Dreifacher Olympia-Teilnehmer, Team-Bronze bei den Spielen in Tokio, dreimal WM-Bronze mit der Mannschaft, Team-Europameister 2018, vierfacher Meister – der Hannoveraner Igor Wandtke blickt auf eine große Karriere als Judoka zurück. Mit seiner internationalen Laufbahn ist es jedoch vorbei. Aber nur, weil der Deutsche Judo-Bund (DJB) dafür gesorgt hat. „Mein größter Wunsch war immer, selbstbestimmt zu entscheiden, zu gehen“, sagt der 35-Jährige. „Das wurde mir genommen.“
Wurde ihm seine Meinungsstärke zum Verhängnis? 2021 wurde er zum Athletensprecher des DJB gewählt. Als Teil des Präsidiums beaufsichtigte er unter anderem die Vorstände. Eine verantwortungsvolle Rolle, für die er im Herbst 2024 wiedergewählt wurde.
Damit ist es jetzt vorbei. Wandtke zog nach langem Abwägen die Reißleine und erklärte in einem zweiseitigen Schreiben, das dieser Redaktion vorliegt, seinen sofortigen Rücktritt als Athletensprecher im DJB-Präsidium. Er könne sein Amt „unter den bestehenden Rahmenbedingungen nicht länger im Einklang mit meinen persönlichen Werten sowie meinem Verständnis von Integrität und verantwortungsvoller Interessenvertretung ausüben“.
Im September 2025 wurde Wandtke „ohne vorherige Kommunikation“ mitgeteilt, „dass ich zu keinen weiteren Maßnahmen der Nationalmannschaft eingeladen werde“. Erst auf Nachfrage habe er die „Information erhalten, dass meine Zeit in der Nationalmannschaft beendet ist. Gleichzeitig wurde ich aufgefordert, meinen Platz in der Sportfördergruppe bei der Bundeswehr eigenständig zum Jahresende zu kündigen, obwohl im Jahresplanungsgespräch im März 2025 – auch auf Wunsch des Verbandes – eine Verlängerung ohne Leistungsnachweispflicht bis Oktober 2026 vereinbart worden war“, schreibt Wandtke.
Tatsächlich gab es Anlass, seine sportlichen Leistungen im Jahr 2025 kritisch zu sehen. Obwohl der gebürtige Lübecker auch jetzt noch der beste deutsche Kämpfer in der Klasse bis 73 Kilo ist, hat er im vergangenen Jahr nur sehr wenig gekämpft und den Fokus wie vorgegeben aufs Training gelegt. Entsprechend sind Einzelerfolge ausgeblieben, allerdings bei fast allen männlichen Athleten der Nationalmannschaft. „Es stellt sich die Frage, wieso mich diese Entscheidung als Einzigen trifft und warum nicht früher mit mir dazu kommuniziert wurde. Mir auch die Leistungsnachweispflicht nicht wie anderen mitgeteilt und mir die Möglichkeit gegeben wurde, diese dann noch zu erbringen“, klagt Wandtke im Gespräch mit dieser Redaktion.
Ist er dem DJB zu unbequem geworden? Seit seiner Wahl zum Athletensprecher deckt er kraft seines Amtes intern kritisch strukturelle Missstände sowie individuelles oder kollektives Fehlverhalten auf. Immer wieder sei er jedoch auf Gegenwehr gestoßen, fehlende Einsicht und – selbst bei Übereinstimmung in manchen Punkten – auf ausbleibende Konsequenzen. Außerdem fühlte er sich in seinen Kompetenzen beschnitten.„Trotz dieser Erfahrungen“ und dem erzwungenen Ende seiner internationalen Karriere „war ich weiterhin bereit, mich für die Interessen der Athletinnen und Athleten einzusetzen und Verbesserungen zu initiieren, damit andere nicht in vergleichbare Situationen geraten“ wie er selbst, schreibt Wandtke. Die jüngsten Entwicklungen führten jedoch dazu, dass sich Kollegen „aufgrund sportpolitischer Rahmenbedingungen gegen eine Fortführung ihrer aktiven Karriere entscheiden oder faktisch aus dem System gedrängt werden“. An seinem eigenen Beispiel habe er erfahren, „welche Auswirkungen mein Verhalten als Athletenvertreter auf meine aktive Karriere im Leistungssport haben kann“. Der Judoka bringt es auf den Punkt: „Ich war ein Betriebsrat ohne Kündigungsschutz.“
Er könne den anderen Judoka „nur eingeschränkt empfehlen, dieses Amt zu übernehmen, sofern sie beabsichtigen, ihre Rolle unabhängig, kritisch und mit der notwendigen Offenheit wahrzunehmen“.
Der DJB nahm den Wandtke-Schritt „mit großem Bedauern“ zur Kenntnis und bedankte sich. Wandtke habe sich „mit hoher fachlicher Kompetenz, klarer Haltung und großem persönlichem Engagement für unseren Verband sowie für die Belange unserer Athletinnen und Athleten eingesetzt“. Die von Wandtke „kritisch angesprochenen Themen und strukturellen Fragestellungen zu den Leistungssportstrukturen haben wir aufgenommen und werden diese weiterverfolgen“, versprach Präsident Thomas Schynol.
Selbst wenn es dazu kommt – Wandtkes Karriere nützt es nichts mehr. Zwar trainiert er noch fast täglich am Olympiastützpunkt. In der Bundesliga kämpft er weiter für Remscheid. „Meine internationale Karriere ist jedoch zwangsläufig beendet.“ Auch die Chance auf einen Abschlusswettbewerb sei ihm verwehrt worden. „Ich wurde vom Verband wie ein Straßenhund mit Füßen getreten. Unwürdiger kann man mit einem Athleten kaum umgehen, als das, was der Verband gerade zu verantworten hat.“