Das Quartett trainiert für das Jedermann-Rennen am 1. Mai (Eschborn-Frankfurt). Zwei Frauen und zwei Männer mit blank geputzten Rennrädern aus der Hochpreiskategorie. „Wir sind Optimisten“, sagte der schlanke 1,90-Meter-Hüne. „Das Wetter wird schon halten.“ Gleichwohl haben alle vier ihre engen Regenjacken übergestreift.
Die Radsaison beginnt. Nach den ersten sonnigen Wochenenden nimmt die Verkehrsdichte auf den Velopisten wieder zu. Und auch die Kundenfrequenzen in den Ladengeschäften steigen deutlich. Optimismus in seiner gedämpften Form trotz nicht gerade sonniger Aussichten – das passt auch zur Lage der Branche.
„Natürlich gibt es Schwankungen“, sagt Burkhard Stork, Chef des Fahrradindustrieverbandes ZIV. Doch er sieht beim Blick auf die Zahlen fürs abgelaufene Jahr vor allem, dass die Branche „ihre Robustheit“ bewiesen habe. Eigentlich hatten Hersteller und Händler aber auf erheblich mehr gehofft, dass 2025 das Jahr der großen Trendwende wird.
Mit der Corona-Pandemie war der Absatz an Fahrrädern und E-Bikes heftig in die Höhe geschossen: Auf 5 Millionen im Jahr 2020. Seinerzeit hätten sogar noch erheblich mehr Velos verkauft werden können. Aber in den internationalen Lieferketten gab es massive Abrisse. Die hiesigen Marktakteure orderten, was das Zeug hielt. Mit dem Ergebnis eines enormen Überangebots, übervoller Lager, Rabattaktionen und zahlreichen Insolvenzen. Die Hoffnungen auf neuen Schwung im Jahr 2025 waren groß. Doch laut ZIV-Zahlen rutschte der Absatz noch einmal ab auf 3,8 Millionen verkaufte Zweiräder – der niedrigste Wert seit mehr als einem Jahrzehnt.
Beim Verkauf dominieren weiterhin die Trekkingräder. An zweiter Stelle kommen Mountainbikes (MTB), wobei die E-Varianten weit vorne liegen. Gravel-Bikes, geländetaugliche Rennräder ohne Hilfsmotor, waren die Aufsteiger des Jahres – mit einem Marktanteil von mittlerweile 10 Prozent. Die Branche schwankt zwischen Hoffen und Bangen. Ist die Talsohle erreicht oder ist das eine Dauerkrise? Symptomatisch sind die Geschicke von Canyon. Der Hersteller und Versender ist eine der hiesigen Top-Adressen für hochwertige Räder. Der belgische Großaktionär GBL musste 2025 den Wert der Beteiligung am Koblenzer Unternehmen um 200 Millionen Euro abschreiben. Laut GBL-Jahresbilanz gingen die Umsätze 2025 um 6 Prozent auf 738 Millionen Euro zurück. Der Gewinn aus der betrieblichen Tätigkeit brach um rund ein Drittel ein – absolute Zahlen nennt GBL nicht. Nun läuft ein Sanierungsprogramm. Rund 300 Stellen von 1600 sollen wegfallen.
GBL kehrt im Geschäftsbericht aber hervor, dass sich die Segmente Rennrad und Gravel als „robust“ erwiesen hätten. Und genau darauf bauen die Koblenzer nun. Ein Sprecher kündigte für beide Kategorien Innovationen an. Selbiges gelte zudem für MTB und Urban – hier dürfte es insbesondere um leichtere E-Räder mit zugleich leistungsstärkeren Antrieben gehen.
Canyon-Chef Roman Arnold hatte bereits im vorigen Herbst betont: „Wenn die Innovationen kommen, dann werden wir sehen, dass sich Bikes auch ohne Discount verkaufen lassen.“ Dabei spielt der gesamten Branche in die Karten, dass die hohen Lagerbestände, die zu Rabattaktionen zwangen, inzwischen abgebaut sind. Aber reicht das, um wieder auf eine Wachstumsroute zurückzukehren?
Der Wirtschaftsverband Fahrrad setzt auf das Dienstradleasing und verweist auf eine aktuelle Studie. Demnach wird in diesem jungen Geschäftsfeld bislang gerade einmal 11 Prozent des Kundenpotenzials ausgeschöpft. Und zugleich entwickele sich aus der zunehmenden Zahl von Leasingrückläufern der „Refurbishment-Markt“ rasant. Seit 2023 habe sich die Zahl der verkauften Gebrauchträder um gut 190 Prozent gesteigert. Wasillis von Rauch, Geschäftsführer von Zukunft Fahrrad, sieht hier „echte Chancen für eine smarte Kreislaufwirtschaft“.
Ein anderer Trend spielt für Canyon eine wichtige Rolle: der Ausbau des Netzwerks mit sogenannten Experience-Partnern. Siehe Frankfurt: Zum Stehausschank gehört ein gerade eröffnetes Ladengeschäft, das ein örtlicher Händler namens „Karl von Drais“ betreibt, der Canyon-Räder nebst Probefahrten offeriert. Hinzu kommt eine Werkstatt. Hier soll ein Treff für die örtliche Rennrad-und-Gravel-Community entstehen. Mit diesem Konzept ist Canyon keineswegs allein. Der Versender-Rivale Rose hat es vorgemacht. Aber auch Anbieter von Radbekleidung wie Rapha oder Maap bieten Espresso, Cappuccino, Kuchen und organisieren Ausfahrten. „Das ist ein typisches Großstadt-Phänomen“, sagt ein Insider. „So wie man früher sonntags in die Kirche gegangen ist, so trifft man sich heute mit seiner Neigungsgruppe vor dem Fahrradladen.“