Mein Freund, der Käfer
Fünf Monate lang fährt der abenteuerlustige Hannoveraner Christopher Kulins allein im VW-Oldtimer
quer durch Europa. Eine Geschichte über spontane Bekanntschaften, Pannen und ungeahnte Hilfsbereitschaft.

25.000 Kilometer im 1962er Käfer: Christopher Kulins erzählt von seiner Reise vom Nordkap nach Istanbul.Foto: Irving Villegas
Hannover. Auf seiner Reise durch Europa gab es für Christopher Kulins genau drei Regeln: Er fährt nur Landstraße, nimmt jeden Anhalter mit und zahlt für keine Übernachtung. In gut fünf Monaten fuhr der Hannoveraner 2025 vom Nordkap nach Istanbul, vorher besuchte er noch Österreich und die Schweiz – in einem Käfer des Baujahres 1962. „Ich will nicht sagen, es war die Fahrt meines Lebens, aber ein bisschen ist es so“, sagt Kulins Anfang März 2026, knapp vier Monate nach seiner Rückkehr.

Es war eine Reise voller Gegensätze – mit magischen Momenten und Pannen. Einerseits öffnete Kulins’ Käfer ihm überall Türen und brachte ihn schnell mit Menschen ins Gespräch. Andererseits brachte das Fahrzeug auch einige Herausforderungen mit sich.

Los ging die Reise am 12. Juni 2025, zunächst zur Wien Pride und anschließend über die österreichische Romantikstraße nach Salzburg. „Und ich weiß nicht, ob es die Euphorie der ersten Reisewoche war, aber Österreich hat mich wider Erwarten stark begeistert“, erinnert sich Kulins.

Doch die Euphorie endete abrupt. „Mitten in der Fahrt haben die Bremsen versagt“, sagt Kulins. Er habe abbremsen wollen und sei ins Leere getreten. Spontan fuhr er zu einem Freund im bayerischen Murnau und ließ das Auto reparieren. Selbst schrauben kann Kulins nämlich nicht. „Ich kann gerade mal Benzin auffüllen und den Reifendruck prüfen“, sagt er.

Doch sollten die Bremsen lange nicht die einzige Panne gewesen sein. In der Schweiz hatte der mehr als 60 Jahre alte Käfer Motorprobleme, auf den Weg zu den Lofoten fiel die Lenkung aus. Doch wann immer der Käfer mal wieder streikte, fand Kulins schnell Hilfe. „Das Auto hat über Ländergrenzen hinweg so einen hohen Bekanntheitsgrad und Sympathiefaktor, dass ich immer schnell hilfsbereite Menschen kennengelernt habe“, erklärt er sein Glück.

Kulins, 40 Jahre alt und gebürtiger Hannoveraner, hat im Bereich Innovationsmanagement promoviert und mehrere Jahre als Unternehmensberater gearbeitet. Doch schon beim Einstieg habe er gespürt, dass er diesen Job nicht dauerhaft machen wolle. 2025 sei für ihn deshalb der Moment gekommen, sich neu auszurichten – und endlich Europa zu entdecken.

Lange suchte er nach dem passenden Auto für die Tour. Den Käfer, auf den er „immer schon mal einen Blick“ geworfen hatte, kaufte er schließlich einem Freund ab: 7000 Euro für das Auto, dazu kamen rund 2000 Euro für die Instandsetzung.

Nach seinem Abstecher nach Österreich und in die Schweiz fuhr Kulins mit einem Zwischenhalt in Hannover zum Nordkap. Unterwegs machte er auf den Lofoten, einer Inselgruppe in Norwegen, halt. „Die Weite und Ruhe dort haben mich wirklich schwer beeindruckt“, meint der 40-Jährige rückblickend. Vom Nordkap aus startete er seine lange Reise Richtung Istanbul: über Skandinavien und Deutschland ging es durch Österreich und Slowenien bis nach Rastoke, dem historischen Kern der kroatischen Stadt Slunj. Von dort führte ihn die Route durch mehrere Balkanländer – darunter Bosnien, Albanien und Montenegro –, weiter nach Bulgarien und schließlich in die Türkei. Einen festen Plan hatte Kulins bis zum Ende nicht, er entschied von Tag zu Tag – immer dem guten Wetter folgend.

Oft bestimmte aber auch der Käfer den Weg. „Pünktlich zum Nordkap-Einlauf“, wie der Hannoveraner sagt, habe sich die Autobatterie während der Fahrt nicht mehr richtig aufgeladen. Kulins beschloss, den Wagen zur Reparatur nach Hannover zurückzubringen. Dafür habe er alle Stromverbraucher ausgeschaltet, selbst das Licht und die Scheibenwischer. So sei er rund 550 Kilometer weit gekommen, bis die Batterie erneut entladen war. Dann habe er sie ausgebaut und nachts an Steckdosen hinter Toilettenhäuschen geladen. Sein Zelt schlug er direkt daneben auf. „So doof sich das anhört: An diese Tage denke ich sehr gern zurück“, sagt der Hannoveraner rückblickend.

In Bosnien und Herzegowina, vor allem in Sarajevo, erlebte Kulins eine seiner schönsten Reisepassagen. Auf dem Weg dorthin bekam der Käfer jedoch erst einmal ein Upgrade. Statt des Beifahrersitzes ließ er sich eine Matratze als Bett einbauen. „Nach drei Monaten im Zelt musste mal eine Verbesserung her“, erklärt er.

In Sarajevo habe er dann eine Woche in einem Wohngebiet geparkt und geschlafen. Jeden Morgen seien Menschen zu ihm ans Auto gekommen und hätten ihm Frühstück gebracht. Bei einem Anwohner habe er auch seine Wäsche waschen können. „Gastfreundschaft ist dort einfach Usus”, erklärt er seine Begeisterung.

Während der Reise nutzte Kulins den Käfer nicht nur als Auto und Schlafzimmer, sondern auch noch als Büro. So habe er sich unterwegs auf Stellen für eine Professur beworben. Ende Oktober erhielt er die Einladung zu einem Gespräch in Deutschland – die Reise dafür abzubrechen, das kam für ihn dennoch nicht infrage. Istanbul habe er unbedingt noch erreichen wollen. „Ich bin noch in normalem Tempo nach Istanbul gefahren, musste aber dann 39 Stunden am Stück zurück nach Hannover fahren.“ Ein echter Kraftakt, doch am Abend des 11. November 2025 kam er wohlbehalten an.

Insgesamt legte Kulins in fünf Monaten rund 22.000 Kilometer zurück und durchquerte 15 Länder. Was ihn die Reise gekostet hat, weiß er nicht – und will es auch gar nicht wissen. „Ich glaube, das ist ein weiser Entschluss“, sagt er und grinst. Stattdessen richtet sich sein Blick längst nach vorn: Gemeinsam mit einem Kino in Hannover plant der 40-Jährige einen Vortrag über seine Tour, „um die nächste Generation für Routen zu begeistern, die nicht jeder fährt“. Und natürlich will er in Zukunft auch selbst weiter mit seinem Käfer die Welt entdecken. Als Nächstes könnte er sich eine Fahrt durch den Himalaya vorstellen.



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