Wachablösung
Die Deutschrapper Bushido und Apache 207 spielen kurz hintereinander in Hannovers ZAG Arena.
Der Erste füllt die Halle bisher nicht ganz, der Zweite gleich viermal.

Rapper im Netzhemd: Für ein solches Outfit wäre Bushido wohl verspottet worden – doch Apache 207 definiert Coolness neu.Foto: Sony Music
Hannover. Es ist kein fairer Vergleich, zugegeben. Und doch liegt er nahe. Im Januar treten zwei Schwergewichte des Deutschraps in Hannover auf. Der eine, Apache 207, füllt die ZAG Arena an vier Abenden – am 18., 19., 21. und 22. Januar. Der andere, Bushido, gibt wenige Tage zuvor am 14. Januar sein wohl letztes Konzert in der Stadt. Er spielt seine Abschiedstournee. Karten gibt es noch für alle Tourstopps.

Der Vergleich hinkt aus mehreren Gründen. Apache 207, bürgerlich Volkan Yaman (28), steht auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Bushido, alias Anis Ferchichi (47), hat seine große Zeit hinter sich. Apache singt und tanzt, seine Musik läuft im Radio und ist massentauglich. Bushido will nicht allen gefallen. Er ist vielleicht der bekannteste Gangsta-Rapper Deutschlands, dessen Texte teils auf dem Index landeten, weil sie als jugendgefährdend galten.

Und doch: Das Aufeinandertreffen der beiden Stars in Hannover beleuchtet den Wandel des Deutschraps, der sich seit Jahren in den Mainstream schiebt. Es zeigt, wie sich die Vorbilder der Jugend verändert haben – und mit ihnen die Hip-Hop-Ideale von „Coolness“ und „Realness“.

In Hannover begegnen sich nicht nur zwei Rapper, sondern zwei Epochen, zwei Konzepte von Öffentlichkeit und Kunstfigur. Da ist Apache 207, lässiger Überflieger, Streaming-König, verkappter Schlagersänger. Und da ist Bushido, 46, Straßenrap-Legende, Provokateur im Ruhestand, müde von seiner eigenen Rolle. Man könnte es brutal zusammenfassen: Apache 207 ist in, Bushido out.

Bushido war einst der große Mythenerzähler des deutschen Rap. Er schuf eine Figur, die über Jahrzehnte funktionierte: hart, unversöhnlich, beleidigend, diskriminierend – und doch faszinierend genug, um im Feuilleton anzukommen. Er saß bei Markus Lanz und SternTV, erklärte der bürgerlichen Mitte Rap und rechtfertigte Frauen- und Schwulenfeindlichkeit als Teil der Kunstform.

Anis Ferchichi nutzte Hass als PR-Strategie, Provokation als Motor. Die Kunstfigur Bushido habe er wie ein Bildhauer geformt, sagte er kürzlich der Süddeutschen Zeitung – sorgfältig, immer extremer. Doch irgendwann konnte er die Rolle nicht mehr ablegen. „Irgendwann war ich immer Bushido. Dieser asoziale Vollpenner.“ Der aggressive, homophobe, frauenverachtende Rapper wurde zur gelebten Identität. Und damit unzeitgemäß – gesellschaftlich wie popkulturell. Bushido versuchte sich stets in Talkshows und Dokus zu erklären. Apache 207 hingegen muss nichts erklären. Er schwebt über den Dingen, strahlt eine mühelose Coolness aus, die Bushidos angestrengte Härte fast lächerlich wirken lässt.

Wenn Apache in seinem Hit „Roller“ Motorengeräusche imitiert oder auf Kinderlied-Samples („Fame”) singt, wirkt das nicht peinlich. Der Ludwigshafener spielt zwar mit Gangsta-Rap-Symbolik und Straßenherkunft, doch immer mit einer Prise Selbstironie. Der entscheidende Unterschied zu Bushido liegt nicht nur im Sound, sondern auch im Umgang mit der Kunstfigur. Apache inszeniert sich maximal, aber kontrolliert. Er gibt so gut wie keine Interviews, zeigt Nähe ohne Preisgabe. Authentizität ist bei ihm ein Effekt, keine Offenbarung. Er leidet nicht an seiner Rolle, sondern nutzt sie. Wenn er Unsicherheit zeigt, dann als ästhetische Geste, nicht als biografischen Abgrund.

Und dann ist da seine Musik. Sie hat mit klassischem Hip-Hop kaum noch zu tun. Seine Songs funktionieren als Eurodance-Hits („Roller“), Stadionhymnen („Komet“) oder melancholische Schlager mit Autotune-Schmelz und 80s-Sound („Morgen“). Gerappt wird sporadisch, eher als Stilmittel.

Und doch: Auf der Bühne steht ein Rapper, mit Sonnenbrille, Statussymbolen, Herkunftsnarrativ und Straßenmythos. Apache zeigt, wie sehr sich Deutschrap geöffnet, melodisiert und entgrenzt hat – bis zur Genreauflösung. Gleichzeitig beweist er, dass Deutschrap heute vor allem ein verlässliches, hochprofitables Spielfeld für Kunstfiguren ist. Die Musik darf sich verändern, die Ikonografie nicht.

Was sich an Bushido und Apache erzählen lässt, ist die Entwicklung eines Genres. Deutschrap war einst Kampfansage, Milieustudie, Provokation. Heute ist er Popkultur im Vollbetrieb. Streamingzahlen ersetzen Street Credibility, Mitsingbarkeit ersetzt Aggression.

Jugendliche, die Apache 207 hören, provozieren ihre Eltern nicht, obwohl der ebenfalls sexistische Texte im Repertoire hat („Kleine Hure“). Doch sein Sound ist anschlussfähig. Bei ihm kommen die Eltern mit aufs Konzert, weil sie „Komet“ mit Udo Lindenberg lieben – und diesen geheimnisvollen Hünen mit Pferdeschwanz und Sonnenbrille vielleicht auch irgendwie faszinierend finden.

Bushidos Abschied von der Bühne – falls er endgültig ist – überrascht nicht, sondern wirkt folgerichtig. Er selbst sagt, die Musik gebe ihm nichts mehr, die Szene sei ihm fremd geworden. Vielleicht ist das die Pointe dieser so unterschiedlichen Arena-Konzerte in Hannover: Der einstige Gangsta-Rapper ist noch Gast auf einer Party, deren Musik längst nicht mehr seine ist.

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