Er spielt jeden Tag
auf dem Opernplatz
Hier verdient der Obdachlose Anatoli Djatlow sein Geld – und fand seine große Liebe

Lebt derzeit vom Klavierspiel: Anatoli Djatlow (28) spielt täglich auf dem OpernplatzFoto: Ilona Hottmann
Hannover. „Country roads, take me home...“ schallt es über den Opernplatz. Der Mitsing-Klassiker ist diesmal ganz ruhig und verspielt, ungewohnt, aber unverkennbar. Räumlich kommt die Musik aus dem schwarzen Betonflügel auf dem Opernplatz, bespielt von Anatoli Djatlow. Er sitzt konzentriert und versunken an den Tasten. Bevor er sich an den Flügel setzt, stellt er eine Plastikdose auf, die so klein ist, dass sie aus mehr als fünf Metern Entfernung kaum noch auffällt. In dieser kleinen Dose sammelt Djatlow seine gesamte Lebensgrundlage.

Seit Dezember steht der Flügel auf dem Opernplatz. Weil sein Korpus aus Beton besteht, hat er den Winter gut überstanden und ist auch ansonsten unkaputtbar. Das war seinen Erschaffern wichtig: Viele seiner Vorgänger sind durch Vandalismus zerstört worden. Die Idee stammt von dem Verein „Piano Bombing“, der regelmäßig Klaviere an öffentlichen Orten aufstellt. Das Ganze ist ein Projekt der Stadt: In einem Wettbewerb hat sich der Flügel durchgesetzt und ist über ein Förderprogramm des Modellprojekts Smart Cities finanziert worden.

Es ist keine günstige Angelegenheit. Das Angebot „Piano Bombing Premium“, zu dem der Betonflügel gehört, kostet 50.000 Euro. Für den Flügel auf dem Opernplatz teilen sich Bund und Stadt die Kosten, wobei die Stadt rund ein Drittel übernimmt, der Bund zwei Drittel. Der Verein selbst organisiert und bemalt die Instrumente umsonst. Der Flügel an der Oper lässt sich, dank des Stroms aus Solarzellen, unermüdlich bespielen.

Neugierig gemacht hat das Projekt auch Sören. Der 37-Jährige ist eigens aus Hamburg angereist, um sich das anzusehen. Es habe sich für ihn gelohnt, sagt er. „Das ist toll. Der Sound ist echt gut, das Elektrische merkt man kaum.“ Zuerst habe es ihn nervös gemacht, sich einfach vor fremden Menschen hinzusetzen und zu spielen, berichtet er. „Aber je länger man spielt, desto mehr vergisst man alles andere.“ Der elektrische Sound hat einen weiteren Vorteil, denn die Lautstärke lässt sich in den Abendstunden herunterregeln. Niemand muss sich von der Musik gestört fühlen.

Die Investition der Geldgeber bedeutet für Anatoli Djatlow aktuell Verlässlichkeit. „Ich lebe nur von der Musik“, erzählt er. Nach dem Tod seiner Eltern ist er seit einem Jahr wohnungslos. Seitdem spielt der 28-Jährige jeden Tag auf dem Betoninstrument. Das Spielen habe er sich selbst beigebracht. In seiner Kindheit habe er ein E-Piano besessen, auf dem er so lange an gehörten Songs herumprobierte, bis er sie spielen konnte. „Notenlesen kann ich bis heute nicht“, erzählt Djatlow.

Zu seinem Repertoire gehören mehrere Popsongs – aber „Country Roads“ spielt er am liebsten. Spricht man ihn darauf an, scheinen seine Augen etwas zu leuchten. „Mein Vater war riesiger Amerika-Fan, obwohl er aus der Sowjetunion kam! Deswegen hat er diesen Song geliebt, und jetzt ist es mein Lieblingslied.“

Als er aufgestellt wurde, sollte der Betonflügel nur ein Jahr auf dem Opernplatz bleiben. Jetzt ist die Entscheidung wieder offen. „Das Projekt kommt so gut an, dass wir erst in der zweiten Jahreshälfte entscheiden, wie es weitergeht“, berichtet eine Sprecherin der Stadt. Sollte der Flügel nicht mehr als ein Jahr auf seinem jetzigen Platz bleiben, wird er in den Kulturhof gebracht. Dort wäre er weiterhin öffentlich nutzbar.

Bevor der Betonflügel aufgestellt wurde, hat Djatlow auf den anderen Klavieren von „Piano Bombing“ gespielt. Er hat vier weitere Spielmöglichkeiten, denn weitere Instrumente stehen in der Universität, am Studierendencafé Hanomacke, am Bremer Damm und in der Nähe des Raschplatz-Pavillons. Sie sind aus Holz und von lokalen Künstlern bemalt. Die Kunstinitiative nennt dieses Angebot „Piano Bombing Classic“. Die Motivation hinter all dem ist die Freude, die öffentliche Klaviere auslösen können. Um möglichst viel davon zu verbreiten, kann man seit Kurzem Mitglied bei „Piano Bombing“ werden. Außerdem findet man auf der Website auch eine Anleitung, um selbstständig Projekte zu starten.

Freude schenkt das Klavier auf dem Opernplatz sehr zielsicher. „Für mich ist das Spielen auch wie eine Therapie“, sagt Djatlow. Und er habe dadurch seine jetzige Freundin kennengelernt, sie sei sein größtes Glück. „Ich hätte nie gedacht, dass Musik so viel Liebe entstehen lassen kann“, schwärmt er.

Trotzdem bleibt „Country Roads“ für Anatoli Djatlow ein Lied der Sehnsucht: Wirklich zuhause fühle er sich in Hannover nicht, dafür sei ihm hier zu viel Negatives widerfahren. Er träumt davon, in die USA zu reisen. Dafür wird er noch ein paar Tage am Flügel in Hannover sitzen müssen.

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