„Es ist ein Paradies“
Seit mehr als 40 Jahren gibt es die Grasdachsiedlung in Hannover-Bothfeld: Auf den Spuren von Architektur und
Bullerbü-Kindheit, Gemeinschaftssinn und Zukunftsvisionen

Das Haus im Haus: Auch Brigitte Meyer-Grube und ihr Mann Thomas Grube haben einen Wintergarten als Eingang.Foto: Nancy Heusel

Brigitte Meyer-Grube hat viele Worte, wenn sie versucht, ihr Zuhause zu beschreiben. „Unser Klein-Gallien“ nennt sie die Siedlung mit 80 dicht gedrängten Häusern in Bothfeld. „Mein Dorf in der Stadt“ oder auch „die grüne Oase“. Wobei man für das Grün an einem regnerischen Februarnachmittag etwas Fantasie braucht.

Der mächtige Walnussbaum im Garten ist kahl, an das Glas des Wintergartens plätschern die Regentropfen, die Grashalme und Pflanzen auf den Dächern sind braun. Doch sie sind das Markenzeichen der Grasdachsiedlung, die Mitte der 1980er-Jahre als ökologisches Pionierprojekt entstand. „Das war hier ein Kornfeld“, erinnert sich Thomas Grube (73), der wie alle Grasdachsiedler selbst mit angepackt hat.

Stein, Holz, Glas. Aus diesen Materialien bestehen die Häuser, die mit ihren markanten Grasdächern an die Hobbit-Filme des Regisseurs Peter Jackson erinnern. „Es war abenteuerlich“, sagt die 63-jährige Krankenschwester, die heute im Sozialdienst arbeitet, über die Bauphase, in der das Paar Fußböden verlegt, Laibungen gemauert und das Haus verbrettert hat. „Ich bin mit jeder Holzleiste per Du.“

Gleich nebenan entstand damals eine adrette „normale“ Reihenhaussiedlung. „Wir waren der Pädagogen-Slum“, erzählt Meyer-Grube von Klischees und Vorurteilen. „Viele haben uns das nicht zugetraut.“ Karin Blüher (88) kann das bestätigen. Die frühere HAZ-Fotografin war 48 Jahre alt, als sie ohne nennenswertes Eigenkapital in das Projekt einstieg. „Ich habe die Ärmel hochgekrempelt und mit der Stichsäge gearbeitet.“ Sie lacht. „Es war alles chaotisch, aber es hat immer irgendwie geklappt.“

Weil man sich in der Bauzeit gegenseitig geholfen und unterstützt hat. Weil die „Selbsthilfelehrer“ mit Rat und Tat zur Seite standen – zu den Gründern der damals größten Ökobausiedlung gehörten die Architekten Hermann Boockhoff und Helmut Rentrop und der damalige Gundlach-Chef Peter Hansen. Dank der immensen Eigenleistung der Beteiligten lagen die Baukosten bei umgerechnet nur 950 Euro pro Quadratmeter.

Entlang der Straße Im Wiesenkampe zweigen die Grasdachhäuser in Zeilenbauweise ab. „Im Sommer sind alle Türen offen, wir sitzen dann auf den Gehwegen“, erzählt Thomas Grube. Im Zittergras stehen die kleineren Häuser – 125 Quadratmeter Wohnfläche, 200 Quadratmeter Garten. „Die Arme-Leute-Gasse“, sagt der frühere Sozialpädagoge mit einem Augenzwinkern. In anderen Ecken der Grasdachsiedlung hätten sich in der Pionierzeit Menschen aus den Bereichen Medien, Schule oder Medizin zusammengefunden. „Es lief viel über Mundpropaganda.“

Was erhoffte man sich damals? „Ein Zuhause für mein Kind“, sagt Karin Blüher offen. Ihre Tochter Caroline besuchte die Waldorfschule am Maschsee, die Grasdachsiedlung entstand als „Leben-Lernen-Arbeiten“-Konzept zusammen mit dem Schulneubau in Bothfeld. „Caroline hatte eine Bullerbü-Kindheit“, sagt die Alleinerziehende im Rückblick.

Seit 42 Jahren lebt Blüher in ihren vier Steinwänden mit dem Grasdach. Die Zeit hat sie in Tausenden Fotos verewigt: Menschen, die gemeinsam Schutt wegschaufeln, um einen Weg zwischen den Häusern anzulegen. Kinder, die auf dem nahegelegenen Anger spielen. Nachbarinnen und Nachbarn, die bei Festen anstoßen. Derzeit sichtet sie das Material. „Es soll ein Buch entstehen“, kündigt sie an.

Es wäre nicht die erste Publikation. Denn Hannovers Grasdachsiedlung erregte schon in den ersten Jahren große Aufmerksamkeit, war Thema in Architekturmagazinen. „Es kamen Heerscharen von Glotzern“, erzählt Thomas Grube amüsiert. „Wir waren sogar Teil einer Stadtführung. Die Leute standen in den Vorgärten, manchmal haben wir uns gefühlt wie Ausstellungsstücke.“

Was dahintersteckt? Die Sehnsucht nach Gemeinschaft, die in dieser Siedlung gelebt wird. „Man kümmert sich“, sagt Brigitte Meyer-Grube, die für das Siloah-Krankenhaus einst die Palliativstation mitaufgebaut hat. Auch in der Siedlung habe sie Weggefährten bis zum Schluss begleitet. „Es ist eine Gemeinschaft, in der man auch für sich sein kann. Aber wenn ich Menschen brauche, muss ich nur vor die Tür gehen.“

Und es gibt Rituale: An der überdachten „Markthallenplatte“ (für das eigentlich geplante „Kommunikationshaus“ fehlte 1984 das Geld) hängen die Jugendlichen ab, hier werden Kinoabende organisiert, Heiligabend um 22 Uhr stimmen die Siedlerinnen und Siedler Lieder an, am Neujahrstag gibt es einen Umtrunk.

Es ist eine Gemeinschaft, die sich in vier Jahrzehnten auch verändert hat. An etlichen Adressen hat die nächste Generation das Haus von den Eltern übernommen, zieht die eigenen Kinder groß. Oder es stoßen Neuankömmlinge dazu. Berit Lüdecke (49) würde sich so gar nicht bezeichnen. „Ich war auf der Waldorfschule, mein Schulweg führte täglich hier durch, viele Klassenkameraden wohnten hier.“ Viele Jahre lebte die Gründungsberaterin nicht in Hannover, zog später in eine große Altbauwohnung in der List. Als Sohn Luk zwei Jahre alt war, mietete sie zusammen mit ihrem Partner Heiko Büttner (51) eines der kleinen Hinterhäuser.

Zwei Zimmer, 75 Quadratmeter. Wenig Platz. „Aber man wohnt ja nicht nur im Haus“, sagt die 49-Jährige, die durchgezählt hat, dass der inzwischen zwölfjährige Luk in der Nachbarschaft 19 Kinder im selben Alter als Spielkameraden hat. „Es ist ein Paradies.“

Vor Weihnachten ist die Familie umgezogen innerhalb der Grasdachsiedlung. „Wir haben lange Ausschau nach etwas Passendem gehalten. Die Häuser sind ja alle komplett unterschiedlich. Und begehrt.“

Zwei Monate Umbauzeit haben sie in das Eigentum im Gieseckeweg investiert. Eine Wand zur Küche haben sie herausgenommen, die Terrakottafliesen aufgearbeitet. Andere Dinge haben sie so gelassen, wie es die Architekten einst geplant hatten: „Die Sichtachse vom Wintergarten-Eingang in unseren Garten steht für die Idee der Offenheit in diesem Viertel.“

Wenn sie im Obergeschoss die Fenster öffnen, breiten sich die Grasdächer der Nachbarschaft wellenförmig bis zum Horizont aus. „Das soll an die Dünen auf Sylt erinnern“, glaubt Lüdecke. Macht das Gründach eigentlich Arbeit? Die 49-Jährige schüttelt den Kopf. Nur gelegentlich müsse man die Wurzeln von Haselnussbäumchen ausbuddeln – Eichhörnchen verstecken gerne ihre Beute in der 45 Zentimeter dicken Erdschicht.

Den Frühling kann man sich hier gut vorstellen, Sommer und Herbst ebenso. Brigitte Meyer-Grube und Thomas Grube haben wie jeden Mittwoch Besuch von Enkel Mika. „Er fühlt sich wie ein Siedlungskind und genießt es. Wenn er mit den anderen Fußball spielt, sind wir hier nur die Versorgungsstation“, sagt seine Großmutter vergnügt.

Das meint die 88-jährige Karin Blüher wohl, wenn man sie nach der Zukunft der Grasdachsiedlung fragt: „Der Geist dieser Gemeinschaft wird weitergegeben.“





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