Im „Deutschen Schulbarometer“ von 2024 hatte die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen noch etwas niedriger bei 21 Prozent gelegen. Die aktuellen Ergebnisse zeigen erstmals seit dem Ende der Corona-Pandemie, dass der Druck wieder zunimmt.
Das sei ein „breiter Trend“, erklärt Julian Schmitz, Professor für klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig und zugleich wissenschaftlicher Leiter des „Schulbarometers“. Auch andere Erhebungen wie die aktuelle COPSY-Studie (Dezember 2025) oder das DAK-Präventionsradar (September 2025) offenbaren ähnliche Entwicklungen. „Das ist wirklich besorgniserregend“, sagt Schmitz.
Besonders stark betroffen sind Kinder aus Familien mit sehr niedrigem Einkommen (31 Prozent) und mit sonderpädagogischem Förderbedarf (36 Prozent).
Beide Gruppen zeigen überdurchschnittlich häufig psychische Auffälligkeiten und berichten zudem häufiger von einer geringeren Lebensqualität (niedriges Einkommen: 36 Prozent, sonderpädagogischer Förderbedarf: 41 Prozent). Auffällig ist demnach auch, dass insbesondere jüngere Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren von einer geringen Lebensqualität sprechen (34 Prozent).
„Armut wirkt sich nicht nur auf Bildungschancen aus, sondern auch auf die psychische Gesundheit junger Menschen“, betont Schmitz. Diese Entwicklung bringe neben individuell oder familiär hohem Leiden gesamtgesellschaftlich enorme Kosten mit sich. „Wenn wir die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen stärken wollen, müssen wir die Lebensbedingungen stärker in den Blick nehmen“, rät Schmitz.Die Schule sei ein „entscheidender Entwicklungsraum“ für junge Menschen. Sie könne und müsse Stabilität und Zugehörigkeit bieten – besonders für junge Menschen, denen sonst die Ressourcen dafür fehlen. Guter Unterricht sei ein „starker Einflussfaktor“ für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Auch soziale Medien hätten einen Einfluss auf die psychische Gesundheit junger Menschen – dieser sei aber im Vergleich zu Faktoren wie Armut viel geringer.
Erstmals hat das „Deutsche Schulbarometer“ zudem Zahlen zum Thema Mobbing erhoben. 30 Prozent der Elf- bis 17-Jährigen gaben demnach an, mindestens einmal im Monat mit sozialer Ausgrenzung, Gewalt und Aggression analog wie auch online konfrontiert zu sein.
Auch spielen Leistungsdruck und das Gefühl, am Wochenende lernen zu müssen, für die Hälfte der befragten Schülerinnen und Schüler eine große Rolle. Am meisten sorgen sich junge Menschen um Kriege in der Welt – dicht gefolgt von der Angst, in der Schule nicht genug Leistung zu bringen.
Ein wichtiger Faktor für psychische Gesundheit und das Wohlbefinden ist Selbstwirksamkeit. Wer das Gefühl hat, Einfluss auf das eigene Leben und dessen Umstände zu haben, ist insgesamt widerstandsfähiger und engagiert sich eher. Die Ergebnisse des „Schulbarometers“ zeigen nun jedoch, dass Schülerinnen und Schüler sich oft kaum gehört fühlen. Zwar können sie Klassenregeln (34 Prozent) oder Projektwochen (19 Prozent) mitbestimmen, aber bei der Unterrichtsgestaltung und Leistungsbewertung hört die Mitbestimmung bei fast allen auf (84 Prozent). Die Lehrkräfte, die im vergangenen Jahr befragt wurden, stimmen mit der Einschätzung der Schülerinnen und Schüler überein. Sie bewerten diese Situation jedoch anders: 55 Prozent der Lehrkräfte halten die Beteiligung für ausreichend, während sich 74 Prozent der Schülerinnen und Schüler mehr Mitbestimmung wünschen. Auch diejenigen, die psychisch belastet sind, seien nicht etwa resigniert, sondern wollten mehr Einfluss, erklärt Schmitz.
Die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz (BSK), Amy Kirchhoff, kritisiert die schulischen Strukturen für Partizipation: „Wir sagen immer: Wer sich beteiligen will, soll zu uns kommen. Aber am Ende des Tages sind wir auch nur privilegierte Kinder, die sich das finanziell und notentechnisch leisten können.“
Die Ergebnisse des „Deutschen Schulbarometers“ legen einen hohen Unterstützungsbedarf nahe, dem jedoch eine „unzureichende Versorgungsstruktur“ gegenübersteht, wie die Forschenden um Schmitz analysieren. „Wartezeiten für psychotherapeutische Hilfe sind teils sehr lang, und die vorhandenen Unterstützungsangebote in Schulen reichen nicht aus“, lautet das Urteil.
BSK-Generalsekretärin Kirchhoff kritisiert zudem den fehlenden politischen Willen bei der Finanzierung.
„Wenn Lehrkräfte dauerhaft überfordert sind, weil Zeit und Personal fehlt, ist das keine Frage von Überstunden“, sagt sie. Es sei dringend nötig, Stellen und Fortbildungen zu finanzieren.