Hoffnung aus der Dunkelkammer
Neue Technik, neues Design und der neue „Avatar“-Film: Im Astor-Kino gibt es jetzt einen Saal, der in Niedersachsen einmalig ist

Foto: Nancy Heusel
Hannover. Sehen Sie: Sie sehen nichts. Wer das umgebaute Kino 1 im hannoverschen Astor Grand Cinema betritt, blickt auf unauffällige schwarze Wände. Die imposante Technik, die hier im vergangenen halben Jahr eingebaut wurde, bleibt für das Publikum unsichtbar – zumindest, bis der Film beginnt.

In dem Saal, der punktgenau zum deutschen Filmstart von James Camerons Blockbuster „Avatar: Fire and Ash“ fertiggestellt wurde, ist ein noch recht neues Konzept des US-Unternehmens Dolby realisiert. Es verspricht ein besonders intensives Kinoerlebnis. Der Saal im Astor ist der erste dieser Art in Niedersachsen. Tom Flebbe, der gerade in die Geschäftsführung des von seinem Vater Hans-Joachim Flebbe gegründeten Unternehmens einsteigt, spricht bei der Eröffnung von „einem Meilenstein für die Geschichte des Hauses“.

Erstmals kümmert sich Dolby in den Kinos nicht nur um die Tonqualität und die Bildprojektion, sondern um den gesamten Saal. Das US-Unternehmen hat strenge architektonische Vorgaben gemacht, die dazu dienen sollen, dass die Besucherinnen und Besucher durch nichts vom gezeigten Film abgelenkt werden.

Der gesamte Saal ist sehr dunkel, die schwarze Decke wird quer von neun schmalen, weißen Leuchtstreifen rhythmisiert. An den schwarzen Seitenwänden zeichnet ein einziges blaues Lichtband die nach oben ansteigende Kontur des Zuschauerraums nach. Ein bisschen sieht es aus wie in der Kommandozentrale des Todessterns bei „Star Wars“.

Hinter den dunkel abgespannten Wänden verbirgt sich ein Netz von 55 Lautsprechern. Von allen Plätzen im Saal soll der Eindruck entstehen, man sei vom Klang eingehüllt. Der Kinobesuch soll akustisch zu einem immersiven Erlebnis werden. In der Praxis bedeutet das vor allem: Man wird von jedem lauten Wumms, die in der neuen „Avatar“-Folge großzügig verteilt sind, ordentlich durchgeschüttelt. Die Schallwellen, die die Basslautsprecher in den Saal pumpen, bewegen spürbar die Luft.

Größter Pluspunkt des Konzepts ist eine Laserprojektionstechnik, die bisherige Standards in den Schatten stellen soll. Das Bild auf der leicht gebogenen Leinwand ist doppelt so hell, wie es bei herkömmlicher Technik der Fall ist. Auffällig ist die Kontrastschärfe, die laut Dolby sogar 500-mal intensiver ist als bei normalen Filmen: Der Unterschied zwischen dem hellsten und dem dunkelsten Punkt auf der Leinwand ist also besonders groß. Sichtbar wird das vor allem, wenn das Bild schwarz ist: So tiefe Dunkelheit ist im Kino sonst kaum zu sehen.

Das Astor-Kino hat einen hohen sechsstelligen Betrag in den Umbau des Saals investiert. Tom Flebbe erhofft sich davon, mehr Zuschauende vom heimischen Streaming loszueisen und ins Kino zu locken. Der 28-Jährige hat sich nach eigenem Bekunden die Entscheidung nicht leicht gemacht, in das Kino-Imperium seines Vaters einzusteigen. Denn der Branche geht es immer schlechter: Vor Corona sind jährlich noch mehr als 120 Millionen Menschen in Deutschland ins Kino gegangen, inzwischen sind es nur noch rund 85 Millionen. „Das ist ein extremer Rückgang“, sagt Flebbe. Mit seinem Vater, der 1991 in Hannover das erste Cinemaxx gegründet hatte, das er nach einer Unterbrechung seit 2014 als Astor betreibt, sei er sich über die einzig möglich Strategie einig, um das Kino in die Zukunft zu führen, sagt Flebbe. „Es geht nur in eine Richtung: Premium“. Der Kinobesuch soll vom Catering bis zur Tontechnik ein Ereignis sein, das sich so zu Hause nicht erleben lässt.

Im Astor verfolgt man diese Strategie schon länger und ist offenbar erfolgreich: Entgegen dem bundesweiten Trend, der zuletzt einen Besucherrückgang in den Kinos von etwa 15 Prozent verzeichnet, kämen in Hannover nur rund 5 Prozent weniger Besucher, sagt Flebbe. Der neue Saal 1 soll helfen, den Negativtrend weiter aufzuhalten.

Um die Technik möglichst eindrucksvoll zur Geltung zu bringen, werden im neuen Saal die Filme gezeigt, die das unterstützen. Zur Eröffnung war ein kurzes Filminterview mit dem Regisseur James Cameron zu sehen, der die Möglichkeiten von Dolby überschwänglich lobte.

Camerons neuer „Avatar“-Film zeigt allerdings auch, dass bessere Technik nicht unbedingt zu besseren Geschichten führt. In dem Film wird viel geflogen und gekämpft und auch sonst so bewusst auf optische und akustische Überwältigung gesetzt, dass eine logische, bewegende Handlung in den Hintergrund gerät.

Der neue Saal im Astor in Hannover ist auch ein Testlauf: Ist er erfolgreich, könnten auch andere Häuser etwa in Braunschweig umgerüstet werden. Gezeigt werden Filme, die besonders zugstark sind. Flebbe ist überzeugt, dass „Avatar“ trotz des späten Filmstarts der erfolgreichste Film des Jahres 2025 werden wird. Für das kommende Jahr setzt er Hoffnungen aus Titel wie „Die Odyssee“ von Christopher Nolan und den dritten Teil der „Dune“-Verfilmung.

Die Vorstellungen im Dolby-Cinema-Saal sind etwas teurer als die in den anderen Astor-Sälen. Derzeit kostet dort ein Ticket für „Avatar“ in der Regel 2,50 Euro mehr als die normalen Tickets.



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