Die beiden Jugendlichen stehen sich gegenüber. Ihre Arme sind ineinander verkeilt, der jeweils hintere Fuß in den Boden gestemmt. Blitzschnell löst sich der Junge im schwarzen Wrestling-Shirt aus dem Griff. Er rutscht mit dem rechten Knie über den Boden zwischen die Beine seines Gegners, greift ihm von innen um den Oberschenkel – und wirft ihn mit viel Kraft auf die Weichbodenmatte. Der Kämpfer steht auf, klatscht sich mit beiden Händen ins Gesicht und jubelt. Er ist im Modus.
Der Junge im schwarzen Wrestling-Shirt ist Selim Haýdarov. Der 13-jährige Ringer aus Rethen gilt als eines der größten Talente des Landes. Er kämpft bereits seit über fünf Jahren beim Ringerverein Hannover und beim Institut für Kampfsport Sambo 07. Vier Jahre in Folge gewann er die Landesmeisterschaft. Nun macht er auch auf internationaler Bühne auf sich aufmerksam.
Haýdarov kam 2017 im Alter von sechs Jahren mit seinen Eltern aus Turkmenistan nach Deutschland. „Wir sind Spätaussiedler“, sagt Mutter Natalia. Drei Jahre später fasste er den Entschluss, mit dem Ringen anzufangen. Seitdem trainiert er mindestens fünfmal die Woche. Mittlerweile ist er sogar schon in die Trainingsgruppe der Männer aufgerutscht – und kann mithalten. „Seine Leistungen sind super. Er ist ein guter Ringer, aber er braucht noch Zeit und mehr Erfahrung“, sagt Männer-Trainer Ahmad Khalife. Wenn er nicht beim Training in der Halle ist, geht Haýdarov laufen, schwimmen oder spazieren. Immer unterstützt von seinem Vater Dovran, der auch bei dieser Trainingseinheit auf der Bank sitzt. Haýdarov und die anderen 29 Männer und Jugendlichen zeigen schon beim Aufwärmen, dass in ihnen mehr steckt als reine Kraftpakete. Sie springen per Flugrolle durch die Halle und bewegen sich aus einem Spagat über eine Rückwärtsrolle in einen Kopfstand. Und auch in den Technikübungen wird klar: Haýdarov ist enorm dynamisch und schnellkräftig.
Für seine Karriere hat Haýdarov große Ziele. Im nächsten Jahr kann er schon um die Deutsche Meisterschaft kämpfen, denn ab seinem 14. Geburtstag wollen ihn seine Trainer in die Regionalligamannschaft des RV Hannover beordern. „Wir dürfen einen 14-jährigen Kämpfer stellen und Selim ist ein fleißiger Junge“, sagt Jugend-Trainer Massud Khesrwa. „Ich bin mir sicher, dass er das schafft.“ Ende 2025 trat er zum ersten Mal auf internationaler Bühne in Polen an und erkämpfte sich den zweiten Platz. Die insgesamt 1400 Kilometer fuhr er mit seinem Vater.
„Mein Ziel ist es, Deutscher Meister zu werden, um dann noch mehr zu trainieren und bis auf Europas Bühnen zu kommen“, sagt Haýdarov. „Ich will bis nach Olympia.“ Auf dem Weg dahin beherrscht Haýdarov beide Ring-Stile. Sowohl Freistil als auch griechisch-römisch. Beim Freistil dürfen die Beine attackiert werden, im griechisch-römischen Stil wird nur mit dem Oberkörper gekämpft. „Er ringt beides sehr erfolgreich“, sagt Khesrwa.
Im Training kämpft Haýdarov aber vor allem im Freistil. Sein Trainer ist bemüht, seine Technik zu verbessern. „Falsche Richtung, Selim“, ruft Khalife und eilt zu den beiden Ringern. Er positioniert sich vor dem 13-Jährigen und macht langsam vor, wie der Griff beim Schulterwurf funktioniert. Dann zeigt er es mehrfach in voller Geschwindigkeit. Haýdarov übt den Wurf erneut an seinem Sparringspartner. Es klappt auf Anhieb. „Jetzt hast du es verstanden, sehr gut“, freut sich sein Trainer. Neben der Schule richtet Haýdarov alles auf sein Training aus. Andere Hobbys hat er nicht. „Ringen ist kein Hobby, Ringen ist mein Leben“, sagt er.