Verkehrsprojekte im Dialog
Umfragen, Foren, Bürgerräte: Verkehrsdezernent will Beteiligung der Bürger

Hannover. Ein Tunnel unter der Sallstraße, ein neuer S-Bahn-Knoten in der Nordstadt, die Aktualisierung des Nahverkehrsplans: Angesichts der anstehenden Mammutprojekte ahnt Ulf-Birger Franz, Verkehrsdezernent der Region, dass den Planern in der Verwaltung, aber auch den Politikern in der Regionsversammlung mitunter lautstarker Protest begegnen wird. „Wir sollten aber nicht der Tendenz folgen, nur auf die zu hören, die am lautesten sind“, sagt er.

Die Erfahrung des zurückliegenden Jahres, auch mit Blick auf die Kommunalwahl 2026, zeige, dass die Politik in Stadt und Umland durchaus Angst vor negativen Reaktionen auf Social-Media-Plattformen habe. Er wünsche sich deshalb mitunter, den Verzicht auf Kommunikation via Facebook oder Instagram, mehr persönliche Beteiligung von tatsächlich Betroffenen. „Dafür müssen wir es schaffen, diese Menschen einzubinden“, sagt der Dezernent. Nur so ließen sich die Projekte tatsächlich realisieren.

Beim aktuellen Nahverkehrsplan setzt die Region auf einen Bürgerrat mit bis zu 50 Teilnehmenden, die einen repräsentativen Querschnitt der Bevölkerung bilden: Frauen und Männer, Junge und Alte, Alteingesessene und Menschen mit Migrationshintergrund. „Bei Social Media äußern sich oft Menschen in ihrer Blase, die aber eben nur ein Teil der Bevölkerung sind“, sagt Franz. Es wäre bei der Planung und Umsetzung deshalb fatal, nur auf diese Gruppe zu hören.

Denn der Unterschied zeige sich in der Bürgerbeteiligung: „Dort suchen die Befragten nach einem Kompromiss, oft unter pragmatischen Gesichtspunkten.“ Sie würden abwägen zwischen unterschiedlichen Interessen, auch bei solch emotionalen Fragen wie jener nach Erhalt von Parkflächen oder Schaffung von mehr Platz für Kinder. Aus Erfahrung wisse er: „Die Menschen merken sehr genau, ob ihre Beteiligung ernst gemeint ist oder ob sie als Alibi benutzt werden.“

Wer ein solches Forum mit professioneller Moderation organisiere, erhalte im Gegenzug gute Ergebnisse. Im Großen wie im Kleinen. Als Beispiel nennt Franz die IGS Wunstorf, bei der sich die Schülerschaft bei einer Beteiligung für sichere Schulwege einsetzte. Zunehmend erleichtere aber auch die Digitalisierung den Zugang zu Betroffenen. So nutzte die Region die Sprinti-App, um bei den Fahrgästen die Motivation für die Buchung zu erfragen. Mehr als 1000 Menschen antworteten auf die Frage: Warum nutzen Sie den Sprinti? „Die Umfrage dauerte nur drei, vier Minuten, das erledigten viele dann gleich während der Fahrt.“

Das Ergebnis: Mehr als 40 Prozent aller Fahrten gab es nur dank des Sprinti, sei es zum Sport im Nachbardorf, in die Kneipe oder zu Bekannten. „Gerade im ländlichen Raum müssen wir den Menschen ermöglichen, dass sie sich treffen“, sagt Franz, den die hohe Prozentzahl aber überraschte.

Seit einem Jahr gilt auf 17 Durchgangsstraßen in der Region Hannover ein Tempolimit von 30 Kilometern pro Stunde. „Natürlich möchten wir gerne wissen, wie die Reaktionen auf das Pilotprojekt ausfallen“, sagt der Dezernent. Dafür gehe die Region erstmals einen neuen Weg: Alle Einwohner der drei beteiligten Orte Eltze, Steinwedel und Hellendorf erhalten per Post einen QR-Code für eine Umfrage, unabhängig davon, ob sie an der Straße wohnen. Noch läuft die Beteiligung, erste Ergebnisse erwartet Franz Anfang 2026.

Die Ergebnisse der Formate fänden, nach anfänglicher Unsicherheit, inzwischen eine hohe Akzeptanz in der Politik, sagt der Dezernent. „Es gab die Sorge, dass sich die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger nicht realisieren lassen.“ Doch die Erfahrung zeige, dass die Beteiligten sehr vernünftig agieren würden – und anders als bei offenen Runden gebe es weder einen ausgeprägten Lobbyismus von Verbänden noch lautstark vorgetragene Eigeninteressen. „Letztlich vermeiden wir die Polarisierung, auch wenn die neuen Formate mitunter mehr Aufwand bedeuten.“ Das gelte auch für die Mammutprojekte..
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