Ausgetanzt?
Der bundesweite Trend des Clubsterbens trifft
auch Hannover. Es geht um Geld, Verdrängung und
fehlendes Partypublikum. Doch hoffnungslos ist die Lage nicht.

Nachtleben in Not:Hannovers Clubszeneschlägt Alarm.Symbobild: SophiaKembowski/dpa
Hannover. Mit seiner Antwort zögert Martin Polomka keine Sekunde. Würde er einem jungen Menschen raten, heute einen Club zu eröffnen? „Nein“, sagt er. „Das ist ein Selbstmordkommando.“ Ihm selbst gehe es gut, betont er, sein Geschäft laufe auch dank Agenturevents stabil. Doch für Neueinsteiger habe sich die Lage verändert. „Das ist keine Branche mit Zukunft“, sagt Polomka, Betreiber des „PaloPalo“, des „RP5″ und der „Baggi“ am Raschplatz. „Dann geh lieber ins Casino und setz auf Rot oder Schwarz.“

Seit Jahren ist in Deutschland vom Clubsterben die Rede. Ende 2024 warnte der Interessenverband Clubcommission: Rund der Hälfte der Berliner Clubs droht die Schließung. In Niedersachsen sank die Zahl der Diskotheken laut Statistischem Landesamt in den vergangenen zehn Jahren von 229 auf 148.

Soweit die abstrakten Statistiken. Doch dahinter stecken teils Abschiede für immer. In Hannover schloss der Technoclub „Pan“, einst als „Men’s Factory“ zunächst ein Treffpunkt für schwule Partygänger, Ende Oktober endgültig. Der Grund: benachbarte Neubauten am Engelbosteler Damm. Zuvor verschwanden bereits das „200Ponies“, das „Agostea“ und der „Funpark“. Etablierte Clubs wie die „Baggi“ am Raschplatz oder das „Nate“ in der Goseriede haben ihr Konzept geändert und öffnen nur noch für Events. Die ehemalige „Rockhouse“-Diskothek am Hauptbahnhof wurde zu Escape Rooms umfunktioniert.

„Die Zahlen sind beängstigend“, sagt Polomka. Überrascht ist er vom Negativtrend allerdings nicht. Feiern sei eben ein Luxus geworden, den sich immer weniger Menschen leisten. Steigende Energiekosten, höhere Löhne und Nebenkosten treffen auf Gäste mit schmaleren Budgets. „Eigentlich müssten wir alle Preise senken, aber das ist wirtschaftlich nicht machbar“, erklärt Polomka.

Hinzu kommt ein verändertes Ausgehverhalten, das fast alle Beteiligten beobachten. Studien zeigen, dass junge Menschen zwischen 18 und 27 seltener feiern gehen und weniger Alkohol trinken. Soziologen führen das auf verschiedene Faktoren zurück wie Konkurrenz durch soziale Medien oder wachsendes Gesundheitsbewusstsein. Ist eine ganze Generation partymüde?

Mara Lukes vom „Café Glocksee“ und Gunnar Gessner vom „Musikzentrum“ gehen dieser Frage nach. Beide arbeiten am Nachtkulturnachwuchsprojekt „Enter the Night“. In Workshops entwickeln 16- bis 21-Jährige dort Partys nach ihren Vorstellungen.

Gessner hält die These, dass junge Menschen weniger feiern, für zu simpel. „Ein großer Faktor ist, dass Deutschland älter wird. Die Jahrgänge, die ausgehen, sind kleiner als früher“, sagt er. Lukes sagt: Junge Menschen wollen feiern, aber anders. „Man merkt, dass gerade Jüngere an der Bar eher Softdrinks oder Wasser bestellen“, sagt sie. Bewusster Konsum sei keine Ausnahme mehr. Auch die Sensibilität für Übergriffe und Fehlverhalten im Nachtleben sei gestiegen.

Zudem fehle vielen die Einführung in die Clubkultur. „Die 18- bis 22-Jährigen von heute haben diese Phase verpasst“, erklärt Lukes. Das führe zu weniger Identifikation mit Clubs, weniger Club-Hopping und einer gezielteren Suche nach Events. „Viele orientieren sich an Social Media und wollen bestimmte, größere DJs sehen.“ Diese seien teuer, und Clubabende würden zum seltenen Luxus.

Auch Polomka beobachtet den Wandel. Früher sei man abends zum Raschplatz gezogen, um spontan zu schauen, wo etwas los war. Heute checken Gäste vorab Instagram, folgen DJs und vergleichen Line-ups. Stammgäste, die jeden Freitag denselben Club besuchen, gebe es kaum noch.

Die Clubszene erkennt zunehmend, dass Zusammenarbeit nötig ist. Nils Donhauser und Kristin Wolter vom Nachtbüro Hannover, der Koordinationsstelle zwischen Stadtverwaltung und Clubszene, spüren das in ihrer Arbeit. „Als wir anfingen, fragten wir die Beteiligten: Was braucht ihr? Der größte Wunsch war bessere Vernetzung – ob Steintor, Raschplatz oder Linden“, sagt Wolter. Daraus entstand der Nachtrat, ein Gremium aus 23 Aktiven des Nachtlebens. Einen solchen Nachtrat wie in Hannover gibt es sonst nur in Stuttgart und Mannheim.

Eine zentrale Frage in der politischen Debatte: Was ist ein Club? Ein Kulturort? Ein soziokultureller Raum für Begegnung und Integration? Oder eine privatwirtschaftliche Vergnügungsstätte? In Hannover gilt Letzteres. Deshalb unterliegen Clubveranstaltungen der Vergnügungssteuer – eine Seltenheit in Deutschland. Die meisten Städte erheben diese Steuer, die auch Spielhallen und Bordelle betrifft, nicht mehr. Hannovers Clubbetreiber, darunter Polomka, fordern vehement ihre Abschaffung.

„Das Thema ist politisch bekannt und wird diskutiert“, sagt Donhauser. Er beobachtet, dass in der Verwaltung das Bewusstsein für die Bedeutung des Nachtlebens wächst. „Sicherheitspolitik, Integration, Wirtschaft und Tourismus – all das greift im Nachtleben ineinander“, betont er.

Ein weiteres Problem: Clubs werden bei der Stadtplanung oft ignoriert. „Wenn Clubs und Livemusikstätten nicht als Kulturorte in der Bebauungsplanung berücksichtigt werden, oder sich die Art des Baugebietes ändert und dadurch die Immissionsrichtwerte nicht mehr erfüllt werden können, müssen diese Orte schließen“, erklärt Wolter. Sie wünscht sich ein Agent-of-Change-Prinzip: Wer Wohnungen in der Nähe eines Clubs baut, muss für den Schallschutz sorgen, nicht andersherum. Am Beispiel „Pan“ wurde deutlich, wie es ansonsten zu Verdrängung kommt: Neue Wohnungen entstehen, der Club verschwindet.

Leipzig ist hier weiter. Seit 2022 führt die Stadt Clubs und Livemusikstätten in einem Kulturkataster. Das soll sie schützen und Konflikte bei Bauvorhaben verhindern. „Wir brauchen ein Umdenken zur 24-Stunden-Stadt“, sagt Wolter. „Das Leben hört nicht auf, wenn es dunkel wird.“

Was verliert eine Stadt, wenn ihre Clubs verschwinden? Polomka hat eine klare Antwort: „Das soziale Miteinander.“ Nachtleben sei mehr als Alkohol und Bass. Es bedeute Begegnung, Reibung, Zufall. Zudem seien Clubs wichtige Arbeitgeber für Studierende und Minijobber. Auch Hotels, Kioske und der Tourismus profitieren.

Gessner erinnert sich außerdem an einen Schlüsselmoment während der Corona-Pandemie. „Irgendwann hat die Politik gebettelt, dass wir wieder öffnen“, erzählt er lächelnd. „Weil die Leute draußen gefeiert und alle genervt haben.“ Clubs böten Kontrolle, einen Rahmen, und wirkten dem Unsicherheitsgefühl entgegen, das viele in der Nacht empfinden.

Während viele Clubs um ihr Überleben kämpfen, öffnen immer seltener neue – und wenn, sind sie nicht lange da. In der Nordstadt versucht die Crew des ehemaligen „Pan“ den legendären Technoclub Weidendamm als „Club WDM“ zurückzubringen. Betreiber David Heuer will den Nachtbetrieb durch Tagesangebote wie Kultur- und Freizeitveranstaltungen querfinanzieren.

Womöglich stirbt die klassische Diskothek irgendwann aus. Doch es gibt immer noch Menschen, die ihr Glück als Clubbetreiber versuchen – auch wenn es ein Spiel mit hohem Risiko bleibt.

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