„Im Juli war es Zeit für Beate, in Rente zu gehen”, erklärt Fricke den Moment der Firmengründung. „Beate“, so nennen sie das Windrad, das 24 Jahre in Mehrum Strom produziert hat. Die für Windräder dieser Generation übliche Lebensdauer sei überschritten gewesen, die technischen Neuerungen hätten die Windkraftanlage längst überholt. „Beates Nabenhöhe ist 68 Meter, neue Windräder haben 170 Meter. Auch die Rotorflügel sind heute mehr als doppelt so lang“, zählt der 31-Jährige auf.
Außerdem war „Beate“ im Weg. Denn an ihrem Standort am Mittelkanal will der kanadische Pommes-Produzent McCain eine große Fabrik für Kartoffelprodukte bauen. Das Windrad musste weichen. „Die Leitungen sind aus Kupfer, der Turm aus Stahl – das kann alles recycelt werden“, sagt Fricke. Die Blattwerk-Gründer wollten aber auch den drei je 30 Meter langen Rotorflügeln ein zweites Leben geben.
„Das Hochleistungsmaterial ist unverwüstlich, extrem witterungsfest“, erklärt Berhorst-Mund die Eigenschaften der Faserverbundstoffe in den Rotoren. „Sie sind für immer in Form gegossen“, sagt Ingenieur Fricke fast poetisch.
Das Problem: Der elegante Schwung der Rotorblätter ist charakteristisch. „Ein bisschen Brainstorming“ brachte erste Ideen. „Carports mit der Linie der Oper in Sydney“, daran erinnert sich Kevin Faeseler, der eine Ausbildung zum technischen Modellbauer und ein Industriedesignstudium hinter sich hat. Immerhin: Aus dem Bauteil B007 (der siebte Sägeabschnitt eines „Beate“-Flügels) entstand ein Fahrradunterstand, den das Trio für 3000 Euro anbietet.
„Es gab tolles Feedback. Das zeigt uns, dass wir das Richtige machen“, freut sich Fricke über den Besuch von Hannovers Wirtschafts- und Umweltdezernentin Anja Ritschel in der Werkstatt. Auch die Chefin der Wirtschaftsfördergesellschaft Hannoverimpuls, Doris Petersen, habe die Verbindung aus „Klimaschutz mit wirtschaftlichem Potenzial“ gelobt.
Das Blattwerk-Ziel: „Wir wollen bei jedem Windradflügel nochmal 25 Jahre Nachhaltigkeit draufpacken.“ Der Firmensitz ist in Hannovers Südstadt, die Werkstatt in Hohenhameln auf dem Gelände der Firma E & U, die Energie- und Umweltdienstleistungen anbietet und auch Windkraftanlagen baut. „Hier schließt sich der Kreis“, findet Fricke, der seit zwei Jahren auch Geschäftsführer des Servicebereichs bei E & U ist. Über die Branchenkontakte konnten die drei Start-up-Unternehmer auch die abgewrackten Rotorblätter kaufen.
Blattwerk ist eine Nebenbeschäftigung für alle drei. An den Wochenenden werden die Überreste von „Beate“ verarbeitet – zum Beispiel zu 60 Kilogramm schweren Outdoorliegen (2150 Euro) in verschiedenen Größen, je nach Breite des Rotorblattabschnitts. „Jede Liege hat 200.000 Kilowattstunden Strom produziert. Man liegt quasi auf einem Stück Energiewende“, scherzt Berhorst-Mund, der im Hauptberuf Ingenieur für Steuerungstechnik ist.
13 Tonnen Material hat Windrad „Beate“ geliefert, die drei Rotorblätter wurden in insgesamt 18 Abschnitte gesägt. „Aus einem einzigen Stück können wir sechs Liegen und drei Fahrradunterstände produzieren“, rechnet Faeseler vor. Ideen hat Blattwerk auch für Lampen, Tische, Pflanzkübel, Hochbeete oder Sitzgelegenheiten.
Und wenn „Beate“ restlos verarbeitet ist? „Material ist genug da“, sagt Faeseler trocken. Allein in der Region Hannover gebe es Hunderte Windkraftanlagen. „Die Hälfte ist mehr als 20 Jahre alt. Mit den Rotorenblättern könnten wir bis zur Rente Liegen bauen.“