Musik made in Hannover
Ein Streifzug durch die junge Popszene 2025: Hier sind 17 heimische Künstlerinnen, Künstler, Bands und Projekte, über die Hannovers Musik-Ultras reden

Hat bei ihrem Projekt den Hut auf: Linski (Lina Jacobs) auf der Bühne im Hamburger Knust.Foto: Benjamin Hüllenkremer
Hannover. Das Musikjahr 2025: großartig für die Fans von Stadion-Spektakel und Tiktok-Prominenz. Und die aufstrebenden hannoverschen Künstlerinnen, Künstler und Bands, die sich auf Bühnen von Kulturpalast bis Capitol professionalisieren wollen? Sie produzieren spannende Musik und navigieren dennoch angesichts rasant wachsender KI-Konkurrenz und der allgemeinen wirtschaftlichen Situation durch Zeiten, in denen ihr bisheriges Geschäftsmodell infrage gestellt ist.

Hier geben wir einen Überblick über 17 Songs aus Hannover, die über 2025 hinaus in Erinnerung und relevant bleiben. Diese Liste stellt keine objektiven Charts dar, sondern sie spiegelt subjektive Eindrücke des Autors von sehr vielen Konzerten und dem Hören von mehr als 500 Hannover-Songs aus diesem Jahr wider.

Elo Röger, die Stimme von Hertzcasper, hat seit Jahren queer-feministische Wut im Bauch. Nach zuvor gefälligeren Songs kanalisiert sich in „Gender dich” der Frust erstmalig in Rotz-Rock, der am Schluss in zornige Verzerrung mündet. Ikonisch.

Ein ganzes Album, zwölf Songs. Das gibt es in Spotify-Zeiten bei Independent-Künstlerinnen immer seltener. Schon das macht „Romance is Dead” von Vinter (Nicola Kilimann) bemerkenswert. Die Songs sind auf Poptempo beschleunigtes Singer-Songwriter-Gold mit schlauen Subtexten. Sie machen trotz des Titels Hoffnung auf die Wiederbelebung des Romantischen.

In der Band Me & Ms Jacobs ging’s bisher um Nostalgie. Jetzt hat sich Sängerin Lina Jacobs musikalisch gehäutet und rammt als Linski im aktuellen Clubsound ein paar antipatriarchale Pflöcke ein, an denen auch in nächster Zeit keiner so leicht vorbeikommt.

Schlecht gelaunte Musik gut gelaunt vorgetragen: Alex Müllers Band Laune lässt es krachen. „Viel zu viel” ist ein druckvolles Debüt mit College-Rock und Misfit-Attitüde. Macht Lust auf mehr.

Drama, Glamour, große Pose. Darian Tabatabaei schafft es mit dem Debütalbum „Wie im Film“, einen opulenten Sound à la Elton John, David Bowie und Jim Steinman zu entstauben. „Ist‘s mir wert“ ist untypisch balladesk, aber hinreißend und das cremigste Vokalarrangement des hannoverschen Popjahres.

Wie überwindet man die Angst vor dem Monster unterm Bett? Vielleicht mit dem Song „Wach” von Lavinia. Das ist kraftvoll klagender, aber zugleich tröstender Deutschpop mit ein bisschen Hauptstadt-Attitüde. Der Soundtrack zur Sinn- und Selbstsuche einer Gesellschaft im Krisenmodus.

Das Comeback des Jahres im Hannover-Pop: Louk Jones war vor Jahren und vor der Geschlechtsanpassung schon einmal als Louisa Jones bei „The Voice of Germany”. Jetzt, mit gereifter und tieferer Stimme, wieder dabei – und es geht mit Coach Nico Santos bis ins Halbfinale. Dann raus – mit sehr viel verdientem Applaus.

Drückender, deutscher Tempo-Pop: Ivana traut sich 2025 aus ihrer bisherigen Wohlfühlzone des Balladesken heraus und zieht das Tempo ihrer Songs an. Mit „Programmiert“ ist sie Kandidatin für größere Festivalbühnen und in Hannovers Popmusik das präzise Befindlichkeitsbarometer.

Lilli (Evers) ist eine Hälfte des aufstrebenden Duos Ohne Marie und hat im Sommer ein bemerkenswertes Soloalbum veröffentlicht, das zu Unrecht in der Szene kaum Gesprächsthema war. „Was ich gerade geträumt hab” fühlt der Gen Z den Puls – der ist ein bisschen schwach, aber immerhin regelmäßig.

Sänger Ole Schaup hat mit seiner Band Kargo den „Sixpack“-Wettbewerb des Musikzentrums im Jahr 2024 gewonnen. Jetzt erobert er Herzen und Bühnen in der Stadt. Er ist – auch wenn das abgedroschen klingt – der authentische Typ. Seine Songs haben Ecken und Kanten und Mitsingrefrains.

Sophia Gökens Disco-Jazz-Avantgarde-Trio Vylla ist in Hannover etabliert. Ihre Kompositionen und Arrangements mit dem Large Ensemble waren ein Highlight der Jazzwoche. Sie hat das FLINTA*-Kollektiv der Musikhochschule mitgegründet. Sie gehörte 2025 zur festen Band beim „Musste Hören!“-Spektakel der HAZ auf dem Maschseefest. Und jetzt ist sie fürs Masterstudium Jazzkomposition nach Basel umgezogen. Ein Verlust für Hannover.

Geduld in Terrabyte messen? Vielleicht ist gerade diese gewollt falsche Verwendung des Numeralklassifikators der Schlüssel zur wohl einprägsamsten Refrainzeile in Hannovers Pop 2025. Thelma Malar ist gerade erst zum Studium von Berlin nach Hannover gezogen. Liegt’s daran, dass sie den Zeitgeist so sicher trifft?

Felix Herbst hat sein Talent zuerst auf den Straßen seines Heimatortes Beienrode am südlichen Harzrand erprobt. Jetzt lebt er in Hannover, lässt die Straßen hinter sich und drängt mit modernen, dezent elektrifizierten deutschen Indiepop-Songs à la „Anlehnen” auf die Bühnen. Manchmal melancholisch, aber Herbst kann auch sommerlich.

Zum Ende eines Sommer voller Festivalauftritte hat Serpentin (Johanna Kaiser) das Minialbum „Die schönste Tragödie“ veröffentlicht. Songs wie „Eskapismus“ fangen die Energie ihrer Performance mit messerscharfen Elektrobeats und düsteren Akkorden ein. Ihre Texte sind die Betriebsanleitung fürs Nächtedurchtanzen, wenn die Einschläge näherkommen: „Über 1000 Grad, ich mach heute Nacht schwarze Magie. Das Gewitter hab ich mir verdient – Eskapismus.“

Jeanie definiert 2025 den Stand von Neosoul in Hannovers Szene. „Gogetter” ist ein perfektes Beispiel für ihre Mixtur aus schwerem Groove, federleichten Melodien – und neuerdings Rap mit ihrem ganz eigenen Flow. Das klingt nach weltstädtischer Coolness. Mehr davon!

Auftritte von Amina sind ein Phänomen: begeistertes Publikum, Räume voller Energie. Das liegt einerseits daran, dass jede Zeile Spanisch in Songs wie „La Mejor“ bei Norddeutschen Urlaubsassoziationen auslöst. Andererseits trägt auch das leicht heisere Kratzen in Aminas Stimme zum Phänomen bei. Es sendet ans Unterbewusste die Botschaft: Achtung, die meint das mit dem Spaß auf der Bühne richtig ernst!Die Stimmung der Gen Z in einem Song auf den Punkt bringen? 2025 gelingt das in Hannover den Ottolien-Brüdern Leonard und Jonas mit Lied „Bleib lieb“ – ein Stück gegen die Logik des militärischen Rüstungswettlaufes. Dabei ist „Bleib lieb” gar kein richtiger Popsong im Strophe-Refrain-Schema, sondern ein Flehen um das Lieb-Bleiben und das In-den-Arm-Nehmen, wenn die Gleichzeitigkeit der vielen Krisen unerträglich wird.



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