Blackout, Bauchweh, Prüfungsangst und kein Bock – viele Kinder empfinden die Schule als puren Stress. Sie haben Angst, sich zu melden, verstummen, wenn sie einen Vortrag vor der Klasse halten sollen, bleiben in den Arbeiten weit unter ihren Möglichkeiten und schmeißen im schlimmsten Fall sogar die Schule. Tatsächlich gab es noch nie so viele Schulabbrecher in Niedersachsen wie heute.
Um dem entgegenzuwirken, gibt es in Hannover ein deutschlandweit einmaliges Projekt: Wie auch in der Berufswelt für Führungskräfte bietet es ausgebildete Coaches für Schülerinnen und Schüler an. Diese begleiten die Jugendlichen durch Prüfungsangst und Stress. Sie helfen bei Überforderung, lösen Motivationsblockaden und trainieren mit ihnen Techniken zur Entscheidungsfindung und zum Lernen. „Wir coachen sie für Vorträge vor der Klasse und ermutigen sie, sich mündlich zu beteiligen“, sagt Projektleiter Maik Remy.
Das Prüfungs- und Auftrittscoaching vom Freiwilligenzentrum und der Rut-und-Klaus-Bahlsen-Stiftung heißt „Du PACst das“, kurz Pac.
„Wir ermöglichen Jugendlichen ein individuelles Coaching – unabhängig von den wirtschaftlichen Verhältnissen“, betont Remy: „Pac begleitet Jugendliche dabei, den komplexer werdenden Schulalltag zu meistern und sicher die richtigen Entscheidungen – etwa in der Berufsorientierung – zu treffen.“
Ganz individuell wird in den Coachings geschaut, was helfen kann. „Das ist sehr komplex: Viele Kinder kommen, weil sie Angst vor Prüfungen haben. Aber bei Angst hilft auch Motivation nicht weiter. Angst blockiert, macht dumm. Mit Angst lernt man nicht“, erklärt Timo Nolle, Erziehungswissenschaftler, Therapeut und Entwickler der Pac-Methode.
Wie sehr die Coachings tatsächlich Selbstbewusstsein geben, erzählt eine Schülerin der IGS Roderbruch. „Als ich im Coaching war, hat sich das sicherer angefühlt, vor allem während der Klausurenphasen“, sagt sie. Besonders geholfen hätten ihr die konkreten Hilfestellungen, die sie erlernt habe, um ihre Angst aktiv zu bekämpfen, erzählt sie und gibt ein Beispiel: „Ich hatte letzte Woche eine Präsentation in Englisch. Eigentlich dachte ich, dass ich Präsentationen schon gut kann. Aber ich hatte dann trotzdem wieder Angst und habe mich vorher noch schnell in eine Ecke vom Klassenraum gestellt und geatmet.“
Hier wird das Besondere an der Pac-Methode deutlich: Denn die Kinder bekommen über die Coaches ein ganzes Tool von Ideen an die Hand. Sie lernen, mehr an sich zu glauben, sich besser vorzubereiten und die Zeitplanung in den Griff zu bekommen. Sie erhalten Lerntechniken und Tricks, wie sie mit Stress oder Misserfolgen umgehen. Atemübungen oder die Klopfmethode, bei der man Akupressurpunkte zur Stressbewältigung abklopft, sind solche Hilfen. Nolles Pac-Coaching beruht auf drei Standbeinen. „Wir zeigen den Kindern, wie sie systematischer lernen und die Inhalte verstehen können, statt nur auswendig zu pauken. Die Kinder sollen mit Kompetenz in die Prüfung gehen. Das wirkt beruhigend und stärkt das Selbstbewusstsein“, sagt Timo Nolle.
Das zweite Standbein widmet sich dem mentalen Training. „Die Kinder lernen, sich mit der Herausforderung auseinanderzusetzen. Sie lernen, eine Vorstellung von Erfolg zu entwickeln, trainieren aber auch Atemtechniken, Methoden der Selbstberuhigung, Gelassenheit und Visualisierung.“
Die dritte Ebene ist die Motivation. „Damit ist kein plattes ‚Tschakka, Du schaffst das‘ gemeint. Wir arbeiten gezielt mit den Jugendlichen an ihren Ideen. Denn wer eine Idee hat, auf welches Ziel er hinarbeitet, ist anders motiviert“, erklärt Nolle.
Entscheidet sich die Schule, das Pac-System für ihre Schülerschaft anzubieten, kommen die Coaches zu einem Infotag und erzählen von ihrer Arbeit. „Wir bieten Pac seit Oktober an. Die Kinder konnten sich nach der Infoveranstaltung direkt bei den Coaches melden – auch ohne, dass die Lehrkräfte davon erfahren“, sagt Sandra Schmidtpott, kommissarische Schulleiterin der Elsa-Brändström-Schule.
„Das Programm ist füralle da – sowohl für leistungsschwache, als auch für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler“, betont die Schulleiterin. „Auch Kinder im hohen Leistungsspektrum können Schwierigkeiten haben – zum Beispiel, wenn sie zu perfektionistisch sind oder ihrem eigenen Leistungsanspruch nicht gerecht werden.“
Das Freiwilligenzentrum bietet das Programm ab Klasse acht an. Die anbietenden Schulen müssen nur die Organisation übernehmen. Bei Interesse können sie sich im Freiwilligenzentrum bei Maik Remy melden. Für die teilnehmenden Kinder und Jugendlichen ist das Coaching kostenlos. Sie können selbst entscheiden, wie oft sie es nutzen. Die Finanzierung übernimmt die Rut-und-Klaus-Bahlsen-Stiftung.
„Zu viele Kinder leiden in ihrer Schulzeit oder beenden die Schule ohne Abschluss. Wir wollen ihnen helfen, damit sie eine Zukunft haben“, begründet Sabine Schopp von der Stiftung diese Unterstützung.