„Viele haben das Bedürfnis zu reden“
In ihrer Kundschaft spiegeln sich die Gesichter der Armut: Die Malteser geben
mit ihrem Wärmebus Mahlzeiten an Bedürftige aus – doch es geht dabei nicht allein ums Essen

„Etwaszurückgeben“: Die Medizin-studentin Varia Loos engagiert sich seit sechs Jahren imTeam desMalteserWärmebusses.Foto: TobiasWoelki
Hannover. Es riecht nach Weihnachten. Irgendwie passt der Duft nicht so recht an die Goseriede. Das zugige Areal an der Ruine der Nikolaikapelle kann in der Dunkelheit eines feuchtkalten Januarabends ein ziemlich unwirtlicher Ort sein. Doch der Geruch von Gänsekeule, Rotkohl und Klößen legt eine fast feierliche Stimmung über die Szenerie.

Rund zwei Dutzend Menschen stehen schon Schlange, als das Team des Malteser-Wärmebusses hier seine Tische aufbaut, um Mahlzeiten an Bedürftige auszugeben. An Menschen wie Torsten.

Der 52-Jährige hat in der Corona-Zeit seinen Job verloren, derzeit wohnt er im Kolpinghaus. Wie viele hier findet er keine Wohnung: „Es ist extrem schwer, aus der Obdachlosigkeit herauszukommen“, sagt er. Er habe jetzt eine neue Arbeitsstelle in Aussicht, doch derzeit sei er noch angewiesen auf die kostenlosen Mahlzeiten hier: „Heute ist das Essen ein echter Kracher“, schwärmt er.

Seit 2018 sind die Malteser mit dem Wärmebus unterwegs. Im Wechsel mit der Caritas und den Johannitern geben sie neben warmen Mahlzeiten bei Bedarf auch Schlafsäcke oder Isomatten aus, und sie informieren Menschen in Not über Hilfsangebote.

An jedem Donnerstag machen sie abends an der Goseriede und am Kröpcke Station; heute haben sie 80 Mahlzeiten im Gepäck. „Unser Bulli ist mit Funkgerät und Blaulicht eher für den Katastrophenschutz ausgerüstet“, sagt Charlotte Jarosch von Schweder vom Leitungsteam des Malteser-Wärmebusses, „wir bräuchten eigentlich ein eigenes Fahrzeug, in dem wir die Mahlzeiten gut transportieren können.“

Etwa 25 Ehrenamtliche zwischen 19 und 75 Jahren beteiligen sich bei den Wärmebustouren der Malteser, von Studierenden bis zur Rentnerin. Finanziell wird das Projekt von der Stadt unterstützt, doch es ist auch auf Spenden angewiesen.

An diesem Donnerstag gibt es ein Jubiläum: Heute geben die Malteser die 50.000. Mahlzeit aus – darum gibt es diesmal auch ein Festessen, wie es alle Menschen ab und an einmal genießen können sollten.

„Unsere Kundschaft ist sehr gemischt“, sagt Charlotte Jarosch von Schweder. Neben Obdachlosen oder Drogenabhängigen kämen immer häufiger auch Menschen, deren Einkommen schlicht nicht ausreicht: „Besonders am Ende des Monats, wenn das Geld knapp wird, ist die Nachfrage groß.“

An den Menschen, die hier essen, lässt sich ablesen, wie sich das Gesicht der Armut in Deutschland verändert: „Über die Jahre ist unsere Klientel weiblicher geworden, sie ist jünger geworden – und internationaler, besonders seit Beginn des Ukraine-Krieges“, sagt Jarosch von Schweder.

Man hört viele osteuropäische Sprachfetzen, als die Bewirteten auf Bänken ihre Gänsekeulen essen. Auch deshalb ist Varia Loos eine gefragte Frau: Die Medizinstudentin hat in ihrem Elternhaus auch Russisch gelernt; zahlreiche Stammkunden sprechen sie in der ihnen vertrauten Sprache an.

„Viele haben das Bedürfnis zu reden – und ich höre gerne zu“, sagt die 22-Jährige. Sie hat sich schon viele Geschichten von Alkohol, Drogen und Obdachlosigkeit angehört. „Es gibt aber auch die Erfolgsgeschichten – wenn jemand doch endlich eine Wohnung oder einen Job gefunden hat“, sagt die Studentin.

Sie selbst engagiert sich schon seit sechs Jahren im Wärmebusteam. Als sie anfing, ging sie noch zur Schule. „Ich habe irgendwann realisiert, dass es mir relativ gut geht und ich etwas zurückgeben kann, indem ich anderen helfe“, sagt Varia Loos.

Die Wärmebusse sind für viele auch soziale Kontaktstellen: Beim Essen kommen Bedürftige untereinander ins Gespräch, auch die Ehrenamtlichen reden mit ihnen auf Augenhöhe. „Hier wird nicht nur Essen verteilt, sondern auch Herzenswärme“, sagt Gwendolin von der Osten.

Hannovers Polizeipräsidentin, die an diesem Jubiläumstag selbst Mahlzeiten mit austeilt, sieht in dem Hilfsprojekt auch einen Akt der Prävention: „Kriminalität kann entstehen, wenn Menschen an den Rand gedrängt werden und keine Wertschätzung bekommen“, sagt sie. Anlaufstellen wie der Wärmebus könnten helfen, ein stabiles soziales Umfeld zu schaffen. Auch der Erste Stadtrat Axel von der Ohe lobt die Initiative: „Ein tolles Zeichen der Nächstenliebe“, sagt er.

Das sieht Rainer ganz genauso. „Die meisten, die hier sind, würden sich ihr Essen lieber selber kaufen – das hat auch was mit Würde zu tun“, sagt der 71-Jährige. Doch auch er selbst ist regelmäßig hier: Früher hat er als Handwerker gearbeitet, dann wurde er krank – und heute reicht seine Rente oft nicht aus, um über die Runden zu kommen.

„Die Politik hat es bislang nicht geschafft, eine auskömmliche Mindestrente für alle einzuführen“, kritisiert er, nachdem er aufgegessen hat. Umso wichtiger sei der Einsatz der Ehrenamtlichen an den Wärmebussen, sagt Rainer: „Die Helfer hier haben eine Eins verdient.“

Spenden sind möglich an den Malteser Hilfsdienst e. V., Pax-Bank Gf MHD, unter der IBAN DE29 3706 0120 1201 2092 73, Verwendungszweck: Wärmebus Hannover. Kontakt für Interessierte: waermebus.hannover@ malteser.org.
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