Die Küchenarbeit ist Mareks Traum
Dem 16-Jährigen mit Down-Syndrom steht bisher direkt nach der Schulzeit aber
eigentlich nur die Werkstatt für Behinderte offen – trotz des Rechts auf Inklusion.
Seine Eltern und weitere Familien kämpfen für einen anderen Weg.

In seiner Freizeit spielt Marek Möhle Schlagzeug und Fußball: Arbeiten will der 16-Jährige mit Down-Syndrom in einemGastronomiebetrieb.Foto: Christian Behrens
Hannover. Marek Möhle hat Pläne. Der 16-Jährige will Koch werden. „In der Küche essen machen“, erklärt der Jugendliche. Damit hat er sein Ziel womöglich zu hoch gesteckt. Marek ist mit Down-Syndrom geboren, seine geistigen Fähigkeiten sind begrenzter als die vieler anderer Menschen.

Das ist seinen Eltern bewusst, sie neigen nicht zu Illusionen. Was Ina und Matthias Möhle sich aber wünschen: Dass Marek sich weiterhin in einem normalen Umfeld entwickeln kann. Auch im Arbeitsleben. Bisher ist das für Menschen mit einer geistigen Behinderung jedoch kaum möglich, trotz des Rechts auf Inklusion.

Die Möhles haben seit Mareks Geburt dafür gekämpft, dass er ein Leben auch mit Nichtbehinderten führen kann. Weil ihr älterer Sohn Jannis in eine städtische Kita ging, setzten sie durch, dass auch Marek dorthin kam. Für ihn entstand der erste integrative Platz in einer städtischen Krabbelgruppe. „Unser Leben war sowieso schon etwas mühseliger. Es hat unseren Alltag sehr erleichtert, beide Kinder in der gleichen Kita zu haben“, erinnert sich Ina Möhle.

Grundschule, Gesamtschule: Immer hatte Marek andere Schüler mit und ohne Behinderung um sich. Das endete mit der zehnten Klasse. Die verbleibenden zwei Jahre Schulpflicht verbringen Menschen mit geistiger Einschränkung meist in einer Förderschule. Oder sie gehen dazu wie Marek ein Jahr Vollzeit an eine Berufsschule. Dort lernt der 16-Jährige bereits praktisch in der Schulküche, im Garten und in der Kantine. Neulich hat er selbstgemachtes Spritzgebäck mit nach Hause gebracht. Der Jugendliche kocht Kaffee im Schulkiosk, schneidet Gemüse, hilft beim Kochen, deckt ein und spült ab. Im Sommer endet seine Schulzeit. Deshalb drängt die Zeit.

„Wir wünschen uns danach für Marek einen inklusiven Weg in den Beruf“, sagt Matthias Möhle. Doch das ist aktuell nicht vorgesehen. Es gibt zwar Unterstützung für die Integration von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt. Über das sogenannte „Budget für Arbeit“ erhalten Arbeitgeber einen Lohnkostenzuschuss, außerdem werden die Kosten für Anleitung und Begleitung bei der Arbeit finanziert.

Doch Voraussetzung dafür ist eine 27 Monate lange Berufsvorbereitung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Mareks Eltern und auch andere Familien befürchten, dass ihre Kinder dort in eine „Parallelwelt“ geraten und womöglich bleiben.

„Gefühlt geht es einen Schritt zurück. Unsere Kinder haben alle in der Schulzeit Praktika gemacht, in Hotel, Kita, Kantine, Gartenbau oder Einzelhandel. Wir wollen Wahlmöglichkeiten für sie“, sagt Marten Bielefeld. Auch für seinen Sohn Johann endet im Sommer die Schulpflicht. „Eine klassische Ausbildung werden unsere Kinder in der Regel nicht schaffen“, sagt Barbara Wierse, die sich mit ihrem Sohn Ingmar in ähnlicher Lage befindet.

Die Eltern kennen sich über den Verein Down-Syndrom Hannover, gemeinsam setzen sie sich auf politischer Ebene für eine inklusive Berufsvorbereitung ein. Auch wenn die Bundesgesetze dies bisher nicht vorsehen.

Aktuell läuft noch ein dreijähriges Modellprojekt der Region Hannover, das jungen Menschen mit Down-Syndrom einen direkteren Weg in einen Betrieb eröffnet. Seit August 2023 starten jährlich drei Teilnehmer an der BBS 2 in ein Vorbereitungsjahr. An drei Tagen in der Woche arbeiten sie in einem Praktikumsbetrieb, zwei Tage lernen sie an der Berufseinstiegsschule der BBS. Im Sommer endet der dritte Jahrgang.

Die Region bewertet das Projekt als Erfolg. Aus den beiden ersten Jahrgängen wurden je zwei von drei Teilnehmern von den Betrieben in eine reguläre Anstellung übernommen. Sie arbeiten im Einzelhandel und an einer Schule. „Unser Projekt zeigt, was möglich ist, wenn junge Menschen die für sie richtige Unterstützung bekommen“, sagt Andrea Hanke, Regionsdezernentin für Soziales.

Beim Land setzt die Region sich dafür ein, aus dem Modellprojekt ein Regelangebot zu machen. Das Sozialministerium hat jetzt einer Verlängerung um ein Jahr zugestimmt. Niedersachsen will außerdem Erkenntnisse aus dem Projekt in die Reform des Bundesgesetzes zur beruflichen Bildung einbringen.

Den Eltern vom Verein Down-Syndrom Hannover reicht das nicht. „Wir wollen eine umfassende Regelung, damit nicht jedes Jahr wieder neu einzelne Eltern für ihre Kinder eine Lösung erkämpfen müssen“, betont Wierse. Mit ihren Mitstreitern wünscht sie sich eine generelle Verbesserung für junge Menschen mit geistiger Behinderung, eine Lösung, die sich nicht auf Jugendliche mit Down-Syndrom beschränkt. „Es geht um junge, motivierte Menschen, die gerne in einer Spülküche arbeiten oder Regale auffüllen“, sagt Bielefeld.

Marek wird im Frühjahr zum dritten Mal als Praktikant in der Rathauskantine arbeiten. Dort hat es ihm gut gefallen. Sein Vater Matthias Möhle hofft, dass später ein Einstieg in die Gastronomie gelingt. „Vielleicht entscheidet Marek eines Tages, dass ihm das doch zu viel wird. Aber diese Möglichkeit wollen wir ihm eröffnen.“

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