Bei extremen Kältereizen wie dem Eisbaden ziehen sich die Blutgefäße schlagartig zusammen. Das Blut aus Armen und Beinen wird ins Körperinnere geleitet, um dort die lebenswichtigen Organe vor dem Auskühlen zu schützen. Anschließend weiten sich die Gefäße wieder: Der gesteigerte Blutfluss versorgt die Zellen mit frischem Sauerstoff, schützt vor Ablagerungen und kann Bluthochdruck vorbeugen. Auch die Schleimhäute, die im Winter oft unter der trockenen Heizungsluft leiden, können wieder besser ihrer Abwehrarbeit gegen Krankheitserreger nachkommen. Mit dem Blut zirkulieren zudem Adrenalin, Noradrenalin und Endorphine – Botenstoffe, die wach machen und Glücksgefühle hervorrufen.
Auf Dauer kann Kälte noch mehr bewirken: Studien zeigen, dass regelmäßiges Eintauchen in kaltes Wasser die oxidative Stressantwort des Körpers abschwächt. Das bedeutet, dass schädliche Einflüsse wie Feinstaub oder UV-Strahlung weniger wirksam sind. Zudem aktiviert Kälte das sogenannte braune Fettgewebe. Dieses wandelt Energie in Wärme um, hilft so, die Körpertemperatur aufrechtzuerhalten und kann schützende Effekte vor Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen entfalten.
Auch die Psyche profitiert von der Kälteexposition. Eine Studie aus 2023 zeigte, dass Teilnehmende nach einem fünfminütigen Kaltwasserbad positiver gestimmt waren – aktiver, wacher und aufmerksamer. Die Zunahme positiver Emotionen korrelierte mit stärkeren Verbindungen zwischen Gehirnnetzwerken für Aufmerksamkeit, Emotion und Selbstregulation, während Nervosität und Stress abnahmen.Zudem verbessert regelmäßiges Eintauchen den Schlaf sowie die Lebensqualität und senkt das Stressempfindungen messbar – bis zu zwölf Stunden danach. Die Praxis wirkt also weit über die kalten Minuten hinaus und in den Alltag hinein.
Eisbaden ist also deutlich mehr als ein kurzfristiger Kick. Viele Praktizierende erleben es als eine bewusste Übung in Körperwahrnehmung, einen ganzheitlichen Ansatz zur Förderung der Gesundheit und ein achtsames Ausdehnen der eigenen Grenzen.
Als unsere Gruppe das Wasser verlässt, strahlen wir übers ganze Gesicht, mit roten Wangen und leuchtenden Augen. Wir sind durchflutet von Glückseligkeit und frieren kein bisschen. Während wir uns abtrocknen, anziehen und heißen Tee trinken, lernen wir, langsam wieder warm zu werden. Nach einigen Bewegungsübungen verabschieden wir uns – mit dem Ziel, uns in vier Wochen erneut hier zu treffen. Ich kann es kaum erwarten.