihrer Werkstatt in dem kleinen Reihenhaus im Süden Hannovers, in das sie gerade mit ihrem langjährigen Mitbewohner und dessen Lebensgefährten gezogen ist, und strahlt freundlich. „Es ist schön, dass ich das alles mit so vielen Menschen teilen kann“, sagt sie bescheiden.

Vor ziemlich genau einem Jahr, im April 2025, nahm die Sache mit dem Online-Ruhm ihren Lauf. Katharina Raab hatte auf einem Flohmarkt einen alten Reisekoffer gekauft. Für 5 Euro, wie sie im ersten Reel erzählt. Seitdem baut sie den Koffer zu einer Art Puppenhaus aus. Aber es ist keine rosa Barbiepuppenwelt, sondern eine düster-charmante Hexen- und Geisterwelt: immer ein bisschen gruselig, aber nie brutal.

Klar: Die Guillotine im Keller ist blutüberströmt. Spinnenweben und Geheimräume gehören ebenso dazu wie eine mysteriöse Riesenbibliothek. Und natürlich gibt es ein Spiegelportal, das Personen von einem Raum in den nächsten transloziert. Am Himmelbett hängt der Stoff in Fetzen hinab. Aktuell bastelt die 27-Jährige an zwei geisterhaften Händen, die an dünnen Armen unter dem Bett hervorkommen und nach einem tasten wollen, wie in den gruseligsten Träumen.

Warum? „Jedem von uns wohnt etwas Düsteres inne, aber viele wollen das nicht wahrhaben“, sagt Katharina Raab nach kurzem Nachdenken. Unbewältigte Ängste und Aggressionen, so etwas könne eine sehr gefährliche Rolle spielen. „Ich versuche, einen liebevollen Umgang mit den Abgründen zu finden, die in einem schlummern“, sagt sie, und: „Makaberer Humor kann helfen. Vielleicht ist es auch der Drang, sich mit Düsterem, mit Tod und Grausamkeit in der Welt auseinanderzusetzen.“

Wer sich ein wenig für Literatur und vor allem Kindergeschichten interessiert, weiß, wie grausam es da schon immer zuging. Hänsel und Gretel sollen im Ofen verbrannt werden. In dem (von einem Psychiater für seinen Sohn erdachten!) Buch „Struwwelpeter“ werden Konrad die Daumen abgeschnitten, weil er daran nuckelt. Und wer auch nur einen Funken Empathie hat, muss geweint haben, als das „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ nach dem Abbrennen des letzten Zündholzes an der Hauswand erfriert. In Katharina Raabs Hexenkoffer gibt es nur Andeutungen solcher Abgründe. Sie spielt mit der Fantasie und spricht, während sie an Tischbeinchen schnitzt, so liebevoll augenzwinkernd über das Geisterhafte, als verrate sie eigentlich ein Muffin-Rezept. Und ganz offenkundig kommt diese Kombination aus Gruselgeschichten und Gebasteltem sowohl bei Erwachsenen als auch beim jüngeren Publikum an. „Viele Eltern scheinen mit ihren Kindern die Videos zu gucken, quasi als Ersatz für die Sendung mit der Maus“, sagt Katharina Raab. Sie habe als Reaktion sogar „Videos bekommen, in denen die Kinder eine Guillotine aus Knete formen“. Ihr gefalle dieser „spielerische Umgang mit der Welt, anstatt zu versuchen, Kinder vor allem Unheil abzuschirmen“.

Dabei ist der morbide Hexenkoffer nur eines der Projekte, die die Studentin unter dem Accountnamen Katharinahandmade in den Socialkanälen zeigt. Sie führt dort auch eine Art Tagebuch und plaudert scheinbar unbekümmert über ihre Bastelexperimente. „Ich schnitze wie Michel aus Lönneberga. Nur dass ich nicht in den Schuppen gesperrt werde, sondern freiwillig da reingehe“, sagt sie etwa im Tagebucheintrag Nummer elf.

An anderer Stelle verrät sie: „Ich brauche Escapismus. Wer mich kennt, weiß, dass ich riesiger Walter-Moers-Fan bin. Mit nichts, jedenfalls nichts Legalem, kann man der Realität so schön entfliehen wie mit seinen Büchern.“ Walter Moers werden viele von seinen „Käpt’n-Blaubär“-Seemannsgarngeschichten kennen. Aber wer humorvoll-dunkle Literatur schätzt, wird auch seine „Zamonien“-Werke mit der „Stadt der träumenden Bücher“ schätzen.

Ganz unverholen macht Katharina Raab (unbezahlte) Werbung für die Moers-Bücher, natürlich garniert mit dem Aufruf, diese im lokalen Buchhandel zu kaufen und bloß nicht bei amazonenhaften Online-Ketten. Es geht schließlich auch um Haltung. Oder sie nutzt ihre immense Reichweite im Netz und wirbt für eine Petition der Umwelthilfe gegen Silvestergeböllere oder drängt eindringlich darauf, junge Frauen sollten Termine zur Krebsvorsorge wahrnehmen.

Wie es sich für Influencerinnen gehört, nimmt sie immer wieder Anregungen aus der Community auf. Irgendjemand schlägt in einem Online-Kommentar vor, an die filigran zurechtgebastelte Schreibmaschine einen Waschbären zu setzen. Gesagt, getan. Später baut sie einen Flügel und setzt eine Mini-Version von sich selbst als zweidimensionale Pianistin daran. Beeindruckend ist, wie sie mit Akribie die große Bibliothek im Hexenkoffer vervollständigt: Buch für Buch wird geschnitzt, erhält einen eigens gestalteten Buchrücken und wird mit Pinzette und Klebetropfen ins Regal drapiert. Was für eine Geduld.

Die schöne neue Online-Welt hat natürlich auch ihre kommerzielle Seite. Was vor Jahren als spleeniges Basteln angefangen hat und während Corona zum ersten Youtube-Video führte, lässt sich angesichts der riesigen Reichweite längst monetarisieren. Wer Termine mit Katharina Raab will, muss diese mit einer Influencer-Agentur in Berlin vereinbaren. Immer mal wieder wird offensiv Werbung in die Videos eingestreut, zeitweilig etwa für einen Sprachlernanbieter oder auch für den eigenen Etsy-Kanal. Spricht man die Influencerin darauf an, stutzt sie zunächst. Dann sagt sie ehrlich: „Es ist doch schön, dass ich meine Miete davon bezahlen kann.“ Andererseits sei es „ein zweischneidiges Schwert: Wenn die Plattformen mir Geld bezahlen können, bekommt man eine Ahnung, wie viel die verdienen müssen“.

Für die Netflix-Serie „Stranger Things“ hat Katharina Raab zwischenzeitlich bezahlte Werbung gemacht, indem sie eine Miniatur zum Thema baute und ein Filmchen darüber veröffentlichte. Eine Anfrage zu Werbung für Amazon dagegen habe sie nicht angenommen. „Ich lehne die Arbeitsbedingungen ab und die Art des Online-Handels und die Politik von Gründer Jeff Bezos“, sagt sie: „Das gab ein großes Nein.“

Ein Jahr Hexenkoffer – wie geht es weiter? Auf dem Schrank in ihrer Werkstatt liegen schon drei weitere gebrauchte Koffer bereit. Einer davon ist ein besonderer. Er gehörte Walter Moers, wie die Handsignatur zeigt, und ist ein Geschenk des Meisters. Katharina Raab hatte eine Szene zu den „Katakomben von Buchhaim“ aus dem „Zamonien“-Werk in einer Streichholzschachtel inszeniert. „Der Verlag hatte das Video gesehen und ihm geschickt.“ Als Antwort kam der Koffer.

Der Moers-Koffer ist größer als der bisherige Hexenkoffer. Viel Platz für mythische Fortsetzungen.



Druckansicht