Zwischen Kriegsgrauen
und Sommeridylle
Neuer Dokumentarfilm zeigt Astrid Lindgrens Blick auf den Krieg – mit Musik aus Hannover

Astrid-Lindgren-Filmvon Wilfried Hauke:Der Kieler Filmemacher hat sich in die Kriegs-tagebücher von Astrid Lindgren hineingewühlt, mit ihrer Tochter Karin Nyman und anderenZeitzeugen gesprochen und den Dokumentarfilm „Die Menschheit hatden Verstand verloren“ gedreht. In Schweden lief er im Dezember schon m Fernsehen, in dendeutschen Kinos startete er am 21. Januar.Foto: Björn Schaller
Hannover. Der hannoversche Komponist George Kochbeck hat die Musik zu einem besonderen Kinodokumentarfilm geschrieben: „Die Menschheit hat den Verstand verloren“ heißt der Film über Astrid Lindgrens Kriegstagebücher aus den Jahren 1939 bis 1945. Dabei spiegelt auch Kochbecks Musik die Zerrissenheit zwischen Kriegsgrauen und schwedischer Sommeridylle, zwischen Angst um Tochter Karin und der Erfindung von Pippi Langstrumpf auf besondere Weise auch im Titelsong wider.

Astrid Lindgrens Geschichten kennen viele. Aber ihre Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1945, in denen sie sehr genau Europa im Krieg kommentiert, wurden erst vor wenigen Jahren von der Erbengemeinschaft der schwedischen Schriftstellerin (1907 bis 2002) herausgebracht. Daraus hat Regisseur Wilfried Hauke jetzt einen Dokumentarfilm gemacht. Für die Musik zum Film konnte er den hannoverschen Musiker George Kochbeck gewinnen.

„Wir kennen uns seit 15 Jahren und sind inzwischen gut befreundet. Für Wilfried Hauke habe ich für mehrere Dokumentarfilme die Musik komponiert, unter anderem für seine Filme über Edvard Munch, Christina von Schweden und den Schriftsteller Søren Kierkegaard. Diese Filme liefen bei Arte oder im NDR“, erzählt Kochbeck: „Es ist das erste Mal, dass wir einen Kinofilm zusammen gemacht haben.“

Kochbeck, der mit Kabarettistin Sabine Bulthaup verheiratet ist und nahe Hannover wohnt, hatte in den Achtzigerjahren mit „Help the Man“ einen großen Soulhit. Später hat er sich mehr auf das Komponieren von Filmen konzentriert, unter anderem Musiken für „Tatort“, „Großstadtrevier“ und „Soko Leipzig“.

Die Tagebücher hat Astrid Lindgren während des Zweiten Weltkrieges geschrieben. Sie beginnt am 1. September 1939 mit den Worten „Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.“ Lindgren, die zunächst als Sekretärin in einem Automobilclub arbeitete, bekam 1940 einen neuen Job, in dem sie im Auftrag des schwedischen Nachrichtendienstes deutsche Briefe las. Durch diesen Job erhielt sie noch tiefere Einblicke in das Kriegsgeschehen: „Die Menschheit hat komplett den Verstand verloren“, kommentiert sie das Kriegsgeschehen in Europa.

„Die Tagebücher haben für mich eine große Aktualität“, sagt Kochbeck: „So wie sie in Schweden den Krieg in Europa teilweise fassungslos oder wütend beobachtet hat, so hören wir heute unfassbar grausame Nachrichten aus aller Welt, zum Beispiel aus den USA oder der Ukraine“, sagt Kochbeck.

Es war aber auch die Zeit, als Astrid Lindgren ihre Pippi-Langstrumpf-Geschichten erfand, zunächst nur, um ihre erkrankte Tochter Karin abzulenken. Den fröhlichen Namen Pippi Langstrumpf steuerte übrigens Karin trotz hohem Fieber selbst bei. Die heute 90-Jährige kommt in dem Film übrigens als Zeitzeugin selbst zu Wort. „Vielleicht hatte sie das Gefühl, dass Pippi gebraucht wurde als Gegengewicht zu Hitler und Stalin“, sagt Lindgrens Tochter Karin Nyman .

Mit Lindgrens Tagebüchern hat sich George Kochbeck intensiv beschäftigt: „In meiner Musik spiegle ich die Ambivalenz wider, in der sich Astrid Lindgren befand – auf der einen Seite las sie von den Grauen des Krieges, andererseits lebte sie recht bürgerlich in schwedischer Sommeridylle“, so Kochbeck: „Das habe ich versucht, mit meiner Musik auszudrücken: Sie changiert zwischen Romantik und Traurigkeit.“ Was ihn besonders gefreut hat: Sein Budget war für den Kinofilm größer als für einen TV-Film. „Ich konnte Musiker engagieren – die Streicher sind alle echt. Das hat gleich eine andere Atmosphäre.“

Den Titelsong „The Golden Light“ singt Kochbecks und Bulthaups Tochter Ennie mit eindringlicher, ruhiger Stimme. Der Film „Astrid Lindgren – die Menschheit hat den Verstand verloren“ wird im Kino am Raschplatz gezeigt.

Für George Kochbeck geht es musikalisch schon weiter: Zurzeit bereitet er ein großes, dreistündiges Konzert in der Stadtkirche Bückeburg vor. Mit 6 Solosängern, 20 Streichern und einer Band lädt er zum Valentinstag am 14. Februar zu dem Beatles-Konzert „All you need is Love“. 30 Songs bringt er in neuen Arrangements auf die Bühne, die Moderation übernimmt Radiomann und Podcaster Tom Petersen.

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