Mitte April ist auch für ihn und Charlotte Kaufholz (28), Leon Landmesser (28) und Leona Wiedermann (25) Schluss: Sie müssen raus aus der gemütlichen Altbau-Wohnung mit 145 Quadratmetern und der günstigen Warmmiete von 1400 Euro im Monat. Doch der Auszug soll nicht das letzte Kapitel ihrer WG-Geschichte sein.
Das Quartett sucht eine Wohnung. Vier bis fünf Zimmer. In Linden, Nordstadt oder Calenberger Neustadt. „Es ist eine Challenge“, weiß Eric, der sich auch auf eine deutlich höhere Miete einstellt. Der Markt sei knapp, die Nachfrage riesig.
Doch das Quartett ist bereit, alle Register zu ziehen. Sie haben eine Bewerbermappe beim Internetportal immobilienscout 24 ausgefüllt („inklusive Bonitätsauskunft“), sie haben Anzeigen in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und Neuen Presse geschaltet. Und in den drei Stadtvierteln, von denen sie träumen, Zettel an Laternenmasten geklebt.
„Wir brauchen Euer Vitamin B!“ steht darauf. Weil gute Wohnungen meist unter der Hand weggingen, hoffen sie auf einen Tipp an die Mailadresse leon.landmesser@gmail.com. Und versprechen: Wer eine neue Unterkunft vermittelt, darf sich auf ein Drei-Gänge-Menü mit Weinbegleitung freuen.
Serviert wird Seelenessen: „Ich habe einige Jahre im Lokal ‚Soulkitchen‘ am Lichtenbergplatz in der Küche mitgeholfen“, erklärt Leon bescheiden. Auch Mitbewohner Eric sei ein „Akrobat der gehobenen Küche“. Öffnet man einen der zwei großen WG-Kühlschränke, trifft man auf gesunde Kost: Brokkoli, Paprika, Frühlingszwiebeln. „Wir kochen oft gemeinsam“, sagt Charlotte.
Gemeinsam. Es ist ein Wort, das oft fällt, wenn man sich mit den vier jungen Erwachsenen über ihr WG-Leben unterhält. Da ist die Rede von gemeinsamen Hobbys wie Bouldern in der Kletterhalle. Filmabenden, an denen in einem Zimmer Kissenberge zusammengetragen werden, damit alle Platz finden. Freundeskreisen, die sich im Lauf der Jahre immer mehr überschnitten haben.
Eric ist vor acht Jahren in eine bereits bestehende WG eingezogen. Über die Jahre hat er immer neue Studierende dazugeholt. Er ist auch geblieben, als er sein Produktdesign-Studium beendet hatte. An einer Pinnwand in der Küche hängen Schnappschüsse und Polaroids von wechselnden Quartetten mit ihm als Konstante. „Die Konstellationen sind immer besser geworden“, die aktuelle Mischung findet der 32-Jährige perfekt. Das soll nicht enden: „Ich will nicht alleine wohnen, das hier fühlt sich an wie eine kleine Familie.“
Wie lange „darf“ man in einer WG wohnen? Leon erzählt, dass seine Familie angenommen habe, dass mit dem Ende des aktuellen Mietverhältnisses „diese Zeit endet“. Doch der 28-Jährige, der den Studiengang Soziale Arbeit mit einem Bachelor abgeschlossen hat und momentan seine Masterarbeit im Bereich Bildungswissenschaften schreibt, sieht das anders. „Für mich wäre das eine Entwurzelung.“
In den Augen vieler Menschen ist die WG ein Lebensmodell auf Zeit. Mit Streit über den Putzplan, Prüfungsstress an der Uni und durchgefeierten Studi-Nächten. Ein Lebensmodell, das oft mit dem ersten Arbeitsvertrag oder dem Partner fürs Leben abgehakt ist. Oder eben nicht.
Charlotte ist fertig mit ihrem Sonderpädagogik-Studium, demnächst startet ihr Referendariat an einer Schule in Peine. Dass sie an den neuen Arbeitsort pendeln will, sei „glasklar“ gewesen: „Ich will mein soziales Umfeld nicht verlieren.“ Dass sie mit den Menschen zusammenbleiben will, mit denen sie seit einigen Jahren die Wohnung teilt, ebenso. Trotz Job, trotz Beziehung.
Die Wurzel für dieses Gefühl sieht sie in der Corona-Zeit: „Ich habe damals zwar in einer WG gewohnt, fühlte mich aber sehr alleine.“ Damals habe sie beschlossen, ohne Druck eine neue Gemeinschaft zu suchen. „Ich hatte ein paar Castings“, erzählt die 28-Jährige mit einem Schmunzeln. „200 Bewerbungen für ein Zimmer, das gibt es“, bestätigt Eric. In dem Haus an der Königsworther Straße habe nach einer Vorauswahl der schriftlichen Anfragen die Zwei-Runden-Regel gegolten: „Eine Stunde Biertrinken und Quatschen mit mehreren Bewerbern. Drei Leute haben wir dann für einen ganzen Abend eingeladen. Man merkt, ob der Vibe stimmt.“
Das tut er beim aktuellen Quartett. Und es geht nicht nur um geteilte Miete und Nebenkosten. „Ich will mit Menschen wohnen, mit denen ich auch Zeit teilen will“, betont Leon. Charlotte schätzt die „offene Kommunikation. Wir bemühen uns um Harmonie“, sagt sie mit einem Lächeln. Einkäufe und Aufgaben regeln sie über eine Whatsapp-Gruppe, eine Spülmaschine entschärft WG-typische Konflikte.
Trotzdem ist die Suche nach einer neuen Unterkunft schwierig – denn potenzielle Vermieter würden zurückschrecken, sobald sie hören, dass sich eine WG für eine Immobilie bewirbt. „Wir sind keine partywütigen Chaoten“, betont Leon. Das Stigma sei aber ein Problem. „Wir kämpfen gegen Klischees.“
Bei Terminen mit Vermietern wurden sie mit sehr konkreten Anforderungen konfrontiert: „Nichtraucher, keine Haustiere, Einhaltung der Nachtruhe.“ Die 28-Jährige muss schmunzeln: „Zu diesen Leuten gehören wir inzwischen auch.“ Leon bestätigt das: „Wir haben ein seriöses Image, das muss nur gesehen werden.“
So haben sie sich auch in der Zeitungsannonce beschrieben: „Zuverlässig, am Übergang ins Berufsleben.“ Eric steht bereits mit beiden Beinen drin. Weil er als Produktdesigner keine Stelle fand, ging er „zurück zu den Wurzeln“. Der gelernte Fluggerätemechaniker arbeitet als Fahrradmonteur: „Ich schraube wieder.“
Jüngstes WG-Mitglied ist Leona Wiedermann, die 25-Jährige ist im Masterstudium für Lehramt Deutsch und Spanisch. Eingezogen ist sie erst vor sechs Monaten – im Wissen, dass der Mietvertrag Mitte April endet. „Sie passt zu uns“, sagen die anderen drei. Deshalb suche man mindestens eine Vier-Zimmer-Wohnung. „Aber ein gemeinsames Wohnzimmer wäre das i-Tüpfelchen“, sagt Charlotte mit einer gewissen Sehnsucht in der Stimme.
Die Zeit läuft. Noch zehn Wochen, bis die Umzugskartons gepackt werden müssen. „Spätestens Ende Februar kommen die schlaflosen Nächte wegen der ungewissen Zukunft“, ahnt Leon. Einen Plan B als Unterschlupf haben alle, falls die Traumwohnung nicht rechtzeitig zu finden ist. „Aber ein nahtloser Übergang wäre schön“, findet Charlotte. Weil diese WG mehr als eine Zweckgemeinschaft ist.