Die Sonne scheint und spiegelt sich im Maschsee, Menschen joggen, spazieren und radeln vorbei. Und einer fällt sofort auf: Inmitten des Trubels läuft ein junger Mann rückwärts, mit konzentriertem Blick über die Schulter, Runde für Runde. 42,195 Kilometer versucht er so zurückzulegen – also einen Marathon. Sein Ziel: Sich damit eine von 50 Wildcards für den Extremlauf „Last Soul Ultra“ (LSU) im August sichern.
Die Idee dafür kam dem 27-jährigen Saimuson Manivannan spontan in den Kopf, einen Tag zuvor und mit wenig Vorbereitung. Doch die Gefahren eines solchen Vorhabens waren dem Medizinstudenten aus Hannover bewusst: „Ich habe Markus Jürgens, den Weltmeister im Rückwärtsmarathon, angeschrieben, und der hat mir auch dringend davon abgeraten“, sagt er. „Weil das Verletzungsrisiko einfach viel zu hoch ist. Man kann stürzen, man kann sich die Sehnen und Gelenke verletzen.“ Trotzdem entschied er sich für den Lauf: „Weil ich so vernarrt war und das mittlerweile so ein Ego-Ding geworden ist.“
Mehrere Freunde begleiteten Manivannan bei seiner Aktion, um ihm Orientierung zu geben und zwischendurch mit Wasser und Essen zu verpflegen. Einer von ihnen war zusätzlich damit beauftragt, das ganze Geschehen zu filmen, denn Manivannan ist neben seinem Medizinstudium Content-Creator auf Instagram und TikTok. Dort nimmt er die Zuschauenden bei seinen fast täglichen Läufen mit und berichtet über sein großes Ziel, am LSU teilzunehmen – bei dem übrigens vorwärts gelaufen wird. „Die Runde um den Maschsee ist meine Standardstrecke, dort sind immer viele Leute, und es sorgt für mehr Aufmerksamkeit“, erzählt der junge Sportler.
Mit dem Laufen hat Manivannan im Alter von 16 Jahren angefangen, er hat bereits an verschiedenen Marathons teilgenommen, auch schon in Hannover. Um sich selbst an seine Grenzen zu bringen, hofft er, an dem Extremlauf teilnehmen zu dürfen. Für den LSU (der Austragungsort ist noch offen) werden 150 Startplätze vergeben, wobei 100 über ein Lotterieverfahren verteilt und die restlichen 50 von den Veranstaltenden persönlich ausgesucht werden. Daher versuchen mehrere Sportler, auf Social Media besonders auffällige Videos hochzuladen, um auf sich aufmerksam zu machen: „Jeder sagt, was er drauf hat, und macht eine coole Challenge, um für den Lauf ausgesucht zu werden“, erklärt Manivannan – der sich also für einen Rückwärtslauf entschied. Während Manivannan seinen Rückwärtsmarathon absolvierte, ergaben sich nach und nach Schwierigkeiten: „Ich bin dreimal fast gestürzt und habe gemerkt, wie meine Beine schwerer wurden.“ Aber ans Aufgeben hat er trotzdem nicht gedacht: „Ich wäre sogar rückwärts gekrochen, wenn es nötig gewesen wäre. Aufgeben war keine Option, auch wenn es phasenweise schon schwer war.“ Nach sieben Runden und einer Laufzeit von 4:55 Stunden war es dann geschafft – Manivannan ist einen kompletten Marathon rückwärts gelaufen. „Ich weiß jetzt ganz genau, ich habe alles dafür gegeben, um diese Karte zu erhalten, und ich finde, es wäre auch verdient“, sagt er voller Stolz. Im Anschluss berichtet er von Schmerzen und dem Gefühl, nicht mehr vernünftig vorwärtslaufen zu können: „Ich dachte, ich habe das Vorwärtsgehen verlernt“, erklärt er in einem Video auf Instagram. Aber: „Ich bereue die Entscheidung kein bisschen.“
Ob Manivannan am Ende eine Wildcard für den Extremlauf bekommt, entscheidet sich in den kommenden Wochen. Aber auch wenn es nicht so sein sollte, würde er es im nächsten Jahr erneut versuchen: „Ich kann mir vorstellen, den Rückwärtslauf dann doppelt so lang zu machen.“ Eventuell kann man dem jungen Medizinstudenten dann im nächsten Frühjahr noch einmal dabei zusehen, wie er am Maschsee rückwärts seine Runden dreht.