Die wohltuende Kraft der Kälte
Das Eisbaden, das in Skandinavien eine lange Tradition hat, wird auch in Deutschland immer beliebter.
Unsere Autorin Dorit Behrens hat den winterlichen Gesundheitstrend für sich entdeckt.

Über den Momenthinaus: Wer regelmäßig ins eisige Wassereintaucht, verbessert seinen Schlaf und senkt das Stressempfinden – ein Plus für die Lebens-qualität.Symbolfoto: IMAGO/Cavan Images
Zehn Frauen stehen am Ufer des Badesees, dick eingepackt in Wintermäntel und wärmende Stiefel. Nach einer kurzen Einführung ist es mit der Behaglichkeit jedoch vorbei. Wir tauchen ins 4 Grad Celsius kalte Wasser – mit nichts als Badezeug am Körper und bunten Mützen auf den Köpfen. Als mir das Wasser bis zum Bauch steht, schlägt mein Körper Alarm: Mein Herz klopft heftig, die Oberschenkel kribbeln, ich bekomme Schnappatmung. Am liebsten würde ich umkehren, sofort raus hier – da höre ich die ruhige Stimme der Anleitenden. Wir sollen den Blick in die Weite richten und ein paar tiefe, lange Atemzüge nehmen, dann hätten wir den ersten Schockzustand gleich überwunden. Und tatsächlich: Nur Sekunden später stehe ich im eiskalten See, lächle zufrieden gen Horizont – in mir ein Gefühl großer Ruhe und Klarheit.

Bei extremen Kältereizen wie dem Eisbaden ziehen sich die Blutgefäße schlagartig zusammen. Das Blut aus Armen und Beinen wird ins Körperinnere geleitet, um dort die lebenswichtigen Organe vor dem Auskühlen zu schützen. Anschließend weiten sich die Gefäße wieder: Der gesteigerte Blutfluss versorgt die Zellen mit frischem Sauerstoff, schützt vor Ablagerungen und kann Bluthochdruck vorbeugen. Auch die Schleimhäute, die im Winter oft unter der trockenen Heizungsluft leiden, können wieder besser ihrer Abwehrarbeit gegen Krankheitserreger nachkommen. Mit dem Blut zirkulieren zudem Adrenalin, Noradrenalin und Endorphine – Botenstoffe, die wach machen und Glücksgefühle hervorrufen.

Auf Dauer kann Kälte noch mehr bewirken: Studien zeigen, dass regelmäßiges Eintauchen in kaltes Wasser die oxidative Stressantwort des Körpers abschwächt. Das bedeutet, dass schädliche Einflüsse wie Feinstaub oder UV-Strahlung weniger wirksam sind. Zudem aktiviert Kälte das sogenannte braune Fettgewebe. Dieses wandelt Energie in Wärme um, hilft so, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten und kann schützende Effekte vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entfalten.

Auch die Psyche profitiert von der Kälteexposition. Eine Studie aus 2023 zeigte, dass Teilnehmende nach einem fünfminütigen Kaltwasserbad positiver gestimmt waren – aktiver, wacher und aufmerksamer. Die Zunahme positiver Emotionen korrelierte mit stärkeren Verbindungen zwischen Gehirnnetzwerken für Aufmerksamkeit, Emotion und Selbstregulation, während Nervosität und Stress abnahmen.

Zudem verbessert regelmäßiges Eintauchen den Schlaf sowie die Lebensqualität und senkt das Stressempfindungen messbar – bis zu zwölf Stunden danach. Die Praxis wirkt also weit über die kalten Minuten hinaus und in den Alltag hinein.

Eisbaden ist also deutlich mehr als ein kurzfristiger Kick. Viele Praktizierende erleben es als eine bewusste Übung in Körperwahrnehmung, einen ganzheitlichen Ansatz zur Förderung der Gesundheit und ein achtsames Ausdehnen der eigenen Grenzen.

Als unsere Gruppe das Wasser verlässt, strahlen wir übers ganze Gesicht, mit roten Wangen und leuchtenden Augen. Wir sind durchflutet von Glückseligkeit und frieren kein bisschen. Während wir uns abtrocknen, anziehen und heißen Tee trinken, lernen wir, langsam wieder warm zu werden. Nach einigen Bewegungsübungen verabschieden wir uns – mit dem Ziel, uns in vier Wochen erneut hier zu treffen. Ich kann es kaum erwarten.

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