Bevor Bürsti loslegen kann, analysiert er zunächst seine Umgebung. Während dieser Einlernphase fährt das Gerät die vorgesehenen Bereiche ab und erstellt eine digitale Karte der Station. Auf dieser virtuellen „Roadmap“ orientiert sich der Roboter später selbstständig. Anschließend arbeitet er die programmierten Flächen eigenständig ab und navigiert mit Hilfe von Kameras und Sensoren durch den Raum.
Dabei reagiert der Automat flexibel auf seine Umgebung. Wenn Menschen, Tiere oder Gegenstände seinen Weg kreuzen, weicht er ihnen aus und setzt die Reinigung später fort. Die Technik sorgt außerdem dafür, dass Bürsti bestimmte Sicherheitsabstände einhält – etwa zu Treppen, Rolltreppen oder Aufzügen. Auch über Füße oder Kabel fährt der Roboter nicht hinweg. So soll gewährleistet werden, dass der Einsatz im laufenden Betrieb der Stationen sicher funktioniert.
„Mit dem Gerät starten wir in eine neue Ära“, sagt protec-Geschäftsführer Mathias Lindscheid. Ein voller Frischwassertank reiche für die Reinigung von nahezu 2.000 Quadratmetern Fläche. Bis zu zweieinhalb Stunden kann der Roboter ohne Aufladung arbeiten. Möglich macht das eine Lithium-Ionen-Batterie. Trotz seiner technischen Ausstattung bleibt das Gerät vergleichsweise kompakt: 56 Zentimeter breit und 112 Zentimeter hoch. Mit rund 62 Dezibel arbeitet es zudem deutlich leiser als viele klassische Reinigungsmaschinen.
Die ÜSTRA, deren Tochterunternehmen protec unter anderem für die Reinigung der U-Bahnstationen verantwortlich ist, verspricht sich von der neuen Technik vor allem Unterstützung für die Mitarbeitenden. „Wir wissen die Arbeit der Kolleginnen und Kollegen sehr zu schätzen“, sagt ÜSTRA-Vorstandsvorsitzende Elke van Zadel. Die Teams sorgten täglich dafür, dass sich Fahrgäste in den Stationen wohl und sicher fühlen. „Wenn es jetzt durch den Einsatz neuer Technik Entlastung für die Mitarbeitenden gibt, ist das sehr zu begrüßen“, so van Zadel. Und auch der Spitzname des Roboters gefällt ihr: „Bürsti scheint mir ein sehr passender Name“, unterstreicht die ÜSTRA-Vorstandsvorsitzende mit einem Augenzwinkern.
Ein Ersatz für menschliche Arbeitskräfte soll der Roboter jedoch ausdrücklich nicht sein, betont Lindscheid. Vielmehr ginge es darum, Mitarbeitende von besonders zeitaufwendigen oder körperlich belastenden Tätigkeiten zu entlasten. Wenn große Flächen automatisch gereinigt werden, bleibt mehr Zeit für Detailarbeit – etwa an schwer erreichbaren Stellen, bei Glasflächen oder bei der Entfernung von Verschmutzungen.
Gleichzeitig verändert neue Technik auch die Anforderungen in der Branche. Der Umgang mit automatisierten Geräten, deren Programmierung und Wartung schafft zusätzliche Aufgaben. Aus Sicht von protec könnte dies dazu beitragen, die Arbeit im Reinigungsbereich langfristig attraktiver zu machen.
Die kommenden Monate sollen zeigen, wie gut das Konzept im Alltag funktioniert. Der Roboter wird zunächst in den stark frequentierten Stationen Kröpcke und Aegidientorplatz eingesetzt. Dort wollen die Verantwortlichen genau beobachten, wie sich Bürsti zu unterschiedlichen Tageszeiten verhält, wie zuverlässig die Navigation funktioniert und wie gut der Roboter mit dichtem Fußgängerverkehr zurechtkommt. Auch der tatsächliche Nutzen wird geprüft: Spart der Einsatz Zeit, Energie, Wasser und Reinigungsmittel? Und wie reagieren die Fahrgäste auf den ungewöhnlichen Helfer?
Die Testphase ist auf etwa zwölf Monate angelegt. Je nach Ergebnis könnten weitere Geräte angeschafft und der Einsatz auf zusätzliche Stationen ausgeweitet werden.
Parallel startet ein weiterer Versuch innerhalb der ÜSTRA-Verwaltung. Dort wird ein zweiter Reinigungsroboter im Innenbereich des Verwaltungsgebäudes getestet. Ziel ist es, Erfahrungen bei der automatisierten Reinigung großer Flurflächen und möglicherweise später auch von Büroräumen zu sammeln.
Der neue Kollege mit Bürsten und Sensoren ist damit Teil eines größeren Experiments: Wie viel Automatisierung verträgt der Alltag im öffentlichen Nahverkehr – und wo kann sie den Menschen sinnvoll unterstützen?